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CDU-Spitzenkandidat Meyer-Heder
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Angriff auf den roten Erbhof in Bremen

Jürgen Theiner 26.05.2018 11 Kommentare

Carsten Meyer-Heder
Will Verkrustungen aufbrechen – wie, bleibt noch unklar: Carsten Meyer-Heder (Björn Hake)

Es ist alles hergerichtet für den großen Tag. Wenn an diesem Sonnabend 228 CDU-Delegierte aus Bremen und Bremerhaven im Swissotel am Hillmannplatz zusammenkommen, um ihren Spitzenkandidaten für die Bürgerschaftswahl 2019 zu küren, dann soll das eine entscheidende Wegmarke werden auf Carsten Meyer-Heders Weg ins Rathaus. Die Parteitagsregie wird den 57-Jährigen als Hoffnungsträger der Hansestadt in Szene setzen, als den erfolgreichen Selfmademan und Seiteneinsteiger aus der Wirtschaft, der die Verkrustungen von sieben Jahrzehnten SPD-Herrschaft sprengt. Als den Mann, der mit seinem Unternehmen Großes geschaffen hat und dem zuzutrauen sei, Gleiches für Bremen zu erreichen.

Aus Berlin kommt eigens CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, um den Kandidaten einzusegnen. Auch ein Imagefilm ist vorbereitet: Meyer-Heder lässig auf dem Motorrad, auf einer Fähre, die zur Überseestadt tuckert, auf der Aussichtsplattform des Atlantic-Hotels in Bremerhaven und am Schlagzeug, das er in jungen Jahren so gerne spielte. Ein cooler Typ, so die Botschaft, ein Kandidat zum Anfassen, kein konservativer Schlipsträger aus Schwachhausen, der mit einem silbernen Löffel im Mund zur Welt kam.

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So eingeführt, wird Meyer-Heder ans Rednerpult schreiten – und man kann sicher sein, dass ihm das Herz dann bis zum Halse schlägt. „Ich habe noch nie etwas gesagt, wo ich dachte: Jetzt muss einer klatschen“, lässt Meyer-Heder durchblicken. Auftritte vor größerem Publikum sind nicht seine Sache. Schon in der eigenen Firma fallen sie ihm schwer, sagen Mitarbeiter. Einmal im Quartal unterrichtet Meyer-Heder die Beschäftigten seines Unternehmens Neusta über aktuelle Entwicklungen. „Lage der Nation“ heißt dieses Ritual intern. „Da merkt man ihm an, wie nervös und aufgeregt er ist“, so ein Insider. Meyer-Heders Stärke sei eher der Austausch in überschaubarer Runde, wo nicht alle auf ihn fixiert sind. Im persönlichen Gespräch wirke er zugewandt, gewinnend, überzeugend.

Carsten Meyer-Heder wird als Bürgermeisterkandidat also noch dazulernen müssen. Er weiß das auch: „Ich muss mich professionalisieren, ohne meine Authentizität zu verlieren.“

Carsten Meyer-Heder ist Bremer durch und durch

Doch was macht das Authentische an Meyer-Heder aus? Zunächst einmal ist er Bremer durch und durch. Er wurde hier geboren, machte 1979 sein Abitur im Holter Feld, lebte als junger Mann ein paar Jahre im Viertel. Nach seinem Zivildienst studierte er von 1982 bis 1986 Wirtschaftswissenschaften an der Uni Bremen und war nebenbei als freischaffender Musiker tätig. Nach einer schweren Erkrankung verabschiedete er sich von der Vorstellung einer Künstlerkarriere. Anfang der Neunzigerjahre schulte er zum Software-Entwickler um, seinen ersten einschlägigen Job trat er anschließend in einer Bremer Unternehmensberatung an. So weit, so unspektakulär. Doch Meyer-Heder wollte mehr.

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Er erkannte die Chancen der aufstrebenden Internetwirtschaft und machte sich 1993 mit der Gründung der Firma Neusta selbstständig. Über die Jahre wuchs Neusta zu einem der deutschlandweit führenden Anbieter von Softwarelösungen sowie Beratungs- uns Serviceleistungen rund ums Internet heran. 2014 war Carsten Meyer-Heder Bremer „Unternehmer des Jahres“, 2017 lag der Jahresumsatz der Neusta-Unternehmensgruppe bei rund 170 Millionen Euro, die Beschäftigtenzahl überstieg die Tausendermarke. Erfolgshunger und Zielstrebigkeit sind also weitere Merkmale des Carsten Meyer-Heder.

Er könnte so weitermachen wie bisher. Sich an Wachstumsraten und Umsatzzahlen erfreuen, einen achten oder neunten Firmenstandort einweihen. Doch das wäre kein Wagnis mehr. Kein wirklich neues Projekt, an dem man sich erproben kann. Was stattdessen? Beim Nachdenken über echte Herausforderungen muss Meyer-Heder irgendwann die Bremer CDU in den Sinn gekommen sein. Jener chronisch erfolglose Landesverband der Christdemokraten, dem noch nie ein Wachwechsel im Senat gelungen ist und der sich ab und an auch mal selbst zerlegt. Wer es schafft, dieser von Niederlagen gezeichneten Truppe neuen Kampfgeist einzuhauchen und an ihrer Spitze ins Rathaus einzuziehen, der hätte wahrhaft Großes geleistet.

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Meyer-Heder will das. Im vergangenen Jahr – damals war er noch gar nicht Mitglied der Partei – brachte er sich selbst beim CDU-Landesvorsitzenden Jörg Kastendiek für die Spitzenkandidatur ins Gespräch. Und sollte der Parteitag ihn an diesem Sonnabend mit einem Vertrauensvotum ausstatten, dann bekommt er die Chance, Bürgermeister Carsten Sieling herauszufordern.

Die Gelegenheit ist tatsächlich günstig. Erst kürzlich zeigte eine repräsentative Umfrage im Auftrag des WESER-KURIER, dass der Rückhalt der Sozialdemokraten in ihrem Erbhof Bremen immer mehr schwindet. Ganze 26 Prozent der Befragten konnten sich noch vorstellen, ihr Kreuz bei der SPD zu machen, die früher für absolute Mehrheiten gut war. Zwar kam auch die CDU nur auf 24 Prozent. Doch wo früher Welten zwischen Rot und Schwarz lagen, sind es jetzt nur noch Zentimeter. Sollte es Meyer-Heder und seiner CDU im Wahlkampf gelingen, die latente 70-Jahre-SPD-sind-genug-Stimmung weiter zu befeuern und in positive Energie für den Spitzenkandidaten umzuwandeln, dann wäre das bisher Undenkbare plötzlich real.

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Zumindest die eigene Partei scheint er inzwischen mit seinem Optimismus angesteckt zu haben. Die skeptischen Stimmen, die vor dem politischen Grünschnabel warnten, sind weitgehend verstummt. Ex-Senator und CDU-Kreisverbandschef Jens Eckhoff, der sich selbst Chancen auf die Spitzenkandidatur ausgerechnet hatte, verhält sich auffallend loyal, obwohl es ihm schwergefallen sein muss, Meyer-Heder an sich vorbeiziehen zu sehen. Eckhoff hätte es jedenfalls nicht nötig gehabt, sich in der Partei erst einmal bekannt zu machen, so wie es Meyer-Heder im Spätwinter auf seiner Tingeltour durch die Stadtbezirksverbände tat.

Donnerstag, 1. März, Schuppen 1 in der Überseestadt. Der CDU-Stadtbezirksverband West hat zur Vorstellung des designierten Spitzenkandidaten eingeladen, und zwar – ungewöhnlich genug – in den Firmenräumen von Neusta. Die meisten Interessenten haben offenbar Probleme, die Lokalität zu finden, sie irren vor dem riesigen Gewerbebau oder im Erdgeschoss zwischen den dort ausgestellten Oldtimern umher. Der Neusta-Chef hilft, das Parteivolk einzusammeln, sodass der Termin mit halbstündiger Verspätung beginnen kann.

"Ich versuche jetzt, was zu tun" – aber was?

Carsten Meyer-Heder stellt sich an diesem Abend so vor, wie er es schon bei über einem Dutzend ähnlicher Abende in den Stadtteilen getan hat. Er präsentiert sich als pragmatischer Macher, der mit unverstelltem Blick auf die Probleme Bremens schaut. Die Botschaft: Bremen ist auf vielen Gebieten Schlusslicht, aber das muss ja nicht so bleiben. „Ich bin oft in München oder Stuttgart unterwegs. Da werde ich immer mitleidig angeguckt“, sagt Meyer-Heder. Die etwa 30 Parteimitglieder nicken verständnisvoll. Marode Schulen, zu wenige Kita-Plätze, Abwanderung von produzierendem Gewerbe – vieles liege in der Hansestadt im Argen.

„Ich versuche jetzt, was zu tun“, kündigt der Hausherr an. Was genau, erfährt man nicht. Meyer-Heder bleibt stets im Ungefähren, fordert „mehr Schwung, mehr Dynamik“. Es müsse gelingen, „Verkrustungen aufzubrechen“, dann werde es schon klappen mit dem Wandel. Kritische Nachfragen gibt es nicht. Die Basis ist durchaus angetan von ihrem designierten Spitzenmann, und als der sein frisch erworbenes Parteibuch in die Höhe reckt, ist das Eis endgültig gebrochen.

"Der Wahlkampf muss auf die Person zugeschnitten Meyer-Heder sein"

So leicht wird es der 57-Jährige im Wahlkampf natürlich nicht haben. Er wird sich dann auch zu Themengebieten äußern müssen, auf denen er nicht firm ist. Als Generalist aufzutreten und mangelnde Detailkenntnisse mit der Bemerkung abzutun, er brauche nicht jedes Rädchen im Verwaltungsgetriebe zu kennen – damit werden ihn die politischen Gegner nicht durchkommen lassen. Schon jetzt lauern sie auf Fehler. Als Carsten Meyer-Heder Mitte März bei einer Veranstaltung in Bremerhaven sagte, er habe „hier noch nie um 12 Uhr nachts in einem Brennpunktstadtteil in der Straßenbahn gesessen“, ergossen sich Hohn und Spott über ihn. „Der kennt sich aus“, ätzte SPD-Wirtschaftssenator Martin Günthner im Kurznachrichtendienst Twitter, „die letzte Straßenbahn fuhr 1982 in Bremerhaven.“

Es dürfte der Horror der Wahlkampfstrategen und der altgedienten Parteigranden sein: Dass sich ihr Bürgermeisterkandidat in Fachdebatten um Kopf und Kragen redet oder – angesprochen auf konkrete Sachthemen – bekennen muss: Weiß ich nicht, kenn ich nicht, hör ich zum ersten Mal. Vorerst stellt die Partei ihm deshalb bei Medienterminen die erfahrenen Fachpolitiker der Bürgerschaftsfraktion an die Seite. So wie vor wenigen Tagen, als die CDU ihren Vorschlag präsentierte, an der Uni Bremen einen Medizinstudiengang zu etablieren. Carsten Meyer-Heder durfte ein paar einleitende Sätze sagen, dann übernahm Fraktionschef Thomas Röwekamp den eigentlichen inhaltlichen Part.

Wahlkampf wird auf Meyer-Heder zugeschnitten

Die Wahlkampfstrategie der CDU wird daher nicht darauf ausgerichtet sein, den Kandidaten in die direkte Konfrontation mit dem Amtsinhaber zu führen. Es wird darum gehen, Wechselstimmung zu erzeugen. Man wird Carsten Meyer-Heder als das neue Gesicht präsentieren, als die unverbrauchte Kraft, die mit frischen Ideen und unorthodoxen Ansätzen gegen eine ausgelaugte SPD antritt. Neusta(rt) statt Weiter so. „Der Wahlkampf muss und wird auf die Person Meyer-Heder zugeschnitten sein“, sagt ein Vertreter der Bremer Wirtschaft, der sich für den CDU-Bewerber stark macht. Das Internet eignet sich für solche Imagekampagnen besonders, und man darf sicher sein, dass der netzaffine Kandidat sich dieses Werkzeugs sehr gezielt bedienen wird.

Noch läuft sich Meyer-Heder in seinem Blog „Ab ins Rathaus“ lediglich warm, aber das wird sich nach der Nominierung durch den Parteitag sicher ändern. Für den Sommer ist bereits ein Format in Arbeit, das Carsten Meyer-Heder dabei zeigt, wie er mit örtlichen Akteuren in der Stadt unterwegs ist. Im Vegesacker Brennpunkt Grohner Düne zum Beispiel oder mit einem Kinderarzt in Huchting. In einem weiteren Film wird zu sehen sein, wie er im Auto mit dem Bauunternehmer Kurt Zech durch die Innenstadt kurvt und dabei über den Wandel der City spricht.

Sich am Steuer eines Wagens zu zeigen, das passt zu Carsten Meyer-Heder. Image und Realität fallen da zusammen. Der 57-Jährige hat etwas übrig für schöne Autos, einige nennt er sein eigen. Vor ein paar Wochen ergänzte er den privaten Fuhrpark um einen 40 Jahre alten Mercedes. Meyer-Heder hatte ihn in der Oldtimer-Ausstellung im Schuppen 1 entdeckt. Ein gediegenes Modell, an dem sich vorn ein Stander befestigen lässt. Es war Hans Koschnicks letztes Dienstfahrzeug als Bürgermeister. Im Fond dieser betagten Senatskarosse zur Amtseinführung im Rathaus vorzufahren – das könnte Carsten Meyer-Heder wohl gefallen.

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