Kommentar über explodierende Mieten

Der Mensch muss wohnen können, um Mensch zu sein

Bezahlbaren Wohnraum in Bremen zu schaffen, ist eine Mammutaufgabe. Dafür braucht es einen starken politischen Willen, öffentlichen Druck und ein neues gesellschaftliches Bewusstsein, meint Marc Hagedorn.
22.03.2019, 20:17
Lesedauer: 3 Min
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Der Mensch muss wohnen können, um Mensch zu sein
Von Marc Hagedorn
Der Mensch muss wohnen können, um Mensch zu sein

Bezahlbares Wohnen in Bremen ist ein Generationenprojekt, meint Marc Hagedorn.

studio b bremen

Rio Reiser wusste, worauf es ankommt. „4 Wände, meine 4 Wände, ich brauch‘ meine 4 Wände für mich. Eine Wand für ein Bett, nicht zu klein, eine Wand für den Tisch mit dem Wein, eine Wand für den Sonnenschein, denn bei mir soll‘s nicht dunkel sein.“ So dichtete der poesiebegabte Sänger und Schauspieler vor gut 30 Jahren.

Es ist kein Zufall, dass das Bremer Aktionsbündnis „Menschenrecht auf Wohnen“ diese Zeilen ins Zentrum eines Faltblattes stellt, das an diesem Sonnabend in der Stadt hundertfach verteilt werden soll. Das Bündnis ruft ab 11 Uhr am Bahnhofsplatz zu einer Demonstration auf, Motto: Die Stadt muss allen gehören! Gegen Mietenwahnsinn, Bodenspekulation und Verdrängung.

Fast unmöglich oder fast unbezahlbar

Das klingt radikal und alternativ und sehr links, zumal wenn der Ex-Anarcho Rio Reiser als Kronzeuge dient. Aber deshalb sind der Anlass für den Protest und die Anliegen der Demonstranten nicht automatisch falsch. Es wird höchste Zeit, dass der fehlende Wohnraum nach ganz oben auf die politische Agenda und ins Bewusstsein möglichst vieler Bremer Bürger rückt.

Wohnen in Bremen ist teuer. Nicht so teuer wie in München, Hamburg, Freiburg oder Berlin, aber wer in Bremen eine Wohnung sucht oder suchen muss, merkt sehr schnell: entweder fast unmöglich oder fast unbezahlbar. Es betrifft nahezu jeden, quer durch die Gesellschaft: junge Paare, die beschließen, zusammenzuziehen. Partner, die sich getrennt haben. Junge Familien, denen die alte Wohnung zu klein wird. Mieter, denen wegen Eigenbedarfs gekündigt worden ist. Studenten und Auszubildende, die es nach Bremen verschlagen hat. Von fehlendem Wohnraum für Geflüchtete und Obdachlose ganz zu schweigen.

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„4 Wände, meine 4 Wände, ich brauch‘ meine vier Wände für mich. Eine Wand für mein Klavier, eine Wand für ein Bild von dir, eine Wand für eine Tür, sonst kommst du ja nicht zu mir.“ Das, was bei Rio Reiser das kleine Glück ist und wie eine Selbstverständlichkeit klingen müsste, ist 2019 in keiner deutschen Großstadt selbstverständlich.

Auf dem Bremer Wohnungsmarkt bestimmen die Vermieter den Preis. Zwar gibt es in Bremen keinen offiziellen Mietspiegel, aber diverse Analysen ermitteln Mieterhöhungen in den vergangenen fünf Jahren bei Neubezügen, je nach Stadtteil, von 20 bis 30 Prozent. Bundesweit sind die Mieten 2017 im Schnitt um 4,5 Prozent gestiegen, in Bremen sogar um noch mehr, um 7,4 Prozent.

Bremen ist bunt. In der Stadt leben Millionäre, Unternehmer, Manager, Akademiker. Aber auch Menschen, die als armutsgefährdet gelten; auf fast jeden vierten Bremer trifft das zu.

Die Politik will korrigieren

Es geht nicht um Klassenkampf. Aber Stadtentwicklung wird problematisch, wenn sich der Wohnungsbau von der Mitte und von ganz unten entfernt. Offensichtlich ist das in Bremen der Fall, wie eine Untersuchung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zur sogenannten Mietbelastungsquote zeigt. In dieser Rangliste liegt Bremen deutschlandweit auf Platz fünf. Demnach geben rund 47 Prozent aller Bremer Haushalte mehr als ein Drittel ihres Geldes für die Miete aus.

Als „bezahlbar“ gilt eine Wohnung aber nur solange, wie die Mietkosten nicht mehr als 30 Prozent des Haushaltsnettoeinkommens auffressen. Die Politik in Bremen ist dabei, einige dieser Fehlentwicklungen zu korrigieren. Die Stadt hat sich die Brebau zurückgeholt und damit neben der Gewoba ein weiteres Unternehmen, über das sie neuen und bezahlbaren Wohnraum schaffen kann.

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Es gibt aktuell Anzeichen für ein aktiveres Zupacken als in den vergangenen Jahren: Der Senat hat grünes Licht für das Projekt Scharnhorstkaserne gegeben. Die Gewoba hat das Bundeswehrhochhaus an der Falkenstraße gekauft. Das dritte Wohnraumförderprogramm ist um 25 Millionen Euro aufgestockt worden. Drei gute Nachrichten allein in den vergangenen sieben Tagen.

Nehmen sie dem Thema die Dringlichkeit und dem Protest an diesem Sonnabend die Legitimation? Überhaupt nicht. Denn noch ist gar nichts besser geworden. Bezahlbares Wohnen in Bremen ist ein Generationenprojekt, das einen starken politischen Willen und gesellschaftlichen Druck braucht.

Von der Demo muss ein Impuls ausgehen, der sich ins kollektive Bewusstsein eingräbt. Wohnen ist eine existenzielle Frage. Der Mensch muss wohnen können, um Mensch zu sein. Rio Reiser sagt es so: „4 Wände, meine 4 Wände, ich brauch‘ meine 4 Wände für mich. Die mich schützen vor Regen und Wind, wo ich nur sein muss, wie ich wirklich bin.“

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