Sieling und Günthner im Interview „Die Stadtmusikanten sind Symbol für Wandel und Veränderungen“

Bürgermeister Carsten Sieling und Wirtschaftssenator Martin Günthner sprechen im Interview über die Bedeutung der Stadtmusikanten für Bremen.
06.02.2019, 21:04
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
„Die Stadtmusikanten sind Symbol für Wandel und Veränderungen“
Von Lisa-Maria Röhling

In diesem Jahr werden die Stadtmusikanten 200 Jahre alt. Was verbinden Sie persönlich mit den Figuren?

Carsten Sieling: Mit dem Märchen der Brüder Grimm bin ich groß geworden. Es war für mich das allererste Bild, das ich von Bremen hatte.

Martin Günthner: Als Bremerhavener habe ich Bremen immer als erstes mit den Stadtmusikanten verbunden. Es ist eine spannende Geschichte, und die vier Tiere sind ein tolles Symbol für diese Stadt.

Stichwort Symbol: Bremen wirbt explizit mit den Stadtmusikanten, vor allem im Tourismus. Welche Bedeutung haben die Märchenfiguren für die Außen- und die Selbstwahrnehmung der Stadt?

Sieling: Wo immer man unterwegs ist in der Welt, kennen die Menschen die Stadtmusikanten. Sagt man Bremen, antworten die Menschen: „Stadtmusikanten“. In Bezug auf die Selbstwahrnehmung ist auch die Historie wichtig. Das Märchen der Stadtmusikanten ist zwar 200 Jahre alt, aber es ist längst nicht so lange mit Bremen verbunden. Die Skulptur von Gerhard Marcks am Rathaus steht erst seit den 50er-Jahren. Das zeigt den rasanten Erfolg von Esel, Hund, Katze und Hahn, die in so kurzer Zeit auch den Weg in das Herz der Bremerinnen und Bremer gefunden haben.

Günthner: Die Stadtmusikanten tauchen in unserer Markenarchitektur auf, werden aber auch in Verbindung mit der Wirtschaftsförderung oder Wirtschaftsaktivitäten genutzt. Die Stadtmusikanten haben eine große Wirkung, auch wenn sie nur sehr klein neben dem Rathaus stehen.

Lesen Sie auch

Gibt es Zahlen oder Erhebungen, die einen Wiedererkennungswert der Figuren belegen?

Sieling: Es gibt die Zahl eins: Es ist das einzige Märchen, das einen Städtenamen im Titel hat. Das erzählt etwas Großartiges über Bremen. Denn das Märchen zeigt, dass Bremen schon immer ein Sehnsuchtsort für viele Menschen war.

Laut der Deutschen Zentrale für Tourismus gehören die Stadtmusikanten allerdings nicht zu den Top-Sehenswürdigkeiten Deutschlands. Wie wollen Sie das ändern?

Günthner: Man darf eine Sehenswürdigkeit nicht mit einem Stadtsymbol verwechseln. Wir nutzen die Stadtmusikanten immer mehr in der Außendarstellung, zelebrieren deshalb auch das Jubiläumsjahr 2019 mit einer noch stärkeren Einbindung in die Tourismuswerbung. Wir wollen zeigen, dass Bremen eine attraktive Innenstadt und mit dem Rathaus ein Unesco-Weltkulturerbe hat, aber eben auch diese bekannten Märchenfiguren, die direkt neben dem Rathaus stehen – und übrigens Teil des Unesco-Welterbes sind.

Sieling: Man hat in Bremen lange mit der Skulptur gefremdelt. Die Entscheidung, die Statue nicht größer als den Roland zu machen und am Ende diesen feinen Entwurf von Gerhard Marcks dahin zu stellen, passt gut zu Bremen. Natürlich erwarten viele Besucher etwas größeres, ich finde aber, das ist bremisch.

Lesen Sie auch

Aber ist diese verhältnismäßig kleine Statue im Schatten des Rathauses die richtige Würdigung dieser Figuren?

Günthner: 40 Millionen Menschen sehen jedes Jahr die Stadtmusikanten, für Touristen gehören sie zu den Highlights der Stadt. Das Märchen ist groß, deshalb müssen es die Stadtmusikanten nicht auch sein. Sie strahlen ein hanseatisches Understatement und die Tugenden hinter der Geschichte aus. Das ergibt mit dem Rathaus, dem Roland und dem Marktplatz eine schöne Mischung.

2009 waren die Stadtmusikanten ein echtes Politikum, damals gab es eine Debatte um den Standort und darum, dass Bremen mehr aus seinem Wahrzeichen machen soll. Bürgermeister Jens Böhrnsen setzte sogar ein Gremium dafür ein und sagte, die Debatte dürfe auf keinen Fall im Sande verlaufen. Was ist daraus geworden?

Günthner: Unsere Markenarchitektur ist inzwischen komplett auf die Stadtmusikanten ausgerichtet. Wo Bremen auftritt, sind die Stadtmusikanten dabei. Damit haben wir sie auf eine gewisse Weise größer gemacht, weil wir ihre Bedeutung auch verstärkt haben.

Sieling: Wie gesagt: die Stadtmusikanten gehören in dieser Größe genau dahin, wo sie jetzt sind.

Die Stadtmusikanten werden oft nicht nur als Stadtlogo, sondern auch als Symbol für Offenheit, Toleranz und ein gewisses Lebensgefühl gesehen. Ist das wichtig für Sie?

Sieling: Das ist eine sehr wichtige und überzeugende Botschaft, die auch die Erwartungen der Menschen an Bremen prägt. Die Stadtmusikanten stehen für Bremens Weltoffenheit, aber auch dafür, dass Bremen ein Ort der Solidarität und der Gastfreundschaft ist.

Lesen Sie auch

Herr Günthner, wie kann der Wirtschaftsstandort Bremen eigentlich von den Märchenfiguren profitieren?

Günthner: Die Stadtmusikanten sind Symbol für Wandel und Veränderungen. Bremen als klassische Handelsstadt, Industriestadt, Wissenschaftsstadt – all das funktioniert nicht ohne Offenheit und Toleranz. Deshalb sind wir stolz darauf, dass Bremen sich so einladend an Menschen aus aller Welt wendet. Bremen hat viel zu bieten und ist eine liebenswerte Stadt mit einer hohen Lebensqualität.

Trotzdem sagten mehrere Vertreter von PR- und Kreativagenturen kürzlich im WESER-KURIER, die Stadtmusikanten seien „durchgenudelt“ oder sie stünden Bremen im Weg. Wie bewerten Sie das?

Sieling: Wer das Marketing von der Geschichte des Ortes und solchen Symbolen entkoppelt, macht einen Fehler. Die Stadtmusikanten sind ganz sicher nicht alles, was Bremen auszeichnet, aber sich davon zu trennen, finde ich falsch.

Günthner: Wenn man es so sehen will, wären auch das Rathaus, der Roland, Werder Bremen, alles was für Tradition steht und einen Wiedererkennungswert hat, durchgenudelt. Unsere Imageanalysen zeigen aber, dass viele Menschen mit Bremen als erstes die Stadtmusikanten verbinden.

Der Marketingprofessor Christoph Burmann hat wiederum gesagt, die Stadtmusikanten seien hochemotional und außerordentlich wirkungsvoll für Bremen, allerdings werde ihr Potenzial nicht ausgeschöpft. Stimmt das?

Günthner: Genau das wollen wir mit dem Stadtmusikantensommer ändern. Wenn ich etwas habe, das Menschen anspricht und eine positive Botschaft hat, dann müssen wir das durch so ein Veranstaltungsjahr auch für das touristische Marketing nutzen. So können wir auch den Wert der Stadtmusikanten steigern.

Sieling: Das Jubiläum ist eine schöne Gelegenheit, um die Emotionalität, die sich mit den Stadtmusikanten verbindet, noch stärker herauszustellen.

Herr Sieling, Sie haben im vergangenen Jahr betont, dass Sie nicht zulassen, dass Bremen und Bremerhaven schlecht geredet werden, Stichwort graue Maus. Können die Stadtmusikanten da helfen, sowohl als Symbol als auch zur Tourismusförderung?

Sieling: Die Stadtmusikanten sind zum einen ein Ausdruck dafür, dass bei uns die Räuber verjagt werden. Aber vor allem stehen sie dafür, dass wir offen und hilfsbereit sind und allen, die verfolgt werden, Zuflucht bieten. Diese positive Botschaft der Weltoffenheit schafft Aufmerksamkeit. Die brauchen wir natürlich. Und grau waren wir nie, Mäuse sowieso nicht. Schließlich gehört eine Katze zu den Stadtmusikanten…

Lesen Sie auch

Eigentlich haben die vier Stadtmusikanten aus dem grimmschen Märchen die Stadt Bremen nie erreicht. Warum sind sie und auch der entsprechende Jubiläumssommer trotzdem so wichtig?

Sieling: Weil es eben eine zentrale Botschaft hinter dem Märchen gibt. Wenn man sich in schwerer Lebenslage auf den Weg macht und ein Ziel vor Augen hat, ist Bremen eben nicht nur das Reiseziel, sondern auch die Motivation für die Reise. Deswegen gehört der Stadtmusikantensommer nach Bremen.

Wenn Sie auf offiziellen Auslandsreisen sind und den Gastgebern etwas typisch Bremisches mitbringen – sind die Stadtmusikanten auch dabei?

Günthner: Ich nehme immer kleine goldene Stadtmusikantenfiguren mit auf Reisen. Das ist immer ein schöner Anknüpfungspunkt, zum einen für die Menschen, die die Stadtmusikanten schon kennen, zum anderen für die, die sie noch nicht kennen, um ihnen dann etwas über Bremen zu erzählen. Und ansonsten natürlich alles, wo die Stadtmusikanten als Label drauf sind. Das bietet einen Anlass, über die Stadt und die Geschichte dahinter zu sprechen. Das ist ein guter Türöffner.

Sieling: Ich bringe sehr gerne das von Janosch illustrierte Buch über die Stadtmusikanten mit, das inzwischen in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Damit lernen mehr Menschen direkt in ihrer eigenen Muttersprache etwas über unsere Stadt und die positive Botschaft, die sich mit den Stadtmusikanten verbindet.

Das Gespräch führte Lisa-Maria Röhling.

Info

Zu den Personen

Carsten Sieling ist seit 2015 Präsident des Senats und Bürgermeister Bremens sowie Senator für Kultur und Angelegenheiten der Religionsgemeinschaften. Zuvor war der SPD-Politiker fünf Jahre lang Mitglied des Deutschen Bundestages sowie von 2004 bis 2006 Landesvorsitzender seiner Partei.

Martin Günthner ist seit 2011 Senator für Arbeit, Wirtschaft und Häfen sowie Justizsenator. Von 2010 bis 2011 war er Senator für Arbeit und Häfen. Zuvor war der SPD-Politiker von 1999 bis 2010 Mitglied der Bremischen Bürgerschaft.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+