Hartmut Roder vom Übersee-Museum zeigt Gästen den Ort, an dem Händler aus ganz Europa Tabak einkaufen Exklusiver Besuch der Bremer Tabakbörse

Überseehäfen. Ortstermin in der Bremer Tabakbörse. Einmal pro Jahr kommen Tabakhändler aus ganz Europa in das Klinkergebäude mit dem 60er-Jahre-Charme, das 1962 am Speicherhof 1 in der heutigen Überseestadt erbaut wurde.
17.09.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sigrid Schuer

Ortstermin in der Bremer Tabakbörse. Einmal pro Jahr kommen Tabakhändler aus ganz Europa in das Klinkergebäude mit dem 60er-Jahre-Charme, das 1962 am Speicherhof 1 in der heutigen Überseestadt erbaut wurde. In der Reihe „Bremen global“, die Hartmut Roder aus Schwachhausen, Leiter der Handelskundeabteilung im Übersee-Museum, konzipiert hat, erhält eine Gruppe von 35 Bremerinnen und Bremern einen exklusiven Einblick in das Handelsprozedere für Sumatra-Tabak. Willkommen geheißen werden sie von Wolfgang G. Köhne, Geschäftsführer der Rohtabak-Firma Hellmering, Köhne & Co. und der Bremer Tabakbörse.

Klar, dass der passionierte Zigarrenraucher gerade an diesem Ort nicht auf seine geliebte Sumatra-Zigarre verzichten will. Die ist im Vergleich zu den kubanischen „Rolls Royces“ unter den Zigarren, die gut und gerne zwischen 20 und 30 Euro pro Stück kosten können mit einem Preis von fünf Euro relativ günstig. „Eine Zigarre wird nicht um des Rauchens, sondern um des Genusses willen geraucht“, lautet Köhnes Credo.

Die auf indonesischen Zigarrentabak spezialisierte Hellmering, Köhne & Co. besteht seit 90 Jahren. Wolfgang G. Köhne führt die Rohtabak-Firma in dritter Generation. Sein Vater Walter war Mitbegründer der Bremer Tabakbörse. In der Hoch-Zeit der Börse wurden in der Hansestadt 60 000 Ballen pro Jahr mit einem Wert von 250 Millionen DM versteigert. „Es gab bis zu sieben Einschreibungen pro Jahr, die jeweils sechs Wochen dauerten. An jeder Auktion nahmen 300 bis 400 Personen teil, die sich in die Boxen in der Tabakbörse zurückzogen, um die Ware ausgiebig zu prüfen und dann per Umschlag durch den Fensterschlitz der Box ein geheimes Gebot abzugeben. Seit dieser Zeit wurde hier eine Milliarde Euro an Warenwert umgesetzt“, erläutern Wolfgang G. Köhne und sein Sohn Constantin, Juniorchef der Rohtabak-Firma. Heute sind es rund ein Dutzend Händler. Denn gerade mal 1 400 bis 1 600 Ballen hochwertiger Sumatra-Tabak werden heute noch in Bremen vermarktet.

„Wir organisieren das auf Kommissionsbasis für die indonesischen Staatsplantagen. Seit vier Jahren verzichten wir wegen dieser geringen Menge auf ein Auktionen und klären den Verkauf am runden Tisch. Der Markt ist zu klein geworden“, sagt Wolfgang G. Köhne. Weshalb das so ist, erläutert Hartmut Roder: „Die Palmöl-Plantagen, die im Vergleich zu dem anspruchsvollen Produkt Tabak leichter zu bewirtschaften und nicht so risikobehaftet sind, machen Indonesien platt.“ Wolfgang G. Köhne ergänzt: „Keine Tabakernte ist wie die andere. Die idealen Wetterbedingungen zu treffen ist fast unmöglich.“ 1958 wurden in Indonesien, dem größten Anbau-Land für Zigarrentabak weltweit, alle Plantagen verstaatlicht.

In einer Ecke der Tabakbörse sitzt Mitarbeiter Markus Franzen und dreht mit viel Fingerspitzengefühl aus Sumatra-Tabakblättern die Probe-Zigarren für die Fachleute, die hauptsächlich aus Belgien und den Niederlanden nach Bremen gereist sind, um qualitativ hochwertigen Tabak einzukaufen. René Marceddu, ein ursprünglich aus Sardinien stammende Mitarbeiter der Tabakbörse, steht daneben und beobachtet die Prozedur aufmerksam. Auf langen, weißen Tischreihen sind Tabakbündel mit weißen Aufklebern verteilt. „1 steht für erste Pflückung, H für die Farbe und P für das Stückblatt. Das Deckblatt macht 70 Prozent des Geschmacks aus. Es ist das wichtigste Blatt einer guten Zigarre. Das Kilo kostet 90 bis 100 Euro“, erläutert Constantin Köhne. Die Luft in der Börse ist feucht und warm. Ein Klima mit 75 Prozent Luftfeuchtigkeit sorgt dafür, dass das empfindliche Produkt nicht kaputt geht. Vater und Sohn Köhne erklären die sehr sensible und arbeitsintensive Kunst des Tabakanbaus: „Das Produkt wird bis zur Fertigstellung 50 Mal in die Hand genommen. Dieser Vorgang lässt sich nicht mechanisieren. Die Tabakpflanze, die bis zu 3,50 Metern groß wird, ist ein spannendes Produkt, das man quasi beim Wachsen beobachten kann. Der Tabak hat auf sandigem Boden eine Wachstumszeit von 42 Tagen, gefolgt von im Schnitt 18 Tagen Trockenzeit“. Dazu würden die per Hand gepflückten, grünen Tabakblätter aufgefädelt und 21 bis 27 Tage lang in einer Trockenscheune aus Bambus und Palmenblättern getrocknet. Danach folge zweieinhalb Monate lang die Natur-Fermentation. Während dieser zehn Wochen werde er in Stapeln von jeweils ein bis zwei Tonnen aufgestapelt und vier Mal umgestapelt. „In diesem Gärungsprozess, bei dem sich der Rohstoff auf 50 Grad erhitzt, erfolgt eine chemische Umwandlung zur Reifung des Tabaks. Die Sortierung nimmt zwei bis drei Monate in Anspruch. 2500 Frauen sortieren den Tabak nach Lage, Qualität, Dicke und Form des Blattes“, sagen die Köhnes.

Zurück im Übersee-Museum erläutert Hartmut Roder, dass Bremen seit Jahrhunderten ein traditioneller Rohtabak-Handelsplatz ist. Schon 1801 gab es in der Hansestadt 59 Tabakfirmen. „Unternehmen wie Gebrüder Kulenkampff und C. Melchers, die als große Reedereien ihren Aufstieg begannen, indem sie Auswanderer in die neue Welt verschifften, transportierten auf den Touren zurück Stapelwaren wie Baumwolle und Tabak“, erzählt Roder und zeigt den Zuhörern ein Modell eines Schattenzeltes in Surabaja. 1852 waren 10000 Bremer in der Zigarrenfabrikation tätig. Zu diesem Zeitpunkt war Bremen Haupteinfuhrplatz für Rohtabak in Nordeuropa.

Die nächste Ausgabe von „Bremen global“ wird am Dienstag, 3. November, um 16 Uhr unter dem Titel „Von der Baumwolle zum Global Player“ veranstaltet. Beginn ist um 16 Uhr im Übersee-Museum, danach steht ein Ausflug zur BLG Logistic Group auf dem Programm. Anmeldung unter Telefon 16 03 81 71. Die Teilnahme kostet 8,50 Euro.

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