Rücktritt des Bremer Wirtschaftssenators

Günthner „kann Bremerhaven“

Martin Günthner verlässt überraschend den Bremer Senat und will politisch kürzer treten. Auf Dauer? Das glauben manche Beobachter nicht so ganz.
13.06.2019, 20:23
Lesedauer: 3 Min
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Von Norbert Holst und Florian Schwiegershausen

Einfach hat man es ihm nicht gemacht. Nicht einmal am Anfang. Als Martin Günthner im Februar 2010 zum Senator für Wirtschaft und Justiz gewählt wird, hagelt es Proteste gegen den Personalvorschlag der SPD. Der damals 34-Jährige hat an der Universität Bremen ein Studium der Kulturgeschichte Osteuropas, Geschichte und Philosophie absolviert. Anschließend machte er einen Abschluss als PR-Berater und war freiberuflich tätig. Und dieser Mann soll nun für Wirtschaft, Häfen und den Justizapparat zuständig sein?

Das fragt sich damals in der Bürgerschaft auch FDP-Mann Uwe Woltemath. Er sagt: „Wir brauchen keinen Azubi, sondern ein wirtschaftspolitisches Konzept.“ Björn Tschöpe, der SPD-Fraktionschef, verteidigt den Vorschlag seiner Partei. Günthner „kann Bremerhaven“, kennt die „Sichtweise der Seestadt“. Und tatsächlich hat der Senator – wie man heute sagen würde – geliefert.

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Vielleicht kann er es irgendwann einmal zeigen, dass er Bremerhaven besonders gut kann. Auf der Pressekonferenz am Donnerstag, auf der er die Motive für seinen angekündigten Rücktritt nennt, fragt ein Journalist: Ob Günthner sich denn eines Tages den Job als Oberbürgermeister von Bremerhaven vorstellen könnte? Kann er bestimmt, denn Günthner hat ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Sagt er aber nicht. Nur soviel: „Nee, aber wenn Sie jetzt schreiben, er schließt das nicht aus, ist mir das auch egal.“ Ein echter Günthner.

Günthner hat immer wieder auf die DNA Bremens hingewiesen

Zu den Aufgaben eines Wirtschaftssenators gehört es auch, Eröffnungs- oder Jubiläumsreden zu halten. Das kann Günthner auf Deutsch und ebenso gekonnt auf Englisch. Wobei er immer wieder auf die Tradition und die DNA Bremens, die Stärken der bremischen Wirtschaft in der Raumfahrt und der Automobilindustrie hingewiesen hat. Und wie aus den politischen Kreisen Bremens zu hören ist, soll die Art seiner Eröffnungsreden dazu geführt haben, dass es sogar Anfragen aus anderen Ressorts gab: Ob er da nicht einige Termine übernehmen könnte?

Als beispielsweise vor einem Jahr die Container-Reederei OOCL aus Hongkong das 25-jährige Jubiläum in der Oberen Rathaushalle feierte, hielt der Senator zunächst seine Rede. Dann schilderte er im persönlichen Gespräch mit den Managern, die aus Hongkong zu Besuch gekommen waren, die Bedeutung der Hanse-Kogge und erzählte Geschichtliches zu Bremen und der bremischen Wirtschaft. Es ist seine Art als Wirtschaftssenator gewesen – wie er auch im kleinen Rahmen für den Standort Bremen geworben hat.

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„Ich habe einen gewissen Stolz auf das Ressort. Vieles ist richtig gewesen“, bilanziert Günthner seinen Job auf der Pressekonferenz. Auf seiner Habenseite verbucht er die Entwicklung der Häfen, die Erfolge der Bremer Schwerpunktsetzung Raumfahrt, nennt aber auch den Landesmindestlohn und das frühe Programm für Langzeitarbeitslose. Der 43-Jährige war ein Pragmatiker, kein sozialdemokratischer Apparatschik.

OTB immer verteidigt

Ein Punkt, den er in seiner Aufzählung geflissentlich ausspart: der Offshore Terminal Bremerhaven (OTB). Günthner hat die Pläne für den 180 Millionen Euro teuren Verladehafen immer mit Vehemenz verteidigt. Jetzt ist sein Herzensprojekt in den Sondierungsgesprächen – auch von den eigenen Genossen – auf Eis gelegt worden. Der Senator dementiert jeden Zusammenhang zwischen der Entwicklung beim OTB und seiner Demission. Auf Twitter spricht er von „Fake News“. Dennoch glauben manche Beobachter: Vielleicht war dies der Punkt, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Denn zuletzt wirkte er zuweilen ein wenig amtsmüde. Ungewöhnlich für einen Mann, der jahrelang durch seinen Ehrgeiz aufgefallen war. Jetzt will er erst einmal kürzertreten, begnügt sich mit dem Posten des Vize-Fraktionsvorsitzenden in der Bürgerschaft. Aber, ob das von Dauer sein wird? Da war doch noch die Sache mit dem Oberbürgermeister-Job.

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