Zum Geburtstag des Ex-Bürgermeisters Henning Scherf - Der Bremer Landesvater wird 80

Bremens ehemaliger Bürgermeister feiert Geburtstag. Henning Scherf leitete zehn Jahre lang als Präsident des Senats die Geschicke der Stadt. 2005 schied er aus der Politik aus.
27.10.2018, 20:52
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Henning Scherf - Der Bremer Landesvater wird 80
Von Jürgen Hinrichs

Das Rennradfahren hat er aufgegeben, und Marathon läuft er schon lange nicht mehr - schwer in Bewegung ist Henning Scherf aber immer noch. Geistig und körperlich. Als Vortragsreisender fährt er durch die Republik und liest aus Büchern vor, die er selbst verfasst hat. Sein Thema: das Alter, und was man daraus machen kann. Scherf berichtet aus eigenem Erleben, er wird am Mittwoch 80 Jahre alt.

Fit hält er sich jetzt mit Walking. Von seinem Haus zum Bürgerpark, eine Runde drehen, und wieder zurück. Ein baumlanger Kerl, der ein wenig gebeugt die Stöcke schwingt, sie kräftig auf den Boden stößt – klack, klack, klack, hallt es durch die Parkallee, wenn er sich auf den Weg nach Hause macht. Polizisten, die den Freimarktverkehr regeln, grüßen ihn mit großem Hallo. Unser Bürgermeister! Das ist er natürlich nicht, nicht mehr. 13 Jahre her, dass Scherf sein Amt aufgegeben hat. Irgendwie ist er es aber doch, immer noch, jedenfalls dem Ansehen nach.

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Vielleicht hat das mit seinen Nachfolgern zu tun. Jens Böhrnsen war kein schlechter Bürgermeister, blieb aber farblos. Ähnlich verhält es sich heute mit Carsten Sieling. Beiden fehlt etwas, was Scherf in überströmendem Maß hat. Ihm nimmt man den Landesvater ab, diese Attitüde, über den Dingen zu stehen, nahe bei den Menschen zu sein und sich nicht zu sehr von den Widrigkeiten des politischen Alltags beeindrucken zu lassen. Charisma ist das Wort dafür. Henning Scherf hat Charisma.

Scherf wohnt gemütlich

Zu Besuch bei Scherfs. Luise Scherf hat einen Nudelauflauf in den Ofen geschoben. Ihr Mann hilft jedes Mal, bevor das Essen auf den Tisch kommt: „Ich bin fürs Schnibbeln zuständig.“ Die Küche ist ein kleiner Raum mit Fenster zur Straße. An den Wänden viele Bilder, die meisten zeigen Motive aus der Familie mit drei Kindern und neun Enkeln. Es ist ein gemütlicher Ort, der schon viele Gäste gesehen hat. Das ganze Haus strahlt diese Atmosphäre aus. Nichts Repräsentatives, hier wird gelebt und gearbeitet.

„Dass ich mit dem Rad unterwegs war, keinen Dienstwagen mit Fahrer hatte, auch keinen Personenschutz, das war kein Gag“, sagt Scherf, „es half mir, mich nicht als etwas Besonderes zu fühlen.“ Objektiv war er das aber, etwas Besonderes, er war Bürgermeister und hat diese Macht auch ausgespielt. Scherf konnte streng sein, manchmal regelrecht fies, wer seine Spitzen abbekam, war nicht selten tief verletzt. Aber er zeigte sich in seinem Amt eben auch auch als herzlicher Umarmer, als Oma-Knutscher, wie Spötter sagten.

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Seine Bescheidenheit hatte manchmal etwas Ausgestelltes, sie wirkte wie Koketterie. Eine falsche Bescheidenheit, weil der Bürgermeister in Bremen als Ministerpräsident eines Bundeslandes zur kleinen Tafelrunde der Republik gehört. Scherf war in Berlin immer mal wieder für hohe Ämter im Gespräch, einmal auch als Bundespräsident. Als der damalige Kanzler Gerhard Schröder im Jahr 2003 einen Vermittler zwischen Bundesrat und Bundestag brauchte, bat er den Bremer Spitzengenossen um Hilfe, und der machte seine Sache außerordentlich gut. Gleichzeitig gab es bei ihm die ersten Anzeichen, dass er genug hatte vom Regierungsgeschäft. „Sie wissen doch, dass ich Wege suche, mich langsam aus der Politik herauszuwinden“, sagte Scherf den Journalisten.

Scherfs Rücktritt: Trotz Ankündigung ein Schock

Zwei Jahre später trat er zurück. Für seine Partei war das trotz der Andeutungen vorher ein Schock. „Der Lange“, noch so ein Spitzname, wirft hin, davon hatten zu diesem Zeitpunkt nur eine Handvoll Menschen gewusst. Spontan war daran nichts. Scherf hatte Vorbereitungen getroffen und den WESER-KURIER eingeweiht. Am Tag nach seinem Rücktritt stand ein Interview in der Zeitung, Scherfs politischer Nachlass. „Es ist Zeit für Jüngere“, begründete er seinen Schritt.

Alte Geschichten, die auf den Küchentisch kommen, da ist der Nudelauflauf längst gegessen. „Ich bin heilfroh, dass ich damals die Kurve gekriegt habe“, sagt Scherf, „aus dem Amt gejagt zu werden, ist fürchterlich. Sie sehen das ja gerade bei CDU und CSU.“ Vielleicht merkte er damals aber auch, dass da etwas zu Ende geht. Die Große Koalition, angeführt von einem Mann, der in der SPD als Exponent der Parteilinken gestartet war, hatte sich verschlissen. Sie konnte nicht verhindern, dass Bremen mehr und mehr in die Schulden abrutscht. Und musste mit dem Space Park ganz frisch ein monströses Pleiteprojekt verdauen.

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Scherf, ein promovierter Jurist, ist seit 55 Jahren Mitglied der SPD. Er saß von 1978 bis zu seinem Rücktritt als Bürgermeister ununterbrochen im Senat, war mal für Finanzen zuständig, mal für Soziales, später kurz für Gesundheit und vor seiner Wahl zum Senatspräsidenten fünf Jahre lang für Bildung. Zu der Zeit übernahm er auch die Verantwortung für sein Fachgebiet: Justiz und Verfassung. Dieses Senatorenamt behielt Scherf, als er zum Bürgermeister gewählt wurde. Mit ihm als Spitzenkandidaten holte die SPD gegen den Bundestrend fabelhafte Wahlergebnisse, es waren jeweils mehr als 40 Prozent.

Im Jahr 2005 starb Laya-Alama Condé, ein Asylbewerber aus Sierra Leone. Er war wegen des Verdachts, mit Drogen zu handeln, in Gewahrsam genommen worden. Unter Zwang hatten die Polizisten ihm Brechmittel eingeflößt und letztlich seinen Tod verursacht. Scherf verteidigte den Einsatz, ein schwerer Fehler, bekannte er Jahre später. Die ganze Art, wie er lange Zeit mit dieser Geschichte umgegangen war, zeigte einen Mann, der störrisch und uneinsichtig sein konnte.

Seine Wandelbarkeit, persönlich und politisch, ist frappierend. „Der Mann hat zwei Gesichter“, sagt jemand, der Scherf gut kennt. Wer konnte ahnen, dass ein Linker, ein Internationalist, der zusammen mit seiner Frau in Nicaragua die Revolutionäre unterstützt, als sie noch revolutionär waren, die politische Heirat mit der CDU vollendet und danach ein enges und vertrauensvolles Verhältnis zu ihr aufbaut. Scherf, immer noch am Küchentisch, zählt auf, was der Großen Koalition aus seiner Sicht gelungen ist: Überseestadt, Airport-City, der Ausbau von Mercedes, Erfolge in Wissenschaft und Forschung, der Tiefwasserhafen in Wilhelmshaven, die Raumfahrtindustrie.

„Scherf ist wie Gustav Heinemann – ein linker, aufgeklärter, bürgerlicher Mensch“, sagt Bürgerschaftspräsident Christian Weber (SPD). Dazu die Gabe zu reden, „charmant, manchmal auch brillant“. Und die Freude, Landesvater zu sein: „Darin ist er aufgegangen, das war seine Rolle, damit hat er die Leute überzeugt.“

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