Die Stunde der Waschbären Immer mehr Wildtiere ziehen in die Stadt

Das hat mehrere Gründe: Zum einen, weil das Nahrungsangebot dort gut ist. Zum anderen greift der Mensch in die ursprünglichen Lebensräume der Tiere ein, die immer kleiner werden.
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Immer mehr Wildtiere ziehen in die Stadt
Von Marc Hagedorn

Marcus Henke steht an der Hollerallee. Bis zum Stern sind es von hier aus nur wenige Meter. Eine Straßenbahn rattert über den mächtigen Kreisel, aus sechs Richtungen strömt der Verkehr; Autos, Motorräder, E-Scooter, Fahrradfahrer, Fußgänger. Großstadtleben. Urbaner Alltag.

Marcus Henke sieht hier aber noch viel mehr. Den alten Hausbestand auf der einen Seite der Hollerallee, und die Bäume, Wiesen und Wege im Bürgerpark auf der anderen Straßenseite. Zwei ganz unterschiedliche Lebensräume, getrennt einzig durch eine Straße. Hier der Mensch, dort die Natur.

"Hier leben mehr Wildtiere als Sie denken“

Doch so fein säuberlich geteilt ist die Welt schon lange nicht mehr. „Hier leben mehr Wildtiere als Sie denken“, sagt Henke, als er die Hollerallee entlang spaziert. In den Häusern zum Beispiel, oben unterm Dach etwa, könnten sich längst Marder oder Waschbären eingenistet haben. Und nachts erst! Viele Wildtiere sind nachtaktiv, Fuchs, Igel, Fledermaus. „Wir sehen sie gar nicht“, sagt Henke, „aber sie sind hier.“

Erst vor Kurzem machte bundesweit die Meldung von einem Wildschwein die Runde, das im nordrhein-westfälischen Dinslaken in einem Kaufhaus randalierte. Aus Berlin sind immer wieder Berichte von vagabundierenden Wildschwein-Rotten zu hören. So etwas hat es in Bremen bisher noch nicht gegeben, ein Thema werden Wildschweine aber zunehmend auch hier. „Wir bekommen immer wieder Anrufe von besorgten Mitbürgern“, sagt Henke, der Vizepräsident der Bremer Landesjägerschaft ist.

Vor allem am Stadtrand oder in Kleingartenanlagen hören Menschen, wie die Tiere nachts durch den Garten streifen. Sie sichten die Tiere, wenn sie sich am Fenster auf die Lauer legen oder Kameras aufhängen. Am nächsten Morgen sehen sie dann die Bescherung, wenn die Tiere den Müll oder die Beete durchwühlt haben. Aus Walle, Gröpelingen und dem Blockland liegen der Landesjägerschaft Beobachtungs- und Begegnungsmeldungen vor. Einen Keiler von 170 Kilogramm hat ein eigens dafür gerufener Jäger vor zwei Jahren in einem Kleingarten in Gröpelingen erlegt.

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Für Henke ist es kein Wunder, dass die Tiere der Stadt und damit dem Menschen immer näher kommen. „Ein Kleingarten ist wie ein gedeckter Tisch für sie“, sagt Henke. An Futternäpfen, Komposthaufen und Mülltüten bedienen sich die Tiere. Zum „echten Hotspot“ hat sich das Tanklager Farge entwickelt. Mehr als 100 Wildschweine leben dort laut Henke inzwischen, Zuwachsrate 300 Prozent im Jahr.

Daran hat der Mensch großen Anteil. Er greift in Lebensräume ein, baut zum Beispiel Biogasanlagen. Um diese zu betreiben, legt er riesige Maisfelder an. Wildschweine wiederum lieben Mais. Oder der Mensch baut Straßen, Wohn- und Industriegebiete. „Wir rücken den Wildtieren buchstäblich auf den Pelz“, sagt Henke. Also suchen sich die Tiere neue Lebensräume – und entdecken dabei die Stadt. Hier finden sie Nahrung und Unterschlupf. Beste Bedingungen, um sich zu vermehren. Von Jägern droht ihnen in der Innenstadt keine Gefahr, und an die andere Gefahr, den Straßenverkehr, gewöhnen sich die meisten Tiere bald.

Wachsam mit der Entwicklung umgehen

Steinmarder, Fuchs, Nutria – immer mehr Tiere und mehr Arten finden in der Stadt ihr Zuhause. „Es passiert, was wir nicht wollen: Mensch und Wildtier gewöhnen sich aneinander. Wir ändern den Status des Tieres: Wir zähmen es“, sagt Henke. Auch der Mensch wandelt seine Rolle: Der reine Jäger von vor ein paar Hundert Jahren ist er schon lange nicht mehr, „aber jetzt wird der Mensch, vor allem in der Stadt, zum Ernährer“, sagt Henke. Mit dieser Entwicklung müsse man wachsam umgehen.

Tatsächlich ist das Miteinander von Mensch und Wildtier im städtischen Raum nicht ohne Konflikt. Ein paar Beispiele: Der Fuchs kann in seinem Kot den Fuchsbandwurm zurücklassen, der Auslöser für eine lebensgefährliche Wurmerkrankung beim Menschen sein kann. Untersuchungen der Technischen Universität München haben ergeben, dass die Fuchsdichte im städtischen Raum deutlich höher ist als in der freien Natur. In München leben zehn bis 15 Füchse auf einem Quadratkilometer, auf dem Land sind es höchstens bis zu drei Tiere.

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Oder der Steinmarder: Ihm reicht ein fünf mal sieben Zentimeter großes Loch, so groß ist sein Kopf, um in Häuser schlüpfen zu können. Dort macht er sich gern auf dem Dachboden an der Dämmung zu schaffen, nagt an Kabelanlagen. Er ist laut, er kotet ins Haus, und es riecht. Eine große Anziehungskraft hat auch der warme ­Motorraum eines Autos auf Marder. Schläuche, Kabel und Isolierungen sind vor dem tierischen Gast nicht sicher.

Oder Waschbären, „possierliche Tierchen eigentlich“, sagt Henke, aber auch der Waschbär komme gern ins Haus, zumal wenn er vom Menschen gefüttert werde. Er nimmt sich außerdem Nistkästen und Brutplätze von Vögeln vor, sucht Beute an Gewässern. Der Waschbär gilt als äußerst anpassungsfähig. Henke prognostiziert: „Wir stehen unmittelbar vor einer Invasion der Waschbären.“ Das ist dramatisch, so Henke, „wir stellen seit einem Jahr eine vermehrte Sichtung des Tieres fest.“

Schließlich die Nutria, auch Biberratte genannt. Sie ist längst in großer Zahl in Bremen vorhanden. Die Tiere haben sich rasant vermehrt, gelten als Deichzerstörer und damit als Gefahr für die ­Sicherheit. Die Wildtiere leben in der Stadt, oder sie kommen in größerer Zahl. Sind sie eine Bereicherung für das urbane Leben oder eine Bedrohung? Sowohl als auch. „Letztlich ist es eine politische Frage, was wir wollen“, sagt Henke. Er ist jetzt zu Fuß im Bürgerpark unterwegs. Eine Rabenkrähe stolziert durchs Gras. Sie zum Beispiel: In Niedersachsen dürfen Rabenkrähen bejagt werden, in Bremen nicht. „Wir wissen aber, dass viele Mitbürger sich bedroht oder belästigt fühlen“, sagt Henke und erzählt von einer Hofstelle in Oberneuland. Dort hat der Landwirt auf einer 45 Hektar großen Fläche seine Maiseinsaat verloren. Krähen hatten sich über die Saat hergemacht, Silofolie aufgepickt und waren sogar in Ställe eingedrungen. „Wer zahlt das?“, fragt Henke.

Richtig emotional wird die Wildtier-Diskussion beim Thema Wolf. Rudel gibt es im Bremer Umland, etwa in Garlstedt (Landkreis Osterholz) und bei Gnarrenburg (Landkreis Rotenburg). Auch hier die Frage: Will man, dass Wölfe sich hier ansiedeln und ausbreiten? Oder soll man sie töten? „Luftlinie ist das nicht weit weg von Bremen“, sagt Henke. Tatsächlich sind unter anderem in Borgfeld schon mehrfach Wölfe gesehen worden. „Es wäre kein Wunder“, sagt Henke, „wenn es in Zukunft auch Begegnungen mit Wölfen im inneren urbanen Raum gibt.“

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Wenn der Mader im Haus ist

Marder im Haus. Waschbär unterm Dach. Wildschwein im Garten. Was tun? Marcus Henke, Vizepräsident der Landesjägerschaft, gibt ein paar grundlegende Hinweise:


Informieren Sie sich über das Tier. „Naturschutz gehört in die Schule und in jede Familie. Nur wer Wissen darüber hat, versteht Zusammenhänge und kann sich kompetent über Naturschutz austauschen“, sagt Henke. Im Internet gibt es ausführliche Informationen über Tiere. Bestimmungsbücher helfen bei der Identifikation der Tiere.


Zeigen Sie Respekt. „Zähmen Sie das Tier nicht“, sagt Henke, „füttern Sie es nicht, fangen Sie es nicht selbst.“ Stattdessen solle man die Tiere zunächst in Ruhe lassen, sie beobachten und sich an der Begegnung freuen.


Holen Sie sich Hilfe. Wer den ungebetenen Gast los werden möchte, kann das Tier sanft vertreiben. Dafür reicht es manchmal schon, den Dachboden aufzuräumen, Licht zu unterschiedlichen Zeiten anzuschalten, ein Radio laufen zu lassen. Wichtig ist, die Einschlupfstelle zu suchen: Büsche, Äste, Dachrinnenfallrohre und -pfannen sollten untersucht werden. Der Zugang muss verschlossen werden. Hilft das alles nichts, muss professionelle Unterstützung her, etwa ein Schädlingsbekämpfungsunternehmen. Fallen dürfen nur Jäger mit entsprechender Fangberechtigung aufstellen.

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