Zeit erkauft Bremerhavens Kaiserhafen steht weiter vor Problemen

Durch eine Notlösung ist der Kaiserhafen bei Bremerhaven wieder für Schiffe erreichbar. Nun müssen unter anderem die Anbindung der Columbus-Insel und der Rückbau der Drehbrücke geregelt werden.
07.04.2021, 21:12
Lesedauer: 4 Min
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Bremerhavens Kaiserhafen steht weiter vor Problemen
Von Maurice Arndt

Nichts ging mehr im Kaiserhafen bei Bremerhaven: Eine sich in Reparatur befindliche Schleuse und eine Drehbrücke mit einem Totalschaden schnitten den Hafen von der See ab. Mittlerweile ist dieses Problem gelöst. Doch weitere bleiben, denn durch die Havarie der Nordschleusenbrücke ist die Columbushalbinsel sowohl vom restlichen Freihafengebiet als auch vom Bahnverkehr abgeschnitten.

Eine direkte Anbindung der Halbinsel an den Hafen ist vorerst nicht möglich. Zumindest kurzfristig ist die Columbusinsel für den Schwerlastverkehr und den sonstigen Verkehr nur über eine Umfahrung des Kaiserhafens möglich: Die Kaiserschleuse ist auch für das Passieren schwerer Fahrzeuge ausgelegt. Für die auf der Columbushalbinsel ansässigen Unternehmen sind die Sperrung und der Rückbau der Drehbrücke dennoch ein Problem.

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Denn: Auch wenn Lkws die Firmen über die Umfahrung weiterhin erreichen können, kann das der Bahnverkehr nicht. Bisher führten zwei Gleise auf die Halbinsel, beide jedoch über die Nordschleusenbrücke. Weitere Gleise gibt es nicht – und wird es auf absehbare Zeit wohl auch nicht geben. Noch ist nicht beschlossen, wie und wann die Lücke im Verkehrsnetz geschlossen wird. Doch selbst wenn es zu einer kurzfristigen Behilfslösung etwa mit einem Brückenponton käme, würde man Schienen vermutlich vergeblich suchen. „Nichts ist unmöglich und es ist auch noch nichts beschlossen“, sagt Holger Bruns, Sprecher der im Hafen zuständigen Behörde Bremenports. Er vermutet aber: „Bahnverkehr auf die Columbushalbinsel wird es auf absehbare Zeit nicht geben.“

Für Thorsten Schulz wären das keine guten Nachrichten. Er ist geschäftsführender Gesellschafter bei der Firma Cross Trans Service (CTS). Die auf den Transport von Fahrzeugen spezialisierte Spedition hat ihren Sitz in der Geo-Plate-Straße im südlichen Teil der Halbinsel – und ist auf den Bahnverkehr angewiesen. Über das Osterwochenende habe die kaputte Brücke sein Unternehmen noch nicht betroffen. „Mittelfristig brauchen wir eine Lösung oder zumindest eine Perspektive. Die Bahnanbindung ist wichtig für uns.“

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Probleme bereitet die kaputte Drehbrücke auch Marcus Volkmann, Prokurist bei der Logistikfirma LPL Automotive. Nicht nur verlängern sich dadurch die Fahrtzeiten für die Angestellten der Firma, wenn sie zwischen dem Firmensitz auf der Columbushalbinsel und Standorten im weiteren Hafengebiet wechseln müssen. Auch könnte die Umfahrung des Kaiserhafens zollrechtliche Konsequenzen haben. Denn: Bisher mussten Güter nicht die Freizone des Hafengebietes verlassen, wenn sie dafür den Weg über die Drehbrücke wählten. Das ist aktuell nicht mehr möglich. „Es wäre schlecht, wenn wir jetzt immer eine Zollabfertigung machen müssten, wenn wir beispielsweise einen Container vom Firmensitz in den Containerhafen bringen würden“, sagt Volkmann.

Beim zuständigen Hauptzollamt Bremen sieht man die Situation gelassen. „Die ansässigen Firmen verfügen bereits vielfach über zollrechtliche Verfahrenserleichterungen, sodass die derzeitige Verkehrssituation mit Ausnahme der Zollkontrollen an den Freizonenübergängen keinen zollrechtlichen Mehraufwand bedeuten sollte“, sagt Sprecher Volker von Maurich. Einfuhrabgaben würden ohnehin erst fällig, wenn Ware in den Wirtschaftskreislauf des Binnenmarktes gelangt.

Kurzfristig war es der zuständigen Behörde Bremenports am Wochenende gelungen, die Kaiserschleuse für einen Notbetrieb herzurichten und die Erreichbarkeit des auf dem stadtbremischen Hafengebiet gelegenen Kaiserhafens wiederherzustellen. Dazu wurde das Reservetor an der Stelle des Binnenhauptes, also des zum Hafen gewandten Schleusentores, eingesetzt. Das eigentliche Schleusentor befindet sich ebenso wie die Unterwagenschienen, auf denen das Tor bewegt wird, zur Instandhaltung in der Werft.

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Da auch die Unterwagen in der Werft sind, war das Reservetor bisher nicht eingebaut. Schiffe wurden über die Nordschleuse und an der Drehbrücke vorbei in den Kaiserhafen geleitet. Für den Notbetrieb der Schleuse wurde das Reservetor nun auf sogenannte Gleitschienen gesetzt. Bis Dienstag konnten so zehn Schleusenvorgänge erledigt werden, darunter zwei Schiffe, die über Ostern im Hafen festsaßen. „Das kann allerdings keine Dauerlösung sein, der Notbetrieb der Schleuse ist nur auf ein paar Tage ausgelegt“, erläutert Bremenports-Sprecher Holger Bruns.

Lange muss die Notlösung auch nicht genutzt werden. Am Freitag soll die Drehbrücke abgewrackt werden, sodass die Zufahrt über den Nordhafen wieder frei wird. Anschließend kommen die Unterwagen aus der Werft zurück, um die Kaiserschleuse wieder auf Normalbetrieb umzurüsten. Ursprünglich waren die Schienen erst Ende des Monats erwartet worden, doch in der Fassmer-Werft in Berne werden Nachtschichten eingelegt, um die Arbeiten zu beschleunigen. „Die Erreichbarkeit des Kaiserhafens von der See aus sollte somit von nun an wieder durchgehend sichergestellt sein“, sagt Bruns.

Info

Zur Sache

Nordschleusenbrücke: Landmarke und Nadelöhr

Mit 116 Metern Länge, verteilt auf einen kürzeren und einen längeren Arm, ist die Nordschleusenbrücke die größte drehbare Eisenbahnbrücke Deutschlands. Über sie verlaufen zwei Eisenbahngleise, zwei Autospuren sowie ein Fußgängerweg. Gebaut wurde das 19 Meter breite Stahlfachwerk zwischen 1928 und 1930 von einem Konsortium aus MAN und dem Montankonzern Dortmunder Union. Zu Spitzenzeiten mussten die 2760 Tonnen mehrere Tausend Mal pro Jahr bewegt werden.

Im Überseehafen war die Drehbrücke vor allem für die Anrainer der Columbushalbinsel wichtig. Sie stellte die einzige direkte Verbindung in die nördlichen Teile des Hafens dar. Neben der Zeitersparnis hat das auch eine rechtliche Bedeutung. Es ist die einzige Verbindung zum restlichen Hafen innerhalb der Freihafenzone.

Gefahr habe bei der Havarie nicht bestanden, sagt Bremenports-Sprecher Holger Bruns. Der Obergurt, ein quer liegender Stahlträger, sei während des Drehvorgangs gerissen. Die Brücke war zu diesem Zeitpunkt gesperrt. Absehbar sei der Schaden nicht gewesen. Erst Ende Januar wurde der Brücke bei einer Routineuntersuchung für zwölf Monate die Diensttauglichkeit zugesprochen. „Wir werden den Schaden nun untersuchen“, sagt Bruns.

Zunächst wird die Brücke ab Freitag mit Hilfe eines Pontons zur ABC-Insel zwischen dem Kaiserhafen II und III geschleppt, um sie später abzuwracken. Erste Vorüberlegungen für einen Neubau gebe es bereits, da das Bauwerk für 2025 im Investitionsplan steht, sagt Bruns. Die Planungen werde man nun schnell konkretisieren.

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