Digitaler Ausflug in finstere Zeiten

Kriegsende vor 75 Jahren: Das Bremer Projekt Spurensuche

Seit knapp zehn Jahren dokumentiert das Online-Projekt Spurensuche, was in Bremen während der Nazi-Zeit geschah. Hinter dem ambitionierten Projekt steckt als Koordinator John Gerardu.
06.05.2020, 08:00
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Kriegsende vor 75 Jahren: Das Bremer Projekt Spurensuche
Von Frank Hethey
Kriegsende vor 75 Jahren: Das Bremer Projekt Spurensuche

Das Langemarck-Denkmal ist eines der umstrittenen Denkmäler in Bremen. Die Nationalsozialisten hatten das Kriegsdenkmal 1934 aufstellen lassen, 1988 stürzten es Unbekannte vom Sockel. Das inzwischen erneuerte Denkmal soll einer der Denkorte sein, wegen der Corona-Krise ist die Wiedereinweihung aber verschoben worden.

Jochen Stoss

Als einziger aus seiner Familie erlebte Julius Dickel das Kriegsende. Seine Eltern und vier Geschwister wurden in Auschwitz ermordet. Der Grund: Als „Zigeuner“ hatten sie keinen Platz in der „Volksgemeinschaft“ des NS-Staats. Der damals jugendliche Julius überlebte nur, weil man ihn für arbeitsfähig hielt. Nach einer Odyssee durch verschiedene Konzentrationslager landete Dickel zuletzt in Theresienstadt. Seine Rettung dürfte er einem anderen Bremer zu verdanken haben, dem ehemaligen Büroleiter der jüdischen Gemeinde, Carl Katz. Dem schwer misshandelten und kranken jungen Mann verschaffte er einen Transportplatz zurück in die Heimat.

Die Leidensgeschichte Dickels findet sich auf der Startseite des Projekts Spurensuche. Eines interaktiven Online-Portals, das die Spuren, die das „Dritte Reich“ in Bremen hinterlassen hat, möglichst umfangreich dokumentieren will. Solange es noch geht, geschieht das mit Hilfe von Zeitzeugen, aber auch schriftliche Quellen spielen eine große Rolle. Als Zielgruppe haben die Macher des Projekts vor allem Jugendliche im Blick. „Wir wollen junge Menschen motivieren, eigene Recherchen vorzunehmen“, sagt John Gerardu. Als Ausgangspunkt dafür sei die Internetplattform gedacht.

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Der 68-Jährige ist so etwas wie der Koordinator des Projekts, bei ihm laufen die Fäden zusammen. „Meine Aufgabe ist es, Leute anzusprechen“, sagt er. Soll heißen: Menschen für das Projekt zu gewinnen, die sich mit der Bremer NS-Geschichte befassen. Einer dieser Menschen ist der Historiker Hans Hesse, der die Verfolgung der Sinti und Roma in Nordwestdeutschland erforscht. Von ihm stammen die Erkenntnisse zur Familie Dickel, auch für den WESER-KURIER hat er bereits geschrieben.

Seit knapp zehn Jahren ist das Projekt abrufbar. Im Oktober 2010 wurde es freigeschaltet. „Es gab damals recht wenig Material für Jugendliche, um sich mit diesem Teil der deutschen Geschichte zu befassen“, sagt Gerardu. Der Sozialpädagoge musste es wissen: Zuletzt war er bei der Jugendbehörde zuständig für den Jugendschutz, den Rechtsextremismus hatte er ebenso im Blick wie den Salafismus.

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Eine Vereinsgründung war nie vorgesehen, das Projekt sollte von Anfang an ein Projekt bleiben. „Eine Vereinsstruktur wäre viel zu kompliziert und aufwendig gewesen“, sagt Gerardu. Als Mitbegründer des Vereins „Erinnern für die Zukunft“ gab es für ihn auch gar keinen Grund, einen weiteren thematisch verwandten Verein aus der Taufe zu heben. Der einzige Nachteil: Nur als Verein kann man Fördermittel beantragen. „Deshalb fungiert ‚Erinnern für die Zukunft’ als Träger des Projekts Spurensuche.“

Eigentlich wollte sich der Gewerkschafter Michael Mork der Sache annehmen, seiner ­Initiative war das Projekt Spurensuche ganz wesentlich zu verdanken. Doch nach seinem Tod im Herbst 2011 sprang Gerardu in die Bresche. Anfangs köchelte das Projekt auf Sparflamme, erst als Rentner konnte Gerardu seit 2014 mehr Zeit in die Spurensuche investieren. Durch seine langjährige Arbeit in der Jugendbildung ist Gerardu exzellent vernetzt, bis heute pflegt er seine Kontakte.

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Die ehrenamtliche Fleißarbeit hat sich gelohnt, regelmäßig kamen neue Einträge über Täter und Opfer, Ereignisse und relevante Orte hinzu. Erst seit Kurzem präsentiert sich das Portal im neuen Glanz, durch einen Relaunch wurde der schon leicht angestaubte Auftritt gründlich auf Vordermann gebracht. Inzwischen ist der interaktive Stadtplan mit seinen zahlreichen Anlaufpunkten auch auf dem Smartphone über GPS abrufbar. „So kann man sich naheliegende Spuren anzeigen lassen und seine eigene Stadtführung machen“, sagt Gerardu.

Zu den interaktiv verorteten Spuren aus der Vergangenheit zählen auch fünf Stelen der Denkorte-Initiative Neustadt. An ausgewählten „Denkorten“ halten sie die Erinnerung an die Zeit des NS-Regimes wach. „Es ist uns wichtig, die verschiedenen Opfergruppen mit unserem Denkorte-Pfad sichtbar zu machen“, sagt Horst Otto, der mit Gerardu auch im Projekt Spurensuche eng zusammenarbeitet. Eigentlich hätten es schon sechs Stelen sein sollen, doch wegen der Corona-Pandemie musste die Einweihung der Stele zum „Mythos Langemarck“ abgesagt werden. Eine siebte Stele direkt an der Ochtum unweit des früheren Lagers für russische Kriegsgefangene ist geplant.

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In Bremen lebt der umtriebige Spurensucher bereits seit fast einem halben Jahrhundert. Gerardu ist gebürtiger Niederländer, seine Wiege stand in Maastricht. Der französisch klingende Name erklärt sich aus der Nähe seines Geburtsorts zu Wallonien, dem französischsprachigen Südteil Belgiens. Als Soldat war er in Zeven stationiert, nach Bremen ist er aus sportlichen Gründen gekommen – sein Können als Volleyballer war gefragt, er spielte bei Bremen 1860 in der Regionalliga.

Dass er einmal so tief in Bremens braune Vergangenheit eintauchen würde, war damals nicht abzusehen. Die Geburtsstunde des Projekts habe im Rahmen seiner Arbeit als Sozialpädagoge im Freizeitheim Walle geschlagen, so Gerardu. „Dort habe ich Willy Hundertmark kennengelernt.“ Der 2002 verstorbene Kommunist engagierte sich in der antifaschistischen Jugendarbeit, die Materialsammlung aus seinem Nachlass bildete den Grundstock für das Projekt Spurensuche. „Für mich war er so etwas wie ein roter Großvater“, sagt Gerardu. Als unermüdlicher Antreiber des Projekts Spurensuche ist der 68-Jährige inzwischen längst in dessen Fußstapfen getreten.

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