Alarmierende Geschäftszahlen Krise des Bremer Klinikverbundes verschärft sich

Gerade erst hat die Bürgerschaft eine Finanzspritze für die Gesundheit Nord beschlossen, da tun sich beim städtischen Klinikverbund in Bremen neue Finanzlöcher auf.
12.06.2018, 20:57
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Krise des Bremer Klinikverbundes verschärft sich
Von Jürgen Theiner

Die Dauerkrise beim städtischen Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) strebt offenbar einem neuen Höhepunkt entgegen. Vor dem Hintergrund alarmierender wirtschaftlicher Daten aus den ersten vier Monaten soll nach Informationen des WESER-KURIER einer der Geschäftsführer der Münchener Unternehmensberatung WMC Healthcare in den Vorstand der Geno berufen werden.

Tobias Möhlmann ist Arzt und Betriebswirt und war vor der Gründung von WMC bei der international agierenden Consulting-Firma McKinsey tätig. Eine offizielle Bestätigung für die Personalie war am Dienstag nicht zu erhalten. Die ersten vier Monate des laufenden Jahres waren für die Gesundheit Nord geradezu desaströs.

Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ließen sich in den vier Häusern des Verbundes (Mitte, Links der Weser, Ost und Nord) rund 1200 Patienten weniger behandeln. Im Ergebnis lag man 2,2 Millionen Euro unter dem bereits sehr schlechten Niveau des Vorjahres. Gegenüber dem Wirtschaftsplan für 2018 ergab sich Ende April bereits ein Minus von 7,7 Millionen Euro.

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„Die Zahlen sind flächendeckend schlecht, sie betreffen alle Bereiche. Nur das Klinikum Nord macht eine gewisse Ausnahme“, sagt ein Geno-Insider. Vor diesem Hintergrund werde der bereits eingeleitete Personalabbau in nächster Zeit an Tempo zunehmen. War zunächst nur eine Größenordnung von etwa 50 Personen – vorwiegend im Verwaltungsbereich – im Gespräch, so müsse man jetzt von etwa 150 Stellen ausgehen.

Der Wegfall von Stellen werde auch die „weißen“ Beschäftigten erfassen, also Ärzte und Pfleger. Zuletzt hatte die Geno mit einer aufwendigen Kampagne in der Bremer Region um Krankenpfleger für einen Pool an Springerkräften geworben. „Das macht eigentlich wenig Sinn, wenn gleichzeitig feste Stellen abgebaut werden“, so der Insider. Insgesamt beschäftigt die Geno in ihren Kliniken und der Zentrale an der Kurfürstenallee derzeit rund 7400 Menschen.

Keine Kontinuität in der Führung

In der vierköpfigen Führungsriege des angeschlagenen Krankenhausverbundes gab es zuletzt ein munteres Kommen und Gehen, das sich noch fortsetzen wird. Im vergangenen Jahr war Personalvorstand Albert Schuster nach kurzem Gastspiel freiwillig wieder ausgeschieden, für ihn wurde zum 1. Juni Torsten Hintz in die Geno-Leitung berufen.

Auf der Position des Beauftragten für den Neubau am Klinikum Mitte wird es im Herbst einen Wechsel geben. Dann verlässt Robert Pfeiffer die Geno, ausgerechnet wenige Monate vor dem Umzug der medizinischen Einheiten in den Neubau, der eine logistische Herkulesaufgabe darstellt. Anfang des Jahres hatte sich die Geno auf der zentralen Position des kaufmännischen Vorstandes von Tomislav Gmajnic getrennt.

Ihm wurde das Minus von über 18 Millionen Euro in der 2017er-Bilanz im Wesentlichen angelastet, weil er einem Rückgang der Patientenzahlen nicht rechtzeitig mit Personalabbau begegnet sei. Nach mehrmonatiger Vakanz soll nun offenbar WMC-Geschäftsführer Möhlmann die kaufmännische Verantwortung übernehmen.

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Kenner der Geno gehen bei dieser Personalie von einer Interimslösung aus, denn als Miteigentümer einer Unternehmensberatung mit Sitz in München dürfte Möhlmann kaum geneigt sein, sich dauerhaft in der Leitung eines Bremer Regionalversorgers einzurichten. Interessant ist die Personalie aber in mehrfacher Hinsicht. WMC hatte die Geno bereits mehrfach beraten, zuletzt bei der Ausarbeitung eines Konzeptes für die medizinische Neuaufstellung des Krankenhausverbundes.

Wie berichtet, sollen neue örtliche Schwerpunkte für bestimmte Behandlungen gebildet werden. So ist beispielsweise geplant, Mitte zum einzigen Standort für Gynäkologie und Geburtshilfe zu machen und im Gegenzug die Gefäßchirurgie am Klinikum Links der Weser zu konzentrieren. Wenn WMC sich nun nicht mehr auf Beratungsleistungen beschränkt, sondern Spitzenkräfte der Consulting-Firma direkt in das operative Geschäft der Geno eingreifen, dann delegiert der Klinikverbund damit auch Entscheidungen nach außen, die er sich selbst offenbar nicht mehr zutraut.

"Die Lage hat sich deutlich entspannt"

Bemerkenswert ist der Vorgang auch deshalb, weil WMC nicht nur berät. WMC-Gründer Reinhard Wichels ist auch als Investor unterwegs. In Niedersachsen hat er bereits mehrere kleinere Krankenhäuser übernommen. Geno-Sprecherin Karen Matiszick äußerte sich am Dienstag nicht zu den bevorstehenden personellen Entwicklungen. Nach ihrer Darstellung waren „die ersten Monate des Jahres nach wie vor schwierig für unseren Konzern“.

Im Mai seien allerdings erste Anzeichen für eine Wende zum Besseren zu erkennen gewesen. Durch den im Aufbau befindlichen Springerpool werde die Gesundheit Nord 2018 etwa vier Millionen Euro weniger für Personalleasing ausgeben müssen, als ursprünglich vorgesehen. Auch bei den Sachkosten würden Einsparungen sichtbar. „Die Lage hat sich deutlich entspannt“, so Matiszick.

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