Kunst im öffentlichen Raum Bremer Künstlerin Martina Benz: Ein Wolkenbruch aus Steinen

Die Bildhauerin Martina Benz arbeitet mit Pflastersteinen und lässt die groben Klötze federleicht erscheinen. Wie der Bremerin das gelingt und vor welchen Herausforderungen sie bei ihrer Arbeit steht.
14.06.2020, 08:53
Lesedauer: 5 Min
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Bremer Künstlerin Martina Benz: Ein Wolkenbruch aus Steinen
Von Olga Gala

Eine Wolke aus Pflastersteinen. In fast fließenden Bewegungen hat die Bremer Künstlerin Martina Benz die Brocken in ihrem Kunstwerk „Wolkenbruch“ angeordnet. Die Skulptur steht im niedersächischen Hüde am Dümmersee. Sie entstand 2016 bei einem dreiwöchigen Symposium und ist Teil des Projekts „See Sicht“.

Benz' Arbeiten stehen oft im öffentlichen Raum statt. Ihre Werke nicht in Museen auszustellen, sondern auf Plätzen, Straßen und in Parks, reizt die Künstlerin. So können viel mehr Menschen davon profitieren, auch solche, die sonst eher selten eine Ausstellung besuchen. Die Lebensqualität in den Quartieren erhöhe sich durch Kunst, meint Benz.

Um im öffentlichen Raum wahrgenommen zu werden und Bestand zu haben, müssen die Arbeiten zum einen die Umgebung ergänzen, aber auch auffallen. Die Werke der Bremerin sind deshalb meist auffällig, häufig groß. So auch der Wolkenbruch: 2,20 Meter hoch, 2,50 Meter breit ist die Skulptur.

Eine gräuliche Platte bildet das Fundament. Die stilisierte Wolke aus Granitpflastersteinen liegt auf einem blaugefärbten Sockel aus Beton und ist mit diesem verdübelt. Aus der Wolke bricht der Regen. In Strömen fallen die Steine zu Boden.

Der Wettbewerb, in dem Benz die Skulptur fertigte, hatte Wasser zum Motto. Immerhin stehen die Werke an Niedersachsens zweitgrößtem See. Benz dachte an den Wasserkreislauf, einzelne Regentropfen und Wolkenbildung. „Regnen passt schön mit meiner Arbeitsweise zusammen“, sagt sie. Einen kurzen Moment einer Bewegung sichtbar machen, das ist ein zentraler und wiederkehrender Aspekt ihrer künstlerischen Tätigkeit. „Ich kann Bewegung im Raum gefrieren lassen.“ Doch nicht nur beim „Wolkenbruch“ ließ sich die Bildhauerin von der Natur inspirieren. So schuf sie etwa in der Nähe eines kleinen Wasserwehrs, umgeben von Feldern mit frisch gemähten Heuballen, eine Skulptur bestehend aus vielen kleinen Rollen.

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Für den „Wolkenbruch“ zentral sind die Pflastersteine aus Granit. Sie alle haben ein Loch in der Mitte. Jeweils zwei Seiten sind glatt geschliffen, damit die Steine miteinander verschraubt werden können. Das macht Benz bei allen ihren Pflasterstein-Werken so.

Die Bildhauerin versucht, die Pflastersteine möglichst wenig zu bearbeiten. Kein Material in ihrem Kunstwerk solle so weit verändert werden, als dass es wie ein anderes wirken könne. Benz sagt, sie bereite lediglich die Fugenflächen auf, indem sie sie glatt schleife. Das sei wichtig für die Statik. So können die Steine ganz eng aufeinander liegen und sich so ein Stück weit selbst stabilisieren. Dann fädelt die Bremerin die Steine auf einer 12 Millimeter dicken Gewindestange auf.

Fließende Bewegungen und weiche Formen lassen sich auch aus dem festen Material bilden. „Pflastersteine haben eine konische Form, da ergibt sich das Runde automatisch“, sagt Benz. Zur ihrer heutigen Arbeitsweise mit Pflastersteinen kam sie eher zufällig. Während ihres Studiums hatte sie kein Geld für teure Materialien. Einen größeren Felsen, um aus diesem eine Skulptur zu hauen, konnte sie sich nicht leisten. Sie fuhr zu städtischen Baustoffhöfen. Dort gab es günstig Restbestände aus dem Straßenbau. Die erste Skulptur aus zusammengesetzten Steinen entstand. Trotz Startschwierigkeiten (die Arbeit kippte um) blieb Benz dabei. Sie lernte dazu. Tüftelte die richtige Herangehensweise aus. „Mit dieser Arbeitsweise kann ich nicht alles machen, aber ich kann die Richtung verändern und frei arbeiten.“

Für „Wolkenbruch“ baute Benz ein Modell aus Styrodur. Das leichte Isoliermaterial aus Hartschaum lasse sich gut in Form bringen, bleibe aber stabil. Mit einem Cuttermesser schnitt die Künstlerin kleine Würfel. Bei ihren anderen Arbeiten hat sie nicht immer vorher einen Plan. „Manchmal fange ich an und entwickle meine Ideen dann weiter.“ Meist habe sie jedoch ein grobes Motiv im Kopf. „Ich sehe einen Strang und denke mir, das braucht eine weitere Bewegung.“ Wichtig ist für Benz: Die Formen sollten reduziert bleiben und nicht zu ausschweifend werden.

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Benz ist nicht nur Künstlerin, sondern auch Handwerkerin. In einem auf Restaurierung spezialisierten Betrieb lernte sie in den 1980er-Jahren den Beruf der Steinmetzin. Bereits zu Beginn der Lehrzeit wollte sie jedoch Kunst machen, aber eben auch mit dem Material wirklich umgehen können, das sie so faszinierte.

Heute arbeitet Benz als Bildhauerin. „Stein war mir immer nah. Ich habe auch mal Ausflüge in andere Materialien gemacht.“ So habe sie zwischendurch Ton verwendet. Dieser sei viel spontaner als Stein, sagt die Künstlerin. Einfälle lassen sich schneller umsetzen und auch wieder rückgängig machen, wenn das Ergebnis doch nicht gefällt. Trotzdem sei Benz immer wieder zum Stein zurückgekommen. „Die Entschlossenheit für die Handlung am Stein“, imponiere ihr. „Im Stein sind viele Dinge absolut.“ Das gefällt Benz. Über den Stein gebe es scheinbar unumstößliche Wahrheiten: Masse, Statik, Dichte. Unbeweglich. Fest. Statisch. „In sich haben Steine keine Dynamik.“ Indem sie die einzelnen Brocken miteinander verbinde, könne sie aber Dynamik nachahmen, sagt Benz. „Das Prinzip des Steins unterlaufen und ihn in Leichtigkeit und Dynamik zu bringen, interessiert mich sehr.“ In einer Art Schwebezustand soll die Beschaffenheit des festen und wenig biegsamen Stoffes ein Stück weit aufgehoben werden. „Steine können so tanzen“, sagt die Bilderhauerin.

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Etwa 2,5 Kilo wiege ist so ein Pflasterstein, die Arbeit sei auch körperlich anstrengend. Hat Benz vier bis fünf Steine auf der Gewindestange platziert, dreht sie eine Mutter und eine Unterlegscheibe auf die Stange, damit die Steine wirklich fest sind. Benz Skulpturen müssen einiges aushalten. Da sie im öffentlichen Raum stehen, muss die Künstlerin damit rechnen, dass da auch mal jemand durch das Kunstwerk läuft, sich auf die Skulptur setzt oder sogar auf ihr klettert. In der Zevener Innenstadt etwa steht eine aus Pflastersteinen geformte Welle. Dafür musste Benz sogar ein Statisches Gutachten einholen.

Info

Zur Person

Die Bildhauerin Martina Benz ist in Bad Harzburg geboren und im niedersächischen Bückeburg aufgewachsen. Nach der Schule machte sie 1983 eine Lehre als Steinmetzin in Nienstädt. Als Kind träumte sie davon, Tapeten zu entwerfen – Muster und Formen begeisterten sie. Ihr Material wurde trotzdem der Stein – die Endgültigkeit der Arbeit mit dem Stoff fasziniert Benz. In der Ausbildung wollte sie lernen mit dem Material umzugehen, das sie so interessierte. Schon damals war Benz jedoch klar: Sie will Kunst machen. Nach der Lehre studierte die junge Frau Freie Kunst in Braunschweig bei Johannes Brus und Emil Cimiotti. Anschließend war sie Meisterschülerin bei Thomas Virnich.

Heute ist die 56-Jährige als freie Künstlerin in Bremen tätig und arbeitet vor allem mit Pflastersteinen. Außerdem hat sie eine Reihe von Skulpturen zum Thema Sitzen geschaffen. Im Gegensatz zu ihren Skulpturen aus Pflastersteinen, haut sie diese aus einem Stück. Eines der Stuhl-Kunstwerke steht etwa in der Bremer Neustadt. Benz arbeitet jedoch nicht nur als freie Künstlerin, sondern leitet auch seit mehr als 20 Jahren die Bildhauerwerkstatt in der JVA Bremen.

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