Direktor der Kunsthalle Bremen im Interview

„Dann machen wir auf“

Die Picasso-Ausstellung ist verschoben, das Programm für nächstes Jahr ist konzipiert, steht aber auch unter Vorbehalt. Kunsthallendirektor Christoph Grunenberg im Interview über schwierige Zeiten für Museen.
29.11.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Dann machen wir auf“
Von Iris Hetscher
„Dann machen wir auf“

Christoph Grunenberg hofft auf einen baldigen Neustart der Kunsthalle mit der Ausstellung "Die Picasso-Connection".

Frank Thomas Koch

Herr Grunenberg, eigentlich sollte die Ausstellung „Die Picasso-Connection“ seit dem vergangenen Wochenende zu sehen sein, musste aber wegen des Lockdowns verschoben werden. Gleichzeitig sind für 2021 die nächsten Ausstellungen angekündigt – wie plant man in dieser Zeit als Museum überhaupt?

Christoph Grunenberg: Diese Frage hat sich im ersten Lockdown schon gestellt, wobei da die Unsicherheit noch größer war. Gleichzeitig muss man sagen, den zweiten Lockdown haben wir nicht erwartet und auch nicht damit gerechnet, dass nun doch wieder Museen und Kulturinstitutionen geschlossen werden. Wir haben an unserem Programm gefeilt und es umgestellt.

Wie?

Wir haben die Ausstellung mit Radierungen von Horst Antes auf 2021 geschoben, wir machen Richard Moss etwas ambitionierter und größer. Besonders tragisch ist allerdings, dass wir die „Picasso-Connection“ nicht öffnen können. Jetzt sind wir in der gleichen Situation wie im Frühjahr mit der Retrospektive von Norbert Schwontkowski. Wir haben uns ordentlich ins Zeug gelegt, bis auf drei Leihgaben aus Berlin ist alles da. Und auch da hoffen wir, dass wir die noch bekommen, wenn die Reisebeschränkungen gelockert werden.

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Mit welchem Datum rechnen Sie realistischerweise: Irgendwann Anfang Januar?

Wenn der Lockdown aufgehoben wird, dann machen wir auf. Also nicht am 21. Dezember, weil das ein Montag ist, aber sobald wie möglich danach.

Sie sind optimistisch.

Für uns sind Weihnachten und die Tage danach wichtig. Das sind traditionell Tage, an denen die Menschen ins Museum gehen. Darauf werden wir uns einstellen. Das Problem sind für uns die relativ geringen Vorlaufzeiten, ehe da die entsprechenden Verordnungen geschrieben oder verabschiedet sind, dauert es. Das haben wir ja auch Ende Oktober erlebt, als der neue Lockdown verfügt wurde...

...da gab es zunächst Verwirrung, weil auf der Liste der zu schließenden Einrichtungen zwar die Bordelle standen, aber die Museen vergessen worden waren.

Das war ja symptomatisch und hat uns Museumsleute schon sehr ins Nachdenken gebracht. Wir haben einige Zeit in der Luft gehangen. Da stellt man sich als Museum die Frage, ob man tatsächlich für so relevant gehalten wird, wie es sonst immer verkündet wird. Ich finde, es gibt eine Diskrepanz – warum können Autohäuser und Baumärkte öffnen, warum kann Fußball gespielt werden, aber die Museen müssen schließen? Nächste Woche öffnen wir unseren Shop, das Museum bleibt aber geschlossen. Wenn ich auch großes Verständnis für die Kontaktbeschränkungen habe, ist das nicht unbedingt logisch. Daher haben 40 Museen bundesweit dagegen ihre Stimme erhoben. Weil: In den größeren Museen bieten wir, wenn man die Fläche und die Besucherzahlen in Beziehung setzt, ein sehr sicheres Umfeld.

Die Freizeiteinrichtungen mussten schließen, und die Museen wurden darunter gefasst…

Wir sehen uns eher als Bildungseinrichtungen wie die Bibliotheken, die Volkshochschule oder die Musikschule. Die dürfen weiterhin öffnen.

Sie sind ja nicht nur eine Bildungseinrichtung, sondern auch ein Wirtschaftsunternehmen. Und das schließt mit einem Minus ab dieses Jahr, oder?

Auf jeden Fall, wir sehen einem Defizit entgegen. Das war im Sommer schon abzusehen, mit dem erneuten Lockdown wird es noch einmal schlimmer. Da geht es ja auch um die Menschen, die hier arbeiten und in Kurzarbeit sind. Wir beschäftigen 60 Mitarbeiter in Vollzeit, außerdem arbeiten wir mit vielen Dienstleistern zusammen und mit vielen Solo-Selbstständigen, die bei uns Kurse oder Führungen anbieten. Aber wir machen das hier nicht, um Profit zu erwirtschaften; das schaffen die meisten Kulturinstitutionen nicht, außer sie sind vielleicht ein Musical-Theater. Unser Auftrag ist es, Kunstwerke der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen und zu vermitteln.

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Für den Kulturbereich gibt es Hilfen auf allen möglichen Ebenen; für die Kunsthalle doch auch, oder?

Die Mittel aus dem Bremen-Fonds, aus der Novemberhilfe und aus dem Neustart-Programm der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Monika Grütters, sind schnell und unbürokratisch genehmigt worden. Wir kommen daher mit einem blauen Auge davon. Aber keiner weiß bis jetzt genau, wie es 2021 weitergeht, auch, was derartige Zuschüsse angeht.

Wenn wir auf das Programm für das nächste Jahr schauen, fällt sofort ein ungewöhnliches Projekt auf: „Smell it!“. Eigentlich geht man ja ins Museum, um zu schauen – jetzt soll man riechen?

Das Thema hat in der Kunstgeschichte einen großen Stellenwert, ist aber bisher eher selten betrachtet worden. Der Ansatz ist, wie kann dieser faszinierende Sinneseindruck des Geruchs, der ja immateriell ist, dargestellt werden. „Smell it!“ ist ein Gemeinschaftsprojekt von acht Bremer Museen und Ausstellungshäusern, die die unterschiedlichsten Aspekte ausleuchten werden.

Welchen beleuchtet die Kunsthalle?

Wir konzentrieren uns vor allem auf die historischen Beispiele und die Darstellungen von Objekten oder organischen Materialien, beispielsweise Blumenstillleben. Ein maßgeblicher Teil der Werke wird aus dem Kupferstichkabinett beigesteuert werden, da werden wir ein großes Spektrum vom Stillleben über die Darstellung von Essensszenen oder Märkten abbilden. Dann haben wir doch eine zeitgenössische Intervention von Oswaldo Maciá, der eigens bei uns einen Raum gestalten wird, in dem visuelle Eindrücke und Geruchseindrücke zu erleben sind.

Der zweite Schwerpunkt nächstes Jahr liegt auf Edouard Manet. Warum?

Die große Ausstellung „Manet und Atruc. Künstlerfreunde“ planen wir schon seit zehn Jahren. Hätten wir sie für dieses Jahr vorbereitet, wäre das eine mittlere bis große Katastrophe geworden, weil sie essentiell auf hochkarätigen Leihgaben aus der ganzen Welt beruht. Leihgaben zu bekommen oder auch zu verschicken ist derzeit eine große Herausforderung, da herrscht viel Unsicherheit. Daher hoffen wir, dass sich die Situation bis Oktober 2021 gebessert hat, weil wir beispielsweise Hauptwerke aus dem Pariser Musée d‘Orsay oder aus dem Metropolitan Museum in New York und der National Gallery in London zeigen wollen. Die Leihgaben sind schon zugesagt, die Ausstellung steht im Kern.

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Wie ist die Ausstellung konzipiert?

Sie wird wieder um ein zentrales Werk aus unserer Sammlung herum gebaut, um das „Bildnis des Zacharie Astruc“, ein Hauptwerk von Manet von 1866. Es ist seit 1908 in der Sammlung des Kunstvereins, und es ist ein programmatisches Werk, in dem es einmal um diese Persönlichkeit geht, aber auch um den Geschmack, die Ästhetik und die Vorlieben der 1860er-Jahre in Paris. Auch Blumenstillleben werden eine wichtige Rolle spielen. Zacharie Astruc wird zudem nicht nur als wichtiger Kunstkritiker, sondern auch als Künstler vorgestellt, der 15 Jahre, nachdem Manet ihn gemalt hatte, seinerseits Manet porträtiert hat. Da schließt sich ein Kreis.

Das Gespräch führte Iris Hetscher.

Info

Zur Person

Christoph Grunenberg wurde 1962 in Frankfurt/Main geboren und ist promovierter Kunsthistoriker. Seit 2011 ist er Direktor der Kunsthalle Bremen. Von 2001 bis 2011 hat er die Tate Liverpool geleitet, zuvor hat er für Museen in Washington, Boston und Basel sowie für die Tate Gallery in London gearbeitet

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