Folgen der Corona-Krise Höhere Nachfrage nach Lebensmitteln aus dem Internet

Die Pandemie hat dem Onlinehandel für Lebensmittel Zuwachs beschwert. Während Märkte in Bremen mit ihrem Angebot am Anfang stehen, hat sich ein Unternehmen wie Hello fresh von Beginn an im Netz aufgestellt.
04.01.2021, 05:00
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Höhere Nachfrage nach Lebensmitteln aus dem Internet
Von Silke Hellwig

Im Supermarkt einkaufen, ohne Einkaufswagen als Abstandspuffer und Mund-Nasen-Schutzbedeckung? Das ist möglich, war es auch schon vor 2020. Lebensmittel werden teilweise seit Jahren von Einzelhändlern an Stammkunden geliefert, nach telefonischer Bestellung. Der Onlinehandel beginnt sich durchzusetzen, auch getrieben durch die Pandemie. Gegen Gebühr werden Brot und Reis, teilweise auch Milch und Tomaten bis zur Wohnungstür gebracht, von einzelnen Märkten, auch von Discountern.

Das gilt beispielsweise für die Rewe-Märkte von Daniel Petrat in der Gerold-Janssen- und der Alfred-Faust-Straße. „Das Interesse ist da und es vergrößert sich, natürlich ganz klar auch durch die Pandemie“, sagt Petrat. Die Kundschaft sei vielfältig. Manche Kunden mieden derzeit persönliche Kontakte, andere hätten grundsätzlich wenig Zeit und Lust, an der Kasse Schlange zu stehen, Senioren sei der Einkauf grundsätzlich zu beschwerlich.

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„Wir bewerben dieses Angebot bisher nicht aktiv, weil wir momentan, um die Feiertage herum, schon so alle Hände voll zu tun haben“, sagt Petrat. Es gebe eine Reihe von Stammkunden und Unternehmen, die schon seit Längerem beliefert werden, aber das Onlinegeschäft stehe noch am Anfang. Momentan gebe es technische Hürden, der Anmeldeprozess sei aufwendig, jedenfalls wenn die Ware nicht von der übergeordneten Rewe Markt GmbH im Allgemeinen, sondern von einem Markt im Besonderen kommen soll. Man könne diesen Geschäftszweig auch nicht mal eben so nebenher aufziehen, sagt Petrat. „Der Aufwand ist hoch, dafür braucht man das entsprechende Personal.“

Die Rewe Markt GmbH gehöre zu den Vorreitern im Online-Lebensmittelhandel, so Petrat weiter. „Für die selbstständigen Märkte steckt das technisch noch in den Kinderschuhen“, ergänzt Mathias Janßen, Filialleiter in der Gerold-Janssen-Straße, „aber Verbesserungen sind in Arbeit, und wenn das reibungslos funktioniert, wird die Nachfrage auch ganz schnell wachsen“.

Keine Annahme von neuen Kunden

Bei Edeka24 – dem Onlineversand der Edeka-Gruppe – werden derzeit keine neuen Kunden angenommen. Bremer Edeka-Märkte bieten dagegen weiterhin Lieferservice an. Der „Bringmeister“ von Edeka liefert bislang ausschließlich in Regionen, wo sich die Kundschaft häuft – Potsdam, Berlin, München.

Die „Welt“ berichtete im Februar 2020: „Der Verkauf von Lebensmitteln über das Internet kommt nicht recht voran. Immer noch dümpelt der Marktanteil von Online-Lebensmitteln in Deutschland bei gut einem Prozent.“ Die Zeitung zitiert aus einer Umfrage der Beratungsfirma Oliver Wyman. Danach werde sich dieser Online-Umsatz in den nächsten zehn Jahren verfünffachen, vor allem jüngere Kunden stünden dem Online-Einkauf aufgeschlossen gegenüber.

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Indes sind Knäckebrot und Nudeln, Konserven und Marmelade relativ problemlos zu verpacken und zu verschicken, anders als Gemüse, Butter, Fleisch oder Fisch. Der logistische Aufwand ist größer, zumal wenn nicht innerhalb einer Stadt oder Region geliefert wird, sondern durch die gesamte Nation.

Für Aufsehen sorgte 2010, dass der Onlinehandelsriese Amazon Lebensmittel in sein Sortiment aufnahm. 50 000 Artikel wurden angeboten, Frischware gehörte nicht dazu. Stiftung Warentest testete seinerzeit das Angebot: „Das große Sortiment erweist sich als lückenhaft und teilweise extravagant: Nahezu alle bekannten Mineralwassermarken fehlen. Dafür können Kunden eine 0,7-Liter-Flasche Regen­wasser aus Tasmanien für 7,90 Euro bestellen. Amazon selbst verschickt vor allem Groß­packungen von halt­baren Lebens­mitteln und Getränken. Wozu aber einen 12er-Pack Salz kaufen, wenn es hoch­gerechnet nicht viel güns­tiger ist als im Supermarkt um die Ecke?“

Eine moderne Alternative zum Supermarkt

In den vergangenen Jahren hat Amazon das Sortiment deutlich erweitert und die Tochter Amazon Fresh gegründet. Angaben über den Umsatz und die Entwicklung der Tochtergesellschaft – die momentan in Berlin, Potsdam, Hamburg und München auch Frisches liefert – gibt es nicht, teilt die zuständige PR-Agentur mit.

Lebensmittel samt Kochanleitung, für sogenannte Kochboxen abgewogen und zusammengestellt, liefert das Unternehmen Hello fresh nach Hause, samt empfindlicher Ware wie Gemüse, Fisch und Fleisch. Hello fresh verstehe sich nicht als Nischen- oder Super-Premium-Produkt: „Wir sind eine bessere, moderne Alternative zum Supermarkt“, sagt Unternehmenssprecher Martin Becker. Die Kochboxen für den deutschen und österreichischen Markt werden seit 2016 in Verden produziert und von dort aus verschickt.

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Das Geschäft wächst laut Martin Becker stetig: „Seit der Gründung in Berlin im Jahr 2011 sind wir in mittlerweile 14 Märkte expandiert, in denen wir im dritten Quartal 2020 fünf Millionen aktive Kundinnen und Kunden mit 162 Millionen Mahlzeiten beliefert haben.“ Das entspreche 91,5 Prozent mehr Kunden als im dritten Quartal des Vorjahres. „Mit der Ausbreitung der Pandemie haben wir natürlich eine erhöhte Nachfrage gesehen, obwohl wir auch vorher stark gewachsen sind.“ Den Umsatz für 2019 beziffert Becker mit 1,8 Milliarden Euro, „derzeit gehen wir für das Geschäftsjahr 2020 von einem währungsbereinigten Umsatzwachstum zwischen 107 und 112 Prozent aus“.

In diesem Jahr, berichten Branchenmedien, will ein Online-Supermarkt aus Tschechien den deutschen Markt erobern: Knuspr. Es verspricht: „hochwertige Lebensmittel so, wie es sich Kunden wünschen – immer frisch, regional, preiswert und innerhalb von drei Stunden vor der Haustür“. Es handelt sich um eine Tochterfirma des tschechischen Lebensmittelhändlers Rohlik. Momentan werden Mitarbeiter gesucht, laut der Branchenzeitschrift „W&V“ soll das Angebot im zweiten Quartal dieses Jahres in München starten.

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Den stationären wird der Onlinehandel bei Lebensmitteln nie ersetzen, sagt Daniel Petrat. Es gebe viel zu viele Kunden, die sich spontan entschieden, was sie in ihren Einkaufskorb legten und kochen wollten, die sich durch das Sortiment gewissermaßen leiten ließen – zumal wenn der Markt dazu beinahe rund um die Uhr Gelegenheit biete.

Info

Zur Sache

Lebensmittelversand in Zahlen

Im Mai berichtete der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (BEVH) von starkem Wachstum bei Lebensmitteln (plus 101 Prozent), Medikamenten (plus 87,3 Prozent), Drogeriewaren (55,1 Prozent) und Tierbedarf (20,2 Prozent). Der Umsatz im Lebensmittelhandel wird vom Verband für April 2020 mit 308 Millionen Euro angegeben. Das sei umso bemerkenswerter, als der stationäre Handel nicht vom Lockdown betroffen ist. „Die enormen Steigerungen bei den Gütern des täglichen Bedarfs zeigen vor allem, dass die Verbraucher in Deutschland den Onlinehandel als verlässlichen Versorger, gerade in solch einer Krise, schätzen und nutzen“, kommentierte BEVH-Präsident Gero Furchheim.

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