Natur in der Stadt Ein Garten für Mensch und Biene

Insektenschutz ist in Mode. Gärtnerinnen und Gärtner können mit einem insektenfreundlichen Garten zum Schutz der Tiere beitragen. Experten vom Bremer Landesverband der Gartenfreunde geben Tipps.
02.05.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Ein Garten für Mensch und Biene
Von Maurice Arndt

Ein bisschen wild darf er schon sein, aber ungepflegt? Nein, so muss ein insektenfreundlicher Garten nicht aussehen. Davon sind Sylke Brünn und Hartmut Clemen überzeugt. Die Biologin und der Landschaftsgärtner arbeiten seit 2003 für den Bremer Landesverband der Gartenfreunde am Floratrium. Dort wollen sie jüngere Menschen für das Kleingartenwesen gewinnen und werben für insektenfreundliche Bepflanzungen.

Das Floratrium ist Vorreiter für insektenfreundliche Gartenanlagen, sagt Clemen. Im Jahr 2008 entstand in dem Lehrgarten die erste Wildbieneninsel: ein mit Natursteinen eingefasstes und kaskadenartig aufgebautes Blumenbeet. Interesse in der breiten Bevölkerung gebe es für das Thema seit Veröffentlichung der sogenannten Krefelder Studie 2013, die auf das Thema Insektensterben in Deutschland aufmerksam machte.

Seitdem hat sich auch die Politik dem Thema zugewandt. In Bremen gibt es seit 2019 Regelungen, die den Bau sogenannter Steingärten teilweise verbieten. Im selben Jahr machte sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) für den Bienenschutz stark, nachdem ein Volksbegehren für dieses Thema geworben hatte. „Auch Unternehmen haben bienenfreundliche Anpflanzungen für sich entdeckt“, sagt Clemen.

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Die Kleingärtner-Szene beschäftige sich wie das Floratrium bereits länger mit dem Thema, sagt Sylke Brünn. Das liege unter anderem daran, dass Kleingartenparzellen ideal für die insektenfreundliche Bepflanzung seien. Sie ohnehin vielfältig angelegt, mit einer Mischung aus Gemüsebeeten, Obstanpflanzungen oder Blumenbeeten. Auch die Bebauung, oft Holzhütten, helfe. In kleinen Löchern und Fugen im Holz könnten sich etwa Wildbienen einnisten.

Insektenfreundliche Gärten sind mehr als nur eine nette Geste für die kleinen Tiere. „Sie helfen beispielsweise, Wildbienen durch das sogenannte Blühloch im Juni zu kommen, wenn wenig blüht und Honigbienen die Wildarten verdrängen“, erklärt Brünn. Außerdem vergrößern sie den Lebensraum der Tiere, die oft nur einen sehr kleinen Flugradius haben. Insekten werden so von Mitgliedern ihrer Art abgeschnitten, wenn zwei artgerechte Lebensräume – sogenannte Trittsteine – zu weit auseinander liegen.

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Insektenfreundliche Bepflanzung ist pflegeleicht und unkrautarm

Für Gärtner haben derartig angelegte Grünanlagen auch einen praktischen Nutzen. Dadurch, dass die besonders insektenfreundlichen Wildblumen, anders als Kulturpflanzen, auf nährstoffarmen Sand- und Kiesboden gepflanzt werden, sind ihre Beete pflegeleicht und unkrautarm. Weitere Vorteile gibt es, wenn Dächer insektenfreundlich bepflanzt werden. Das kühlt den Raum unter dem Dach und im Falle von starkem Regen wird nicht gleich der gesamte Niederschlag in die Kanalisation abgegeben.

Sylke Brünn findet an insektenfreundlicher ­Bepflanzung auch über den praktischen Nutzen hinaus Gefallen. „Die Erlebnisvielfalt ist einfach größer.“ Damit meint Brünn, die auch ihren ei­genen ­Balkon insektenfreundlich gestaltet hat, dass sich in einem Garten viele verschiedene ­Bepflanzungen und Gestaltungen sowie Lebewesen finden, wenn er entsprechend angelegt ist. Im Floratrium ist das gut zu sehen: In nahezu jedem Beet fliegen Wildbienen umher oder krabbeln Insekten. Sie findet das beruhigend, sagt die Biologin.

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„Die Natur ist die beste Gestalterin“

Ruhe ist im Übrigen für die Entwicklung eines insektenfreundlichen Gartens unerlässlich, erklärt Landschaftsgärtner Clemen. Entscheide man sich, seinen Garten im Sinne der Insekten umzugestalten, sei es wichtig, zunächst den ei­genen Garten genau unter die Lupe zu nehmen. „Vieles ist oft schon da. Indem man nicht alles ­immer gleich zurückschneidet und Pflanzen auch mal über die gerade Kante wachsen lässt, kann vieles von alleine entstehen“, erklärt Clemen. Brünn sagt: „Die Natur ist die beste Gestalterin.“ Zudem müsse nicht nur gepflanzt werden. Mit den richtigen Natursteinen könnten auch Wege und Plätze angelegt werden. Sind die Fugen nicht betoniert, bieten sie Rückzugsräume für Insekten.

Wichtig sei, alle Gartennutzer mit einzube­ziehen, wenn eine Umgestaltung anstehe. Die Möglichkeiten seien vielfältig, von Rückzugs­räumen über Gemüseanpflanzungen bis zu Spielflächen für Kinder sei vieles möglich – auch in einem insektenfreundlichen Garten. „Da sollte der Familienrat gemeinsam entscheiden“, sagt Clemen. Der Landschaftsgärtner empfiehlt zudem, einen Platz zum Ausprobieren neuer Ideen anzulegen. Er ist überzeugt: „Ein Garten ist nie fertig.“

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Apropos Kinder: Um die müsse man sich in einem insektenfreundlichen Garten keine Sorgen machen, meinen die Experten des Floratriums. Zwar würde ein bienenfreundlich angelegter Garten – dem Namen entsprechend – Bienen anlocken. Diese seien aber nicht gefährlich: „Es werden Wildbienen angelockt. Anders als Honigbienen stechen die nicht“, sagt Biologin Sylke Brünn. Weltweit gibt es 565 Wildbienenarten, in Bremen leben rund 150 Arten, die anders als Honigbienen im Boden oder in Nischen nisten. Auch um den Zuckerkuchen oder die Limonade müsse man sich nicht sorgen, die seien schließlich nur für Wespen interessant.

Info

Zur Sache

Der eigene insektenfreundliche Garten

Teuer muss die insektenfreundliche Bepflanzung des eigenen Grüns nicht sein. Sobald mit Rücksicht auf die örtlichen Gegebenheiten ein Plan für die Gestaltung feststehe, könne schnell und günstig losgelegt werden.

Ein guter Start sind oft Staudengewächse, erklärt Experte Hartmut Clemen vom Landesverband der Gartenfreunde Bremen. Wiesen mit Wildblumen sollten nicht die erste Wahl sein. Die langfristige, erfolgreiche Pflege einer solchen Wiese gehöre zu den schwierigsten Aufgaben im insektenfreundlichen Garten. Er betont zudem: „Es muss nicht alles auf einmal fertig sein.“

Welche Wildpflanzen eingesetzt werden sollten, hängt meist mit der Bodenbeschaffenheit zusammen, die selbst zwischen Oberneuland und Peterswerder starke Unterschiede aufweist. Klar ist: Es sollte möglichst dort gepflanzt werden, wo viel Sonne scheint. Beispiele für in Bremen anpflanzbare Blumen sind der Natternkopf, Skabiosen oder der Rotklee. Anlegen sollte man das insektenfreundliche Grün in Eigenregie, empfiehlt Biologin Sylke Brünn von den Gartenfreunden: „Wirkliche Profis gibt es ohnehin kaum.“ Das nötige Wissen für einen bienengerechten Garten sei leicht zu lernen.

Weitere Informationen

Teil drei der Garten-Serie erscheint am 10. Mai. Thema: Elektronische Hilfen in der Natur.

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