Weser-Strand-Porträt „Man braucht das Talent, sein Talent zu nutzen“

Klaus Becker zählt zu den erfolgreichsten Boxtrainern in Bremen. Bei Tura baute er die Boxabteilung ab 2007 neu auf und feierte als Coach mit seinen Schützlingen Dutzende Erfolge, vor allem bei den Frauen.
23.08.2021, 09:11
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
„Man braucht das Talent, sein Talent zu nutzen“
Von Mario Nagel

Seine große Leidenschaft fand Klaus Becker durch eine Fahrt mit der Straßenbahn. 1974 war das. Becker, damals 16 Jahre alt, war mit einem Kumpel unterwegs. Die beiden Jungs wurden von sechs anderen Halbstarken beobachtet, das schien ihnen zu gefährlich. „Also haben wir im richtigen Moment die Bahn verlassen und einen langen Schuh gemacht“, sagt Becker. In diesem Moment fasste er einen Entschluss. „Ich habe zu meinem Kumpel gesagt, dass es das erste und letzte Mal war, dass ich weggelaufen bin.“ Kurz danach meldeten sich die beiden Freunde zum Boxtraining bei Tura Bremen an.

Heute, mit 64, zählt Klaus Becker zu den erfolgreichsten Boxtrainern in Bremen. Bei Tura Bremen baute er die Boxabteilung ab 2007 neu auf, feierte als Coach mit seinen Schützlingen Dutzende Erfolge wie den Gewinn deutscher Meisterschaften und internationaler Titel. Ein Höhepunkt: Nadine Apetz, die Becker von 2008 bis 2014 trainierte, nahm 2021 als erste deutsche Boxerin an den Olympischen Spielen teil. Die mehrfache deutsche Meisterin schied zwar in der zweiten Runde aus, dennoch ist Klaus Becker stolz auf sie. „Gleichzeitig ist es auch eine Bestätigung dessen, was wir hier in den letzten Jahren geleistet haben.“

Fünf Jahre lang boxte Becker für den Gröpelinger Verein, 18 von 26 Kämpfen gewann er. „Mein damaliger Trainer hat gesagt, ich habe einen richtigen linken Hammer.“ 1979 hängte Klaus Becker die Boxhandschuhe an den Nagel. Die Arbeit als Stauer im Bremer Hafen und das Boxtraining waren nicht mehr unter einen Hut zu bringen. „Zumal ich ja auch noch Fußball gespielt habe.“ Mit sechs Jahren fing er bei der SGO Bremen an, weil seine drei Onkel in der ersten Herrenmannschaft spielten. Mit 14 folgte der Wechsel zu Tura, im Herrenbereich stand der Sprung in die Landesliga-Mannschaft des AGSV Bremen bevor. „Aber auch das konnte ich aufgrund der Schichtarbeit im Hafen nicht mitmachen“, sagt Becker.

Mit 15 hatte er eine Lehre als Speditionskaufmann begonnen, ehe er zum Vater in den Hafen wechselte. Dort ließ er sich zum Facharbeiter ausbilden. Als es mit dem Hafen bergab ging, musste er sich neu umschauen. „Ich habe mich dann selbstständig gemacht mit einer Firma, die sich um Maschinen- und Anlagenverpackung kümmert.“ Das macht der 64-Jährige heute noch, seine Mitarbeiter sind in den Niederlande tätig. Die Selbstständigkeit eröffnete Becker auch sportlich wieder neue Möglichkeiten.

Als er Anfang der 1980er-Jahre gefragt wurde, ob er nicht beim Fußballtraining der B-Junioren des AGSV Bremen helfen könne, stieg Klaus Becker ein – und blieb hängen. „Das hat mir viel Spaß gemacht. Ich habe dann gleich die B-Lizenz gemacht.“ Er trainierte erst im Jugendbereich, dann die Bezirksliga-Herrenmannschaft des AGSV Bremen, später noch drei weitere Vereine. Bis er 1998 die Lust verlor: „Durch den Babyknick kam aus der Jugend kaum etwas nach. Das Leistungsniveau im Bremer Amateurfußball war extrem gesunken“, sagt Becker.

Gemeinsam mit Sohn Oliver, der 1983 geboren wurde, meldete er sich in einem Fitnessstudio an. Dort mieteten sie mit ein paar Freunden einen kleinen Raum und hängten Sandsäcke auf. „Dann haben wir lockeres Sparring und Boxtraining gemacht.“ 2006 schloss das Studio, wieder mussten sich Klaus Becker und seine Freunde etwas Neues überlegen. „Also sind wir einfach mal zum Boxtraining von Tura gefahren. Als mich Herwig Claußen, mein einstiger Jugendtrainer, gesehen hat, hat er nur gesagt, ich solle mich umziehen“, sagt Becker. Eine Erinnerung, bei der er lachen muss. 

Die Ausgangslage sei wenig attraktiv gewesen.„Um nicht zu sagen: Die Situation war katastrophal.“ Die Sporthalle am Halmer Weg sei schon vor 15 Jahren stark renovierungsbedürftig gewesen, dazu habe die Boxabteilung kaum Equipment und nur eine Freizeittruppe gehabt. „Als wir dann ein Seil aufspannten, um etwas Sparring zu machen, wurden wir angeguckt, als wären wir Außerirdische.“ Wenig später war Herwig Claußen der einzige Trainer, und Klaus Becker sollte helfen. Fünf Wochen lang habe er hin und her überlegt, ob er das machen soll.„Ich habe dann nach Rücksprache mit meiner damaligen Lebensgefährtin gesagt: Okay, ich mach’ den Trainerjob. Aber wenn, dann bauen wir hier auch was auf.“

Becker erwarb erst die C-, später die B- und A-Lizenzen. Aus der Freizeittruppe sollte eine leistungsorientierte Trainingsgruppe mit Wettkämpfern werden. Die hatte es bis zu diesem Zeitpunkt bei Tura Bremen gar nicht gegeben. „Und obwohl wir keine Werbung gemacht haben, hatten wir plötzlich einen enormen Zulauf. Vor allem bei den Mädchen und Frauen“, erzählt Becker. Innerhalb kürzester Zeit hatte er sieben Boxerinnen im Team, unter ihnen auch Nadine Apetz. Angesichts ihrer Bilanz von einem Sieg aus fünf Kämpfen sagte Becker zunächst, sie sei zu schlecht und dass es eigentlich keinen Platz für sie gebe. „Aber wir haben es probiert, und die Entwicklung, die Nadine genommen hat, ist natürlich enorm.“

Weitere Talente wie Laura Zimmermann, Dominika Wolkovic und Gülbin Ergüz feierten große Erfolge, gewannen Titel oder erreichten vordere Plätze bei nationalen und internationalen Turnieren. „Doch irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem der Aufwand für das Boxen neben dem Beruf zeitlich nicht mehr zu bewältigen war. Dadurch haben wir viele gute Boxer verloren“, sagt Becker. Andere Sportler würden zwar die Voraussetzungen mitbringen, dafür fehle es ihnen aber an Disziplin. „Das ist die Kehrseite der Medaille: Man braucht auch das Talent, sein Talent zu nutzen.“ Es brauche viel Zeit und Hingabe, um Fortschritte im Boxen zu erzielen. Das gelte für Sportler wie Trainer.

Klaus Becker, derzeit der einzige Trainer in seiner Boxabteilung, sieht Nachwuchsprobleme auf seinen Verein und die Boxszene zukommen. „Wenn ich heute zu Wettkämpfen fahre, sehe ich dort immer nur die Trainer und Funktionäre der älteren Generation. Uns fehlen die jungen Leute.“ Tura Bremen suche bereits seit acht Wochen nach neuen Trainern. „Aber es geschieht nichts. Das ist ziemlich frustrierend.“ Dennoch blickt der 64-Jährige zufrieden auf die Entwicklung der Boxabteilung: „Wir haben derzeit 13 aktive Boxer, die alle an Wettkämpfen teilnehmen. Ich denke, man kann sagen, dass wir hier etwas Erfolgreiches aufgebaut haben.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+