Drei Kontinente, drei Erfahrungen

Die Arbeit als Entwicklungshelfer

Drei junge Leute aus Bremen berichten von ihren Erfahrungen im Ausland. Mikis Weber geht nach Thailand, Jettelina Schweigstill war in Nigeria und Kevin Heyers ist in Brasilien.
06.01.2011, 05:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Von Yvonne Nadler

Mikis Weber ist gut vorbereitet. Vielleicht wirkt der 20-Jährige auch deshalb so gelassen. Ein ganzes Jahr lang wird er in Thailand Kindern Englischunterricht geben. "Damit erfüllt sich für mich ein Traum", sagt er. Schon immer wollte er eine längere Zeit in Thailand verbringen.

Der Freiwilligendienst Weltwärts macht es ihm nun möglich. Das Programm ist ein entwicklungspolitischer Dienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Junge Menschen zwischen 18 und 28 Jahren können sich darüber mit finanzieller Unterstützung ein Jahr ehrenamtlich in Entwicklungsländern engagieren.

Jettelina Schweigstill hat den Dienst bereits hinter sich. "Ich habe viel über mich selbst gelernt in der Zeit", sagt sie. Für viele junge Menschen ist Weltwärts eine wünschenswerte Erfahrung. Jährlich gehen über 10.000 Bewerbungen bei den Entsendeorganisationen ein. Im Jahr 2009 sind 3525 Freiwillige in ihren Weltwärts-Dienst gestartet. Mögliche Ziele sind alle Staaten, die die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, als Entwicklungsländer einstuft, sofern die Sicherheitslage eine Ausreise zulässt. Hauptausreiseländer sind Südafrika, Indien, Peru und Tansania und Brasilien.

Letzteres ist zur Zeit Kevin Heyers Aufenthaltsland. Der Rotenburger arbeitet in der Stadt Santarem in einem Kinderheim. Projekte in sozialen Einrichtungen zählen genauso zu den Einsatzbereichen im Weltwärts-Programm wie Projekte im Bereich Bildung oder Umwelt.

Lesen Sie auch

Auch in Bremen gibt es eine Entsendeorganisation. Ein Konsortium aus der Agentur für nachhaltige Projekte econtur, der Bremer Arbeitsgemeinschaft für Überseeforschung und Entwicklung (BORDA) und dem Sportgarten Bremen bereitet junge Menschen zwischen 18 und 28 Jahren auf Auslandseinsätze vor. 50 Freiwillige haben dieses Angebot seit Gründung des Konsortiums 2008 bereits in Anspruch genommen. Die jungen Menschen, die dieses Angebot nutzen, kommen nicht ausschließlich aus Bremen. Andersherum können sich auch Bremer bundesweit bewerben. Unsere Zeitung hat drei Teilnehmer des Programms über ihre Erlebnisse erzählen lassen. Mikis Weber haben wir vor seiner Abreise gesprochen, Kevin Heyer während seines Aufenthalts und Jettelina Schweigstill nach ihrer Rückkehr.

"Ich gehe, um zu helfen"

Erst mit dem Flieger von Bremen nach Frankfurt. Dann weiter Richtung Asien. Zielort Chiang Mai, Thailand. 13 Stunden. Von dort aus noch sechs Stunden mit dem Bus in die Nähe der Grenze zu Birma. Zielort: Mae Sot. Es klingt wie eine Odyssee. Doch für Mikis Weber erfüllt sich damit ein Traum.

Ein halbes Jahr lang wird der 18-Jährige dort bleiben, in einer Kleinstadt, in der Menschenhandel und Kriminalität zum Alltag gehören. Mikis will helfen. In einem Heim für ehemalige Kindersoldaten. Eine schwere Aufgabe. Vor allem psychisch. Auch Mikis weiß das. Doch wenn er davon erzählt, ist er ganz ruhig und gelassen. "Natürlich werde ich mit extremen Geschichten konfrontiert werden. Aber ich gehe da ganz unbefangen ran", sagt er.

In diesem Jahr hat Mikis sein Fachabitur gemacht. Angst, ein Jahr nicht zu Hause zu sein, verspürt er nicht. "Wenn ich erstmal dort bin, lebe ich mich sowieso schnell ein", sagt er. Ein Reiseführer über Thailand liegt auf dem Stuhl neben ihm. Viele bunte Lesezeichen ragen aus den Seiten hervor. "Wenn man sich gut vorbereitet, braucht meine keine Angst zu haben", sagt er.

Auch sein Vater hat Mikis bereits viel über das Land erzählt. Marcus Mitwollen engagiert sich seit Jahren für "Helfer ohne Grenzen". Es ist die Organisation, die auch Mikis entsendet. Wie sein Vater habe er sich irgendwann in Thailand verliebt, sagt Mikis. Schon als Kind war er öfter dort.

Lesen Sie auch

Das heimische Wohnzimmer ist geschmückt mit Souvenirs. An der Wand hängen eine bunte Maske und ein Poster, das eine Thailänderin zeigt. In dem Heim in Thailand wird Mikis Englischunterricht für Kinder geben. Vor seiner Abreise hat er schon einzelne Unterrichtskonzepte erarbeitet. "Ich werde keinen Frontalunterricht machen", sagt er. "Außerdem werde ich sowieso als Seelsorger gebraucht werden." Der 18-Jährige hat bereits in sozialen Einrichtungen mit Kindern gearbeitet "Die fassen immer schnell Vertrauen in mich", sagt er. Mikis redet langsam und bestimmt. Er weiß, dass die Hilfe, die er leisten wird, nicht die Welt bewegt. "Aber ich werde Fußspuren hinterlassen", sagt er. "Und wenn ich bei einigen Kindern das Englisch verbessere, habe ich in die Welt schon mehr Licht gebracht."

"Unter dem Moskitonetz"

Auf Bequemlichkeit und Luxus verzichtet Kevin Heyer gern. Der 20-Jährige kann sich schnell an andere Lebensumstände gewöhnen. So nennt er das, was er nun seit einigen Monaten in Brasilien macht - "die ganz normale Arbeit eines Zivildienstleistenden".

Für den Hilfsverein Seara ist er in einem Heim für unterernährte Kinder tätig. Vier vollwertige Mahlzeiten bekommen sie in der Einrichtung am Tag. Außerdem lernen sie viel über Hygiene. Daneben werden sie pädagogisch betreut. "Damit zum Beispiel Kinder, die sich bei der Ankunft nicht einmal bewegen können, schon innerhalb weniger Wochen das Lachen wiedererlernen", sagt Kevin.

Seine Aufgaben sind zunächst beschränkt. So hilft er in der Küche, beim Aufräumen, beim Putzen und der Büroarbeit. "Das Ganze hat den Sinn, dass ich so nach und nach die Tagesabläufe und die Strukturen von Seara kennenlerne und außerdem die Sprache und Kultur etwas besser verstehe", sagt Kevin.

Was danach zu seinem Einsatzbereich zählt, darf Kevin sich selbst aussuchen. Die Jugendbetreuung würde ihn interessieren, sagt er. Bereits in Deutschland hat er lange Zeit in einer Gemeinde mit Jugendlichen gearbeitet. In Santarem hilft er schon jetzt manchmal in diesem Bereich aus. "Wir studieren gerade ein Theaterstück ein", sagt Kevin. "Eine andere Idee wäre, einen Computerraum aufzumachen."

Lesen Sie auch

Seine Motivation erklärt der Rotenburger mit einfachen Worten "Ich engagiere mich gern sozial und wollte einfach mal raus. In ein anderes Umfeld." Psychisch belaste ihn die Arbeit aber nicht. "Das liegt vielleicht auch daran, dass man den Kindern ihre ärmliche Situation nicht ansieht", sagt er.

Kevin wohnt zusammen mit drei anderen freiwilligen Helfern in einem Haus. Warmes Wasser gibt es nicht. "Braucht man aber auch nicht, das per Hand Waschen ist auch okay", sagt Kevin. Begeistert erzählt er von den Schlafgewohnheiten in der Region. "Sobald man auch nur irgendwo hinfährt, findet man als Schlafplatz immer nur zwei Haken." Auch sein Nachtlager ist für das kommende Jahr eine Hängematte. "Unter einem Moskitonetz", sagt Kevin. "Das eigentliche Bett ist viel zu warm."

"Viel gelernt"

Sie hat viel für sich mitgenommen, sagt sie. Vieles gelernt. Vor allem über sich selbst. Jettelina Schweigstill hat ein Jahr in Nigeria verbracht. In der Großstadt Lagos hat die Bremerin für die Red Cross Society gearbeitet. "Natürlich spielte bei der Entscheidung, ins Ausland zu gehen, der Helferaspekt eine Rolle, aber ich wollte auch einfach mal eine fremde Kultur kennenlernen", sagt die 20-Jährige.

Zu Jettelinas Aufgaben gehörten unter anderem die Organisation von Jugendcamps und Erste-Hilfe-Trainings für Kinder. "Wir haben eigentlich wie die Pfadfinder hier in Deutschland gearbeitet", sagt Jettelina. Im Rückblick fällt es der Bremerin schwer, ihre Eindrücke zusammenzufassen. Zu viel hat sie erlebt, um es aus dem Stegreif zusammenzufassen. Mit leuchtenden Augen zeigt sie die Fotos, die sie während des Jahres gemacht hat. Es sind Bilder einer ganz normalen Großstadt. "Viele, denen ich sie zeige, wundern sich, dass es dort so aussieht. Afrika stellen sich viele ganz anders vor", sagt Jettelina.

Sie selbst habe nun ein viel differenzierteres Bild von Nigeria. Auch, weil sie viel auf eigene Faust umhergereist ist. Trotz aller Offenheit war auch für sie vieles zu Beginn fremd. Aber das habe sich geändert. "Zuerst wirkt alles anders. Aber dann wird es normal. Weil man sich anpasst."

Lesen Sie auch

Die Direktheit der Einheimischen kann für diese Beobachtung als Beispiel dienen. "Die Menschen in Nigeria benutzen häufig eher einen Befehlston, wenn sie etwas von dir wollen." Zurück in Deutschland hatte sie diesen Befehlston selbst übernommen. Da fiel es ihr auf: "Hier ist alles so höflich und auch etwas umständlich", sagt die Bremerin. Immer wieder spricht sie über Toleranz anderen Kulturen gegenüber. "Auch in Deutschland begegne ich Menschen, die auf mich anders wirken, jetzt offener und ich versuche, herauszufinden, was dahinter steht."

Genau das sei es, was sie gelernt habe. Vielleicht ist es auch eine Grundlage für ihren weiteren Weg. Den Anstoß für eine Idee über die eigene Zukunft hat ihr das Jahr in Nigeria schon gegeben. Seit diesem Semester studiert Jettelina Soziologie, "um mehr über die unterschiedlichen Gesellschaftsformen zu lernen".

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+