Regio-Bahn mit wachsenden Personalproblemen S-Bahn wird zur Stehbahn

Die Ausfälle vom Wochenende reihen sich in eine lange Liste von Ausfällen und Verspätungen. Seit 2013 musste die Nordwestbahn bereits rund 4,87 Millionen Euro an Bremen zurückzahlen.
04.06.2019, 06:00
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S-Bahn wird zur Stehbahn
Von Justus Randt

Die als Regio-S-Bahn-Betreiber viel gescholtene Nordwestbahn hat sich ein weiteres Mal den Zorn der Kundschaft und des Auftraggebers zugezogen: Am Freitag und dem gesamten Wochenende war die Liste der „Akutmeldungen“ im Regio-S-Bahn-Netz zeitweise länger als die der noch verkehrenden Züge.

Der Grund: „Personalengpässe“. Auch diese Ausfälle werden in die Kalkulation des neuen Verkehrssenators oder der neuen Verkehrssenatorin einfließen.

Als Auftraggeber des schienengebundenen Nahverkehrs hat der scheidende Amtsinhaber, Joachim Lohse (Grüne), die Landeszuschüsse wegen „Nicht- und Schlechtleistungen sowie Vertragsstrafen“ allein im vergangenen Jahr um 999 000 Euro gekürzt. Das altbekannte Phänomen hat offenbar eine neue Qualität erreicht. Früher waren oft zu viele Triebfahrzeugführer, wie die Lokführer offiziell heißen, gleichzeitig krank.

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Inzwischen wechseln sie offenbar immer häufiger einfach den Job. Nordwestbahn-Sprecher Steffen Högemann beklagt, dass Lokführer mit Prämien von Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) zum Güter- und zum Fernverkehr abgeworben würden. Im Fall seines Unternehmens seien dies sechs Prozent des Lok-Personals gewesen. Um wie viele Personen es dabei geht, will Högemann nicht sagen – auch wegen der Konkurrenz. „Den Mehrbedarf müssen wird jetzt bewerten.“ Sechs Prozent sind offenbar genug, um die Regio-S-Bahn Bremen/Niedersachsen nahezu stillzulegen.

Unter der Rubrik des sogenannten ungeplanten Ausfalls hat die senatorische Behörde für das gesamte Jahr 2018 insgesamt 45 588 Streckenkilometer aufgelistet. Im ersten Quartal 2019 waren es bereits 19 450 Zugkilometer. „April und Mai kommen da ganz böse zum Tragen“, sagt Lohses Sprecher Jens Tittmann. Die 999 000 Euro im vergangenen Jahr sind nur ein Teil der seit 2013 alle Jahre wieder fällig werdenden Rückzahlungen.

Insgesamt sind es knapp 4,87 Millionen Euro, die wegen ausgefallener Züge oder wegen Pannen bei der Zugbildung, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Funktion und mangels Kundenzufriedenheit erhoben wurden. Ferner ging es um Vertragsstrafen wegen nicht beseitigter Graffiti (590 000 Euro) und darum, dass die vereinbarte „Zugbegleiterquote“ unterschritten wurde. Wie hoch die Strafe in diesem Fall ausfällt, stimmen der Senator und die niedersächsische Landesnahverkehrsgesellschaft derzeit noch ab.

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Das Personalproblem betrifft offenbar alle Eisenbahnverkehrsunternehmen. Claus Weselsky, Vorsitzender der Gewerkschaft der Lokführer (GDL), geht davon aus, dass der Deutschen Bahn AG bundesweit rund 1200 und den Wettbewerbern etwa 300 Lokführer fehlten. „Der Güterverkehr nimmt zu“, sagt Weselsky, aber es gebe keinen bundesweiten Trend, dass Personal abgeworben würde. „Gefühlte Vorteile“, dort zu arbeiten, seien größere Loks als im S-Bahn-Verkehr und abwechslungsreichere Strecken. Die Ausbildung sei für alle gleich.

Der Fahrgastverband im Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen (VBN) hat Verständnis für die NWB. „Was Personalprobleme angeht, haben wir Erfahrungen mit allen EVUs, ob es nun der Metronom ist oder die DB-Tochter Start, die zwischen Cuxhaven und Hamburg verkehrt“, sagt Sprecher Ingo Ostermann aus Bremerhaven. „Das ist ein allgemeines Arbeitsmarktproblem. Lokführer fehlen, wie neuerdings auch Lastwagenfahrer. Für uns ist wichtig, dass stringent in Umschulung und Ausbildung investiert wird.“

„Tariflich liegen wir nicht viel anders als die anderen Unternehmen, das ist alles sehr ähnlich“, stellt Nordwestbahn-Sprecher Högemann klar. „Wir könnten die Abwerbespirale mit Prämien und Handgeld mitdrehen, wollen wir aber nicht. Denn das ändert nichts am Problem: Es gibt zu wenig Lokführer.“

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Weniger Verständnis als der Fahrgastbeirat zeigt die Junge Union Bremen und weiß sich einig mit dem niedersächsischen Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) aus Berne. „Wir verstehen nicht, wie eine so dermaßen desaströse Personalplanung überhaupt möglich ist“, schreibt JU-Vorstandsmitglied Kjell Menke. Die Regio-S-Bahn-Vertragsverlängerung für die Nordwestbahn über das Jahr 2022 hinaus sei „ein Fehler“ gewesen.

Das Ausschreibungsrecht sei „jetzt, im neuen Vertrag, in vollem Umfang ausgeschöpft worden“, sagt Jens Tittmann und erinnert daran, dass kein Weg daran vorbeiführe, dem günstigsten Anbieter den Zuschlag zu erteilen. „Wir hoffen sehr, dass sich die Situation spätestens 2022 spürbar bessert.“ Zumal das S-Bahn-Angebot ausgeweitet wird. Unter anderem seien diverse Verbesserungen wie Zugbegleiter in allen Zügen (derzeit 70 Prozent), die Mindestausbildungsquote von jährlich mindestens acht Triebfahrzeugführern vorgegeben und Vertragsstrafen verschärft worden.

Demnächst würden 25 neue Lokführer ihre Ausbildung bei der NWB beenden, sagt Steffen Högemann. „Wir stecken mehr als zwei Millionen Euro pro Jahr in die Ausbildung. Auch in Bremen und über den Bedarf hinaus, das ist unsere Devise, auch mit Blick auf den neuen Verkehrsvertrag.“

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