Neue Ausstellung in der Weserburg Weserburg präsentiert umgestaltete Räume und neues Konzept

Mit viel mehr Licht und weniger Wänden präsentiert sich die Weserburg nach ihrer Umbauphase. Und nicht nur das ist neu: Mit „So wie wir sind 1.0“ setzt das das Museum auf ein ganz neues Ausstellungskonzept.
27.03.2019, 17:37
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Weserburg präsentiert umgestaltete Räume und neues Konzept
Von Alexandra Knief

Umgestaltete Räume, neues Corporate Design, neues Ausstellungskonzept – ganz schön viel auf einmal hat sich die Weserburg in den vergangenen Wochen vorgenommen. Da soll zur großen Eröffnung nach der Umbauphase natürlich alles perfekt sein. Also greift Museumsdirektorin Janneke de Vries in letzter Sekunde kurzerhand selbst zum Staubtuch und putzt den großen angestrahlten Spiegel im Werk „Yellow Door Semicircle“ von Olafur Eliasson, bevor die ersten Gäste eintreffen. Der erste Eindruck ist schließlich der wichtigste.

Viel hat sich getan in der Weserburg. Wände wurden entfernt, Fenster geöffnet, Sammlungen für das neue Ausstellungskonzept durchmischt. Die große Sanierung, die in der Weserburg eigentlich schon seit Jahren fällig ist, soll das allerdings nicht ersetzten, das will de Vries gleich zu Beginn klarstellen. Es seien lediglich kleinere, wenn auch arbeitsintensive Eingriffe gewesen, die man vorgenommen habe.

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Diese zeigen allerdings eine beeindruckende Wirkung: Durch freigelegte Fensterfronten dringt viel mehr Licht in die Räume, die entfernten Wände lassen die Ausstellungsflächen um ein Vielfaches größer wirken. Eine Gruppe Studierender der Klasse für Temporäre Bauten der Hochschule für Künste (HfK) hat sich außerdem den Eingangsbereich des Museums vorgenommen, der nun – auch durch die Entfernung der großen Stahltore vor der Fensterfront – freundlicher wirkt und zusätzlich einige – von den Studierenden so betitelte – „komische Möbel“ bereithält.

Eine Bibliothek mit Aufenthaltscharakter innerhalb des Ausstellungsrundgangs ist in Arbeit und das Zentrum für Künstlerpublikationen soll mit festen und auch größeren Räumen in der dritten Etage zukünftig noch besser wahrgenommen werden. Damit der Besucher auch alles findet, bietet ein neues Leitsystem im Treppenhaus Orientierung.

Gut durchgemischt

Doch zurück zur Kunst. „So wie wir sind 1.0“ lautet der Auftakt eines neuen seriellen Ausstellungskonzepts, auf das die Weserburg ab sofort setzt. Statt wie bisher regelmäßig eine kuratierte Auswahl an Werken aus nur einer Sammlung zu zeigen, präsentiert das Museum ab sofort auf zwei Etagen Werke aus einer Vielzahl von Sammlungen, die so in neue Zusammenhänge treten. Die Arbeiten stammen aus unterschiedlichen Kontexten und aus unterschiedlichen Zeiten, werden nun aber unter inhaltlichen und formalen Fragestellungen miteinander in Verbindung gesetzt.

140 Werke von mehr als 80 Künstlern und Künstlerinnen werden aktuell gezeigt und sollen ein- bis zweimal im Jahr in Teilen neu variiert, ausgetauscht und in immer wieder neue Kontexte gestellt werden, sodass es auch für regelmäßige Weserburg-Besucher stets Neues zu entdecken gibt. Auch Ausstellungen, die sich einzelnen Künstlern widmen und die Meisterschülerausstellung der HfK wird es weiterhin in der Weserburg geben.

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Für die Sammlungspräsentation greift das Museum sowohl auf Sammler zurück, die dem Haus seit Langem verbunden sind, als auch auf neue Sammlungen, eigene Bestände und Leihgaben. Anfangs, gibt de Vries zu, habe sie ein wenig Angst gehabt, dass einige Sammler Probleme mit dem neuen Konzept haben könnten, das nicht mehr ihre Sammlung allein in den Fokus rückt. „Es sind aber alle Sammler mitgezogen“, sagt de Vries erfreut.

Die einzelnen Räume behandeln unter anderem Themen wie Sprache, Alltag, Natur und Landschaft, urbane Räume oder auch das Thema Zufall. Zwei Künstlerräume legen ihren Fokus zudem auf Arbeiten von Wolfgang Tillmans und Mariana Vassileva.

Natur und Zufall

In den Räumlichkeiten für Natur und Landschaft trifft unter anderem Richard Longs „Slate ring, Krefeld“ (1985) auf Dieter Roths „Gewürzfenster“ (1971). Auch das bereits erwähnte (und frisch polierte) Werk von Eliasson, das per Scheinwerfer einen Sonnenauf- beziehungsweise -untergang simuliert, findet sich hier. Ein besonderer Hingucker ist die Videoarbeit „What the Sun Has Seen“ (2017) von Agnieska Polska, die auf dem gleichnamigen Gedicht der polnischen Dichterin Maria Konopnicka basiert, allerdings nicht vom idyllischen Landleben erzählt, das die Sonne beobachtet, sondern vom Elend, das der Himmelskörper hilflos mit ansehen muss.

Unter dem spannenden Oberbegriff des Zufalls versammeln sich Arbeiten, die die Rolle des Künstlers als alleinigen Erschaffer eines Werkes infrage stellen. So hat Hans Haacke in seiner Arbeit „Kondensationsboden“ (1970) Wasser unter einer Plexiglasplatte versiegelt, das auf seine Umgebung reagiert. Kitty Kraus hat in ihrer Arbeit schwarze Tinte in einem Eisblock eingefroren, die sich beim Tauvorgang zufällig über Wand und Boden ergießt.

Das neue Konzept sei ihr Versuch, die Weserburg, Europas erstes Sammlermuseum, zukunftsfähig zu machen und sein einstiges Alleinstellungsmerkmal wieder herzustellen. „Viele Museen arbeiten heute mit Privatsammlern“, betont de Vries. Das neue Konzept gewährleiste allerdings wieder einen verstärkt musealen Umgang mit den Werken. „Es bietet so viele Möglichkeiten“, sagt de Vries. „Ich fühle mich wie ein Kind im Süßigkeitenladen.“ Eine „Versorgungsstation für das freie Denken“ soll die Weserburg zukünftig sein, sagt die Museumsdirektorin – und macht damit neugierig auf alles, was noch kommen wird. Der Anfang, so viel ist sicher, ist definitiv ein vielversprechender.

Weitere Informationen

So wir wir sind 1.0: 30. März 2019 bis 5. Januar 2020 in der Weserburg, Teerhof 20. Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr.

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