DLRG-Wache in Bremen

Baywatch am Unisee

Vom Sonnenstich bis zum Ertrinkungsfall – Björn Haje arbeitet seit fast 26 Jahren ehrenamtlich bei der DLRG am Stadtwaldsee.
06.08.2019, 05:31
Lesedauer: 4 Min
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Baywatch am Unisee
Von Elena Matera
Baywatch am Unisee

Vom Turm aus beobachtet Björn Haje die Badegäste. Regelmäßig behandeln seine Kollegen und er auch Schnittwunden, Insektenstiche und sie helfen bei Sonnenstich und Erschöpfung.

Sebi Berens

Björn Haje steht in der Funkstation der Wache der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) am Stadtwaldsee, auch Unisee genannt. Der Leiter der Wache beobachtet durch die verglaste Front den Uferbereich des nahe gelegenen Strandes. Es sind 23 Grad, die Sonne scheint, nur einige Wolken sind am Himmel zu sehen. „Kein Badewetter für die Bremer“, sagt der 42-Jährige. Und er hat Recht. Nur wenige Schwimmer sind im Wasser.

Umso mehr Menschen sind hingegen auf Surfbrettern zu sehen. Stehend bezwingen sie beim sogenannten Stand-Up-Paddling das Wasser. „Das ist hier sehr beliebt“, sagt Haje. Doch es komme immer wieder vor, dass den Stehpaddlern die Kraft ausgehe. Dann muss das DLRG-Team mit dem Rettungsboot ausrücken und die erschöpften Paddlern an Land bringen.

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Menschen zu helfen – das ist die zentrale Aufgabe der DLRG-Retter. Doch der Unisee ist groß. Haje zeigt auf den etwas weiter entfernten FKK-Strand. „Durch das Fernglas können wir den Abschnitt von hier aus zwar beobachten, aber wir können dennoch nicht alles erkennen“, sagt er. „Dafür sind wir zu weit entfernt.“ Dabei sei insbesondere der FKK-Abschnitt bedenklich. Der Uferbereich sei zunächst flach, doch dann komme relativ schnell eine Abbruchkante. „Dann geht es auf einmal bis zu sieben Meter in die Tiefe“, sagt Haje. Erst vor gut anderthalb Wochen ist vor dem FKK-Strand ein 29-jähriger Mann im See ertrunken – der erste Badetote dieses Jahres.

Haje war bei dem Unglück vor Ort, hat den Einsatz geleitet. „Ich habe den Hubschrauber, die Einsatzkräfte eingewiesen“, sagt er. „Das war sehr stressig.“ Bis in den Abend hinein haben die Taucher der DLRG gemeinsam mit der Feuerwehr den See abgesucht. Die Blaualgen haben ihnen die Sicht bei der Suche erschwert. „Wir waren alle am Ende des Tages erschöpft“, sagt Haje. Erst am darauffolgenden Tag konnte die Feuerwehr den Leichnam des Mannes bergen. „Das war ein tragisches Unglück.“ Doch Haje lässt solche Fälle nicht mehr so leicht an sich heran. Er hat schon einige Schwimmunfälle mit Todesfolge miterlebt. Mit der Zeit hat der IT-Berater gelernt, besser mit solchen Situationen umzugehen.

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Seit gut 26 Jahren ist Haje bereits bei der DLRG. Mit 16 Jahren ist er eingetreten. Er wollte etwas Sinnvolles mit seiner Freizeit anfangen, anderen Menschen helfen. „Es geht hier auch viel um Gemeinschaft, hier bilden sich echte Freundschaften“, sagt Haje. Auch seine Ehefrau hat er bei der DLRG kennengelernt. Sie ist an diesem Tag bei der Wache und spielt mit dem zehn Monate alten Sohn auf einer Picknickdecke. Acht Helfer sind an diesem Tag in der Wache am Unisee. „Das ist ganz okay“, sagt Haje. Bei gutem Badewetter wären sie mit dieser Anzahl an Helfern aber unterbesetzt.

„Einige von uns müssen regelmäßig mit dem Boot auf dem See fahren, andere gehen zu Fuß die Strände entlang. Dann brauchen wir noch Helfer in der Funkstation. Mit acht Leuten kann man das alles nicht bewältigen“, sagt Haje. Einen Helfermangel gebe es in allen DLRG-Stationen in Bremen. Der Grund: DLRG-Mitglieder arbeiten ehrenamtlich in ihrer Freizeit. Im Sommer sind viele von ihnen in den Ferien oder am Wochenende auf Familienfeiern.

Einige müssen im Schichtdienst arbeiten. „Wir brauchen schon deutlich mehr Helfer und auch mehr Nachwuchsretter“, sagt Haje. Unter der Woche wird die Station so gut wie gar nicht besetzt. Viele der Mitglieder sind berufstätig. Auch Schüler und Studenten können seltener am Nachmittag zur DLRG-Station kommen. Laut Haje liegt das an länger werdenden Unterrichtszeiten und an der verschulten Universität.

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Auch wenn kein Badebetrieb herrscht, gibt es auf der Wache am Unisee viel zu tun, so wie an diesem Tag. „Heute räumen wir auf, machen Reparaturen und Wartungen“, sagt Haje. Zwei jugendliche DLRG-Mitglieder sind ebenfalls vor Ort. Hajes Frau bringt ihnen bei, wie man einen Achterknoten bindet. „Nachher übe ich mit den Beiden noch das Funken und einige Sanitäterübungen.“ Diese seien extrem wichtig für die Helfer.

Denn die Hauptaufgaben der DLRG-Retter sind in erster Linie: Erste-Hilfe-Dienste und Präventivarbeit. Lebensrettungen und Ertrinkungsunfälle gibt es sehr selten. In diesem Jahr mussten die Helfer am Unisee noch kein einziges Leben retten. In ganz Bremen waren es nur fünf Fälle. Dafür behandeln die Helfer regelmäßig Schnittwunden, Insektenstiche, helfen bei Sonnenstich und Erschöpfung. Den Rest der Zeit beobachtet das Team die Badegäste. Sobald sie sehen, dass ein Mensch nicht gut schwimmen kann, fahren sie mit dem Boot zu ihm und weisen ihn darauf hin, besser an den Uferbereich zurückzukehren.

Auch Eltern sind laut DLRG oft unaufmerksam und passen nicht gut genug auf ihre Kinder auf. „Da greifen wir schon ein, weisen die Eltern daraufhin“, sagt Haje. Einen geübten Schwimmer könne er leicht erkennen. Er zeigt mit dem Finger auf einen Mann, der am Rande des Sees krault. „Der schwimmt zum Beispiel sicher. Da würde ich mir jetzt keine Sorgen machen“, sagt er. Geübte Schwimmer wüssten zudem, dass sie sich nicht zu weit vom Ufer aufhalten sollten. „Bekommen sie einen Krampf, können sie sich so schnell retten.“

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Manchmal ärgert es Haje, dass es immer noch sehr viele Badegäste gibt, die sich selbst überschätzen und sich dadurch in Gefahr bringen. „Der typische Ertrinkungsunfall ist ein junger Mann unter 30 Jahren“, sagt er. „Die wollen keine Schwäche zeigen und daher nicht in den Nichtschwimmerbereich. Oft ist auch Alkohol im Spiel.“ Haje fällt zudem auf, dass insbesondere Flüchtlinge oft nicht schwimmen können.

Die DLRG-Retter versuchen sie dann darauf hinzuweisen, dass sie besser in den Nichtschwimmerbereich gehen sollten. Einige bringen sie auch mit dem Boot wieder zurück in Sicherheit. Auch das gehört zur Präventivarbeit dazu. „Das ist bei uns alles nicht so spektakulär wie bei Baywatch“, sagt Haje. „Wir haben hier keinen Hasselhoff, der rund um die Uhr Leben retten muss – das ist auch ganz gut so.“

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