Kleine Formate lösen Traditionen ab

Neue Ideen für den Bremer Bürgerpark

Wegen der Pandemie haben viele neue Formate Traditionsveranstaltungen im Bürgerpark abgelöst. Mit den Charterfahrten der „Marie“ kehrt nun ein wenig Normalität zurück. Warum der Direktor dennoch in Sorge ist.
17.09.2020, 05:34
Lesedauer: 4 Min
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Von Gerald Wessel

Er ist ein Stück bremische Seele und Kultur zugleich. Die Bremer lieben ihren Bürgerpark – das hat Tim Großmann, Direktor des Bürgerparks, in den vergangenen Monaten nach eigenen Angaben noch ein wenig mehr gespürt als früher. Die Pandemie hat die Menschen raus in die Natur getrieben. „Viele haben den Park neu für sich entdeckt“, sagt Großmann. „Wir sind sehr intensiv besucht worden, es waren massiv mehr Menschen bei uns zu Gast als gewöhnlich.“ Zugesetzt hat das Coronavirus dem Park in Bürgerhand dennoch – nicht nur kulturell, sondern auch finanziell. Aber aus den Entbehrungen könnte auf Dauer auch etwas Neues erwachsen: eine neue Realität im Bürgerpark in Sachen Attraktion.

Enthusiasmus der Kulturszene

„Wir haben gelernt, dass unter den Kulturschaffenden in Bremen großes Potenzial für Ersatzveranstaltungen herrschte“, erinnert sich Großmann an die Zeit, als dringend Ideen her mussten, um den plötzlich freigeräumten Terminkalender des Bürgerparks zu füllen. „Vieles ist in der klassischen Form ausgefallen: Musik und Licht, viele Laufveranstaltungen, Shakespeare im Park, Kinderveranstaltungen und noch vieles mehr“, sagt er. Für manches fanden sich Plätze im Internet, zum Beispiel für Musik und Licht am Hollersee, für anderes wurden kleinere Varianten gefunden, etwa für Shakespeare im Park.

„All das ging nur, weil plötzlich Dinge möglich waren, die vorher undenkbar für viele gewesen sind“, sagt Großmann. „Da sind Schranken in Köpfen aufgebrochen worden.“ Denn dank des großen Enthusiasmus der Kulturszene fand nicht nur Ersatz seinen Weg in den Bürgerpark, sondern zeigten sich auch komplett neue Formate.

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Die Musikschule Bremen bot den Passanten beispielsweise an mehreren Stellen kleine Konzerte dar. „Das wurde sehr gut angenommen“, sagt Großmann. Auch die Meierei habe sich hier als Konzertstandort hervorgetan. Kommenden Sonntag etwa wird ab 11.30 Uhr getreu dieser jungen Tradition kleiner Veranstaltungen eine Benefiz-Operngala mit der Sopranistin Julia Bachmann und der Harfenistin Natalia Girunyan an der Melchersbrücke stattfinden. „Kleinere Dinge lassen sich einfacher genehmigen“, sagt Großmann. „Aber sobald es geht, werden alle alten Formate zurückkehren. Wir werden jedoch auch viele neue, kleine Formate beibehalten.“

Auch der Charter- sowie Linienbetrieb des Fahrgastschiffes „Marie“ konnte aus Hygienegründen nicht stattfinden. „Die Hauptproblemzonen sind der Ein- und Ausstieg und das mitunter enge Beieinandersitzen auf dem Schiff“, sagt Großmann. „Und zu jeder Zeit kommt die Nähe zu unseren Skippern und Maats hinzu.“ Diese Kombination habe ohne ein Hygienekonzept jeglichen Verkehr des Schiffes mit Passagieren unmöglich werden lassen.

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Nun hat die Bürgerparkverwaltung aber ein Konzept gefunden, wie immerhin der Charterbetrieb mit kleinen Gruppen doch wieder möglich werden soll. „Ab der kommenden Woche kann die ,Marie' für private Fahrten gechartert werden“, kündigt Großmann an. „Wir werden beim Konzept dann praktisch sehen, wie es funktioniert und gegebenenfalls anpassen.“

Immerhin sei man dabei jederzeit unter freiem Himmel. Das fehlende und bei Regen vermisste Dach macht es möglich. „Solange die Nachfrage da ist, werden wir fahren“, sagt der Bürgerparkdirektor. Und diese breche erfahrungsgemäß ein, sobald die Temperaturen fallen und letztendlich anhaltend kühl bleiben. „Aber sollte das Wetter mitspielen, werden wir auch Anfang November noch fahren“, sagt Großmann und hofft, dass die stark verspätet beginnende ,Marie'-Saison lang andauert. Eine Fahrt sei zumindest schon mal gebucht.

Charter ab kommender Woche

Einen Linienbetrieb werde man aktuell aber noch nicht wieder aufleben lassen. „Uns war es auch deshalb besonders wichtig, die Charterfahrten noch dieses Jahr wieder zu ermöglichen.“ Entscheidend, ob der Linienverkehr im nächsten Jahr wieder anlaufen wird, sei, neben den Erfahrungswerten mit dem Prozedere, auch das Infektionsgeschehen. „Wir stimmen uns hier eng mit dem Ordnungsamt ab“, sagt Großmann. Die ganze Situation sei schließlich in ständiger Bewegung.

Trotz aller Alternativ-Veranstaltungen und neuer Formate werden die finanziellen Einbußen spürbar sein, sagt Großmann. Der Park ist vollständig privat finanziert. „Es werden dieses Jahr weit weniger Einnahmen als in normalen Jahren sein.“ Man müsse beispielsweise für die Organisation der vorzeitig abgebrochenen Tombola zwar keine Gelder dazuschießen, „aber viel Gewinn wird sie nicht abwerfen.“

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Seinen Optimismus hat der Park-Direktor trotzdem nicht verloren. Im Gegensatz zu Geld, sagt er, habe der Bürgerpark doch von einer Sache immer noch genug: frische Luft. Aber auch darüber hinaus werde der Park womöglich mittelfristig noch wertvoller für alle Bremer – dank der Kreativität und Finesse vieler Menschen. „Die Besucher waren flexibel und begeisterungsfähig“, sagt Großmann. „Es gab wenig Gemecker wegen all dem, was nicht geht, sondern mehr Freude über das, was stattfand.“

Info

Zur Sache

Gewinne und Verluste

Der sich einst aus dem Comité zur Bewaldung der Bürgerweide herausgebildete, privat finanzierte Bürgerparkverein verwaltet den Bürgerpark selbstständig. Aktuell hat der Verein etwa 2500 Mitglieder, von denen jeder mindestens 15 Euro im Jahr zahlt. Dieses Jahr sind 250 Neuanträge hinzugekommen. "Das ist weit mehr als gewöhnlich", sagt Bürgerpark-Direktor Tim Großmann. Um alles am Laufen zu halten, braucht der Park etwa 2,5 Millionen Euro jährlich. Aktuell rechnet Großmann mit einem Einnahmenausfall von zehn Prozent. "Aber das sind nur Schätzungen.

Ein Jahr, okay, das schaffen wir. Aber wenn dieser Zustand über Jahre andauern würde, müssten wir nach alternativen Einnahmequellen suchen oder stark einsparen." Der Bürgerparkverein beschäftigt 30 fest angestellte Mitarbeiter und acht bis zehn Teilzeitkräfte. Bei der "Marie" macht der Bürgerpark nur minimal Gewinn. Dieser fließt gänzlich in Pflege und Wartung des Schiffes sowie der Anleger. "Sie ist ein Service für unsere Besucher", sagt Großmann, "keine Einnahmequelle für den Park."

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