Schulschiff-Verein in Vegesack

Der Standort-Streit ums Schulschiff

Schulschiff-Chef Claus Jäger hat es immer gesagt: Kommt das Hochhaus am Vegesacker Hafen, geht der Verein auf Liegeplatzsuche. Zehn Fragen und Antworten zur Debatte über einen Standortwechsel.
08.08.2020, 05:34
Lesedauer: 6 Min
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Der Standort-Streit ums Schulschiff
Von Christian Weth
Der Standort-Streit ums Schulschiff

Das Schulschiff in der Lesummündung: Jahrzehntelang war der Liegeplatz gut, jetzt ist er es aus Sicht des Fördervereins nicht mehr. Er sucht nach einem neuen Standort.

Christian Kosak

Jahrzehntelang war der Liegeplatz gut, jetzt ist er es nicht mehr: Kommt das Hochhaus am Hafen, geht der Schulschiff-Verein – und mit ihm das Schulschiff. Auch wenn es lange im Schatten eines Einkaufscenters gelegen hat, im Schatten eines neungeschossigen Gebäudes soll es nicht liegen. Der Vorstand findet, dass das maritime Umfeld, so wie es ihm in einer Vereinbarung zugesichert wurde, mit dem Neubau dahin ist. Jetzt wird nach Alternativen zu Vegesack gesucht. Erste Gespräche soll es Ende des Monats geben.

Eigentlich wollte Claus Jäger mit Senatoren und dem Präsidenten des Senats sprechen, jetzt spricht der Chef des Schulschiff-Vereins mit CDU-Politikern aus Bremerhaven. Sie haben ihn eingeladen, um zu klären, was notwendig ist, damit das Kulturdenkmal in die Seestadt kommen kann. Dabei hatte Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) noch kurz zuvor vor einem Standortwechsel und drohenden Ärger zwischen Bremen-Nord und Bremerhaven gewarnt. Zehn Fragen und Antworten zum Schulschiff-Streit:

Wie kam der Segler nach Vegesack?

Der Dreimaster war vieles: Ausbildungsschiff, Jugendherberge, Schule. Bis 1972 gab es Unterricht an Bord. Zuletzt in Woltmershausen, wo der Segler festgemacht hatte. Als die Schüler ausblieben, sollte er der Stadt mehr Besucher bringen – und woanders anlegen. Über diverse Liegeplätze wurde diskutiert: über die Seestadt, den Europahafen, die Schlachte. Doch weil alle Standorte noch nicht so touristisch und die Tiefe sowie Breite der Weser an der historischen Uferpromenade der Altstadt nicht ausreichend waren, fiel die Entscheidung schließlich für Vegesack. Erst sollte das Schiff zur Strandlust, dann kam es in die Mündung der Lesum, weil dort die Strömung schwächer und der benachbarte Alte Speicher hergerichtet worden war.

Der Entwurf wurde inzwischen verändert: Das Hochhaus wurde um zwei Etagen verkleinert und soll gedreht werden.

Links das Hochhaus, rechts der historische Speicher: So haben die Pläne für das Areal mal ausgesehen.

Foto: Grafik: Haven-Höövt-GmbH

Wer entscheidet über den Standort?

1950 wurde das Schulschiff von den Alliierten an den Schulschiff-Verein übertragen. Er ist der Eigner – und kann damit allein entscheiden, was mit dem Schiff passiert. Oder wo es liegt. Als es als Seemannsschule in Woltmershausen nicht mehr gebraucht wurde, konnten Politiker zwar Vorschläge für einen neuen Standort machen, letztlich entschieden hat jedoch der Vorstand. Laut Vereinschef Jäger gibt es mit der Stadt eine Vereinbarung, aber nur für den Liegeplatz. So gesehen, könnte der Verein jederzeit den Vegesacker Standort aufgeben, auch wenn er in ihn investiert hat. Das Schulschiff-Gebäude hat er zu einem Drittel mitfinanziert. Nach Jägers Rechnung war der Verein damals mit 800 000 Euro an den Baukosten beteiligt.

Woher kommt das Geld für das Schiff?

Wie jeder Verein finanziert sich auch der Schulschiffverein unter anderem aus Mitgliedsbeiträgen. Momentan gehören ihm 270 Frauen und Männer an. Um Wartungs- und Reparaturkosten bezahlen zu können, versucht der Verein auf verschiedene Weise Geld in die Kasse zu bekommen. Der Rahsegler ist offen für Besucher, die ihn besichtigen, auf ihm feiern und übernachten wollen. Trotzdem muss der Verein immer wieder Spendensammlungen initiieren, um die Ausgaben decken zu können – vor allem dann, wenn umfangreiche und damit teure Arbeiten anstehen. Wie 2014, als der Rumpf eine Stahlmanschette bekommen musste, weil Rost die Außenwände angegriffen hatte. Damals ging es um einen Betrag von einer Million Euro.

Wie entwickeln sich die Einnahmen?

Auch wenn der Verein viel versucht, um die Besucherzahl hoch zu halten, ist sie in den vergangenen Jahren immer mehr nach unten gegangen. In den 90er-Jahren, als das Schulschiff neu in Vegesack war, kam der Verein nach eigenen Angaben auf bis zu 30 000 Gäste pro Jahr. Jetzt spricht Jäger von 6000 bis 7000 Besuchern. Und davon, dass es dem Verein genauso ergeht wie vielen Traditionsvereinen: Die Zahl der Mitglieder sinkt kontinuierlich. Mit der Folge, dass auch die Einnahmen gesunken sind. Anders als der Investor des neuen Hafenquartiers geht der Vereinschef davon aus, dass mit den neuen Wohnungen und Geschäften nicht mehr Besucher auf Schiffs kommen werden, sondern noch weniger als bisher.

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Wie groß sind die finanziellen Sorgen?

Die Lage ist inzwischen so angespannt, dass sich der Vorstand im Vorjahr entschieden hat, sich an mehrere Behörden und ans Rathaus zu wenden. In einem Schreiben an Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) wird beschrieben, was der Verein alles unternimmt und wie er momentan finanziell dasteht – und dass er das Ressort um Unterstützung bittet. In den vergangenen Jahren kam es immer wieder vor, dass die Ausgaben höher waren als die Einnahmen. Zuletzt fehlten dem Verein etwa 60 000 Euro, um sämtliche Kosten decken zu können. Er musste an seine finanziellen Reserven gehen. Aufs Jahr gerechnet braucht es rund 300 000 Euro, damit alle Rechnungen für das letzte deutsche Vollschiff bezahlt werden können.

Was hat die Stadt bisher getan?

Auf seine Schreiben an Behörden und Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) hat der Vorstand erst nach Monaten eine Antwort bekommen. Das Rathaus hat sich dafür entschuldigt. Ein Gespräch, wie das Liegeplatz-Problem gelöst beziehungsweise die Situation für den Verein verbessert werden könnte, gab es bisher nicht. Die Wirtschaftsbehörde hat vor Kurzem angekündigt, sich ausführlicher mit der finanziellen Lage des Schulschiff-Vereins auseinanderzusetzen. Mitarbeiter des Ressorts, heißt es in einer Mitteilung an den Vorstand, werden sich bei ihm melden. Einen Termin nennt die Behörde nicht. Anders als die Bremerhavener CDU, die jetzt mit Jäger über einen Liegeplatz in der Seestadt verhandeln will.

Warum mischt sich Bremerhaven ein?

Erst die FDP, dann die CDU: Bremerhavener Vertreter beider Parteien haben erklärt, es gut zu finden, wenn das Schiff in die Seestadt käme. Liberale und Unionspolitiker argumentieren ähnlich: Wenn der Verein einen neuen Liegeplatz sucht, wollen sie es jedenfalls versuchen, ihm einen zu bieten. Und wenn Behörden bisher nicht mit dem Verein über den Standort verhandelt haben, sind zumindest sie zu Gesprächen bereit. Einen Konflikt zwischen Bremen-Nord und der Seestadt, so wie Bürgermeister Bovenschulte ihn sieht, können beide nicht erkennen. Sie sagen, dass die Entscheidung allein beim Verein liegt. Und dass sich ein Kreis schließen würde, wenn der Segler in Bremerhaven wäre. 1927 ist er dort gebaut worden worden.

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Wer müsste die Verlegung bezahlen?

Als das Schulschiff von Woltmershausen nach Vegesack kam, ist die Stadt für alles aufgekommen. Sie bezahlte auch die Betonwanne, die gebaut wurde, um den Rumpf vor dem Sand zu schützen, der mit der Strömung kommt. Vereinschef Jäger geht davon aus, dass die Kostenfrage bei den Gesprächen in Bremerhaven erörtert werden. Ihm zufolge braucht es nicht viel, damit das Schiff im Neuen Hafen dauerhaft festmachen kann, weil dort quasi alles vorhanden ist. Bis auf eine konkrete Anlegestelle. FDP und CDU wollen zwar, dass der Segler kommt, haben aber noch keine Gespräche über einen Liegeplatz geführt – oder mit den anderen Parteien der Stadtverordnetenversammlung darüber gesprochen, ob die ihn überhaupt wollen.

Wie ernst ist es dem Verein?

Nach den Worten von Jäger hat der Verein keine andere Wahl, als nach einem neuen Liegeplatz zu suchen. Seit die Baudeputation dem neuen Hafenquartier und damit auch dem Hochhaus zugestimmt hat, ist seine Hoffnung auf einen Erfolg der Petition gegen ein Gebäude von diesen Ausmaßen gleich null. 2300 Menschen haben sie unterschrieben. Sie wollen, dass der Bau auf fünf Geschosse begrenzt wird. Jäger sagt, dass der Verein nie vorhatte, den Standort zu wechseln. Auch er hatte sich damals für Vegesack ausgesprochen. Nur jetzt, sagt er, muss sich der Verein anders entscheiden, um sein Ziel zu erreichen: Dafür zu sorgen, dass das Schulschiff erhalten bleibt. Und das ist ihm zufolge eben auch vom Standort abhängig.

Welche Folgen hätte eine Verlegung?

Die Projektmacher der Maritimen Meile haben in den vergangenen Wochen immer wieder Rückschläge hinnehmen müssen: Vorhaben, die geplant waren, sind entweder gescheitert oder fraglich geworden. Ein Standortwechsel des Schulschiffs wäre aus ihrer Sicht eine weitere Niederlage. Für den Verein könnte er dagegen zum Gewinn werden – und die Zahl der Besucher an Bord wieder steigen lassen. Vegesack hat zwar das Festival Maritim, Bremerhaven aber die Sail. Laut Stadtteilmarketing kommt das Weserufer auf 500.000 Gäste im Jahr, nach Angaben der Fischereihafengesellschaft allein dieser Teil der Seestadt auf doppelt so viele. Hinzu kommen noch die Havenwelten, die es vor zwei Jahren auf 3,4 Millionen Besucher gebracht haben.

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