Das Weser-Strand-Porträt Vom Winde gepackt

Windstärken haben eine Zeit lang das Leben von Hanjo Koch bestimmt. Der Gymnasiallehrer hat als junger Mensch viel Zeit mit Windsurfen an der Nord- und Ostsee verbracht. Bis heute lässt ihn der Sport nicht los.
29.08.2021, 06:00
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Vom Winde gepackt
Von Hannah Krug

Es gab eine Zeit im Leben von Hanjo Koch, da hat sich vieles, wenn nicht alles, um den Deutschen Wetterdienst gedreht. Per SMS ließ er sich über Windrichtung, Windstärke und Wellenhöhe informieren. Daten, die ihm als Windsurfer einen herrlichen Wellenritt garantieren sollten. Koch surft seit seiner Jugend. Heute sieht man den 46-Jährigen gelegentlich auf dem Unisee, wenn er sein Wissen an neugierige Anfängerinnen und Anfänger in Hochschulsportkursen vermittelt.

Das Meer und Wassersport spielten erst mal keine große Rolle im Leben des gebürtigen Bremers, der in Stuhr aufwuchs. Vielmehr konzentrierte er sich als Teenager auf das Musikmachen. Fragt man ihn nach dem Genre, grinst er schief und sagt: "Das war eher Knüppelzeug. Damals haben wir Grindcore dazu gesagt". Grindcore lässt sich in etwa mit Hardcore- oder Metalmusik vergleichen. "Musik war lange Zeit ein wichtiger Teil meines Lebens", erinnert sich Koch, "Deswegen bin ich auch in Bremen geblieben. Hier war mein ganzes Netzwerk."

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Mit 16 Jahren nimmt er an der Windsurf-AG der Gesamtschule Brinkum teil. Auf dem Steller See, etwa ein Viertel so groß ist wie der Unisee, macht er seinen Surfschein. Von da an hat der hochgewachsene Bremer eine Vision. Windsurfen, wann immer es geht. Zunächst einmal ging jedoch gar nichts, weil Koch damals noch keinen Führerschein besaß. Zwei Jahre später macht er dann endlich seinen Fahrschein in die Freiheit. "Dann hat sich 10 bis 15 Jahre alles nur um das Windsurfen und Wellenreiten gedreht", sagt er. Ekstase in der Musik. Ekstase beim Sport. Kochs Beschreibung dafür, "Freiheit, Tempo, Kick", lässt sich auf beides übertragen. Aber das Surfen bringt auch noch etwas anderes. "Das Meer ist es. Wenn ich einen stressigen Tag habe, versuche ich, auch ohne Surfsachen ans Meer zu kommen und einmal auf das Wasser zu schauen, um ein bisschen geerdet zu werden."

Wenn ich in Bremen war und es hat geweht, dann wurde ich nervös.
Hanjo Koch

Diese Leidenschaft legt eigentlich ein Leben am Meer nahe. Während seines Studiums, Sport und Biologie auf Lehramt an der Universität Bremen, denkt Koch über einen Umzug nach. Die Universität spielt jedoch nicht mit, seine Leistungsscheine werden an keiner Universität in der Nähe der Nordsee akzeptiert. Vielleicht war es aber auch sein Glück, denn in Bremen lernt Koch seine Frau kennen. Mit ihr zusammen hat er heute zwei Söhne, die ähnlich wasservernarrt sind wie er. In der Hansestadt zu leben, hielt Koch jedoch nicht davon ab, die Windvorhersage stetig im Blick zu haben, und sich, wann immer es ging, in seinen Bulli zu setzen und gen Nordsee zu fahren. "Wenn ich hier war und es hat geweht, dann wurde ich nervös", sagt er. Anfangs war er noch in einem Fiat Panda unterwegs, doch der machte die Packmaße von Segel, Brett und Mast nicht lange mit.

Blick auf ein altes Foto: Koch, Mitte Zwanzig, vor seinem sandfarbenen VW-Bus. Die Rumpf- und Armmuskulatur ist vom vielen Wellenreiten gezeichnet. Das schulterlange Haar lässt sich kaum bändigen. Seine Augen haben die satte Farbe des Mittelmeeres, sein Grinsen ist  breit und offen. "Ich habe das wirklich gelebt", sagt Koch. Damit meint er ein Leben, das sich ums Surfen dreht. Dass das klischeebesetzt ist, weiß er. Aber es ist ihm wichtig, dass man ihn nicht nur in diese Schublade einsortiert. Es gab diese Phase, als der Wind sein Leben regiert hat und er manchmal früh morgens, als noch der Mond schien, aus seinem Bus gekrabbelt ist, um das Frühhochwasser an der Nordsee mitzunehmen. Gleichzeitig hat Koch aber auch einen sehr ruhigen und besonnenen Blick auf den Wassersport. "Es ist ein Sport ohne jeden Konkurrenzdruck. Du machst das einfach nur für dich", sagt er. "Auf dem Wasser können alle gemeinsam die Faszination für das Surfen auf völlig unterschiedlichen Niveaus empfinden."

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Koch ist Lehrer geworden. Heute unterrichtet er Sport und Biologie am Gymnasium Osterholz-Scharmbeck. Er beschäftigt sich täglich mit unterschiedlichen Lernniveaus. Seine Aufgabe ist es, Inhalte und auch die Freude daran zu vermitteln. Bevor er Schüler und Schülerinnen auf ihrem Weg zum Abitur begleitete, brachte er interessierten Studierenden die Grundregeln des Surfens bei. Koch finanzierte sich sein Studium, indem er Hochschulsportkurse gab, "teilweise sechs Surfkurse in der Woche". Oft waren die Leute älter als er. Am Anfang sei das komisch gewesen, sagt er, aber er habe sich schnell daran gewöhnt.

Der Bulli ist heute dem Familienbus gewichen. Wenn die Familie zu einem ihrer traditionellen Urlaube nach Fehmarn aufbricht, ist der Wagen nicht selten mit vier Windsurfbrettern, drei Wellenreitern, sechs Segeln und Masten beladen. "Früher hatten wir Stoffsegel und Riesenbretter und alles musste verknotet werden", sagt Koch, "Das Material ist besser und leichter geworden und trotzdem ist es immer noch sehr sperrig." Viele junge Menschen würden heute auf Kitesurfen umsteigen, dafür braucht es nur ein kleines Brett und einen Lenkdrachen. Koch war einer der ersten auf Fehmarn, der Kitesurfen ausprobiert hat, doch nichts hat ihn so sehr gepackt wie das Windsurfen. 115 Kilometer ist er im diesjährigen Dänemarkurlaub an einem Tag über die Nordsee gebrettert. "Abends liege ich dann herrlich kaputt im Bett. Und im Kopf gehe ich noch einmal die Bewegung auf dem Brett nach."

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