Interview mit Robert Bücking „Wir müssen Allianzen organisieren“

Bei der Stadtentwicklung müssen Allianzen für große Projekte organisiert werden, fordert der Grünen-Politiker Robert Bücking im Interview. Den Stadtteilen müssten konkrete Angebote gemacht werden.
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
„Wir müssen Allianzen organisieren“
Von Pascal Faltermann
Herr Bücking, warum gibt es immer wieder Kritik an der Stadtentwicklung?

Robert Bücking: Die Stadt verändert sich. Das bringt den gewohnten Alltag durcheinander. Von all dem Neuen erwarten die Bürger und Bürgerinnen nicht nur Gutes. Sie fürchten mehr Verkehr. Machen sich Sorgen um das Grün. Sind vielleicht auch nicht scharf auf neue Nachbarn. Wir mussten uns in den vergangenen Jahren sehr auf den Neubau von Wohnungen konzentrieren. Vielleicht sind dabei die gewachsenen Quartiere zu kurz gekommen.

Das Bauressort wird doch seit Jahren von den Grünen geführt. Was könnte da besser werden?

Das Bauressort steckt mit seiner Arbeit im Zentrum aller Konflikte unserer Stadt. Da ist mancher mit Vorwürfen schnell bei der Hand. So simpel sind die Dinge aber nicht, selbst wenn der heraufziehende Wahlkampf dazu einlädt, schlichte Botschaften zu formulieren. Ich plädiere sehr dafür, dass wir Grünen unsere Erfahrungen in der Regierung sorgsam auswerten. Die Unschuld der Opposition mag nutzen, wer will.

Lesen Sie auch

Wohnungen im Zentrum sind für Familien mit kleinem Einkommen kaum noch zu bezahlen. Familien ziehen in die Nachbargemeinden. Was kann gegen diese Trends getan werden?

Da muss man genau hingucken. In den begehrten Lagen gehen die Preise durch die Decke. In den anderen Stadtteilen geht es noch. Neubau ist teuer. Im Bestand sind wir vergleichsweise günstig. Wir müssen den sozialen Wohnungsbau weiter hochfahren und lange Zeit auf diesem Niveau halten. Das Ziel sollte sein, in den nächsten acht Jahren wieder auf 10 000 geförderte Wohnungen zu kommen. Wir haben eine stattliche Liste von neuen Quartieren auf dem Zettel und gehen davon aus, dass sich die Wohnungsmarktslage langsam entspannen wird. Bremen hat die Chance, sein ordentliches Angebot an bezahlbaren Wohnungen zu verteidigen.

Bei vielen Wohnungsbauprojekten gibt es Konflikte, hitzige Diskussionen in Bürgerversammlungen; der Politik schlägt Skepsis entgegen. Was läuft da falsch?

Das trifft nicht überall zu. Aber es stimmt: Die Beiräte vor Ort und die Mitarbeiter der Verwaltung haben es auf den Bürgerversammlungen nicht immer leicht. Nicht selten mischen die Bürger den ganzen Cocktail ihrer Kritik an der Politik im Allgemeinen in ihre Redebeiträge. Dem ist dann schwer zu widersprechen. Wir können und wollen nicht an den grünen Stadtrand ausweichen. Wir müssen also Allianzen für die innere Entwicklung der Stadt und ihre großen Projekte organisieren. Und solche Allianzen müssen den betroffenen Stadtteilen konkrete Angebote machen.

Lesen Sie auch

Wie können solche Allianzen aussehen?

Wir schlagen vor, für die großen Projekte „informelle Entwicklungsverträge“ auszuhandeln. In diesen Verträgen könnte grob skizziert werden, was die Rahmenziele eines Projektes sind und wie „Geben und Nehmen“ zwischen den gesamtbremischen Zielen und den Stadtteilinteressen ausbalanciert werden können. Das haben wir mal mit Werder in der Pauliner Marsch ausprobiert. Mit Erfolg.

Das klappte bei der geplanten Wohnungsbebauung auf der Rennbahn aber so gar nicht.

Einfach ist es da nicht. Die Initiative gegen die Bebauung der Rennbahn hat 4000 Unterschriften gesammelt und strebt jetzt ein Volksbegehren an. All die vielen Menschen, die der Meinung sind Bremen braucht mehr guten, bezahlbaren Wohnraum und starke zukunftsfähige Quartiere, können doch nur dann dieser Initiative erfolgreich widersprechen, wenn klar ist, was Hemelingen und Sebaldsbrück davon haben, wenn da gebaut wird. Bei allem Respekt vor Dialogforen zur Stadtentwicklung – wir brauchen eine Verständigung mit den Hemelingern über die Rahmenbedingungen. Und zwar bald. Das erwarten die Menschen im Stadtteil.

Geht’s ein bisschen genauer?

Verträge sind ja nun immer mindestens eine Angelegenheit von mehr als einer Seite. Darum geht es ja gerade. Also von mir nur ein paar Stichworte: Wir könnten in so einem Entwicklungsvertrag festlegen, wie viel von der Rennbahn nicht bebaut, also für Sport, Kinderspiel und Naherholung reserviert wird. Wir könnten ein paar Verabredungen darüber treffen, dass hier bezahlbarer Wohnraum entsteht und wie das geschehen kann. Wir könnten Ziele zum Thema Verkehr formulieren und zu Schulen und Kitas. Und der Stadtteil könnte mit guten Gründen vertreten: Wir Hemelinger haben hier das größte Industrieunternehmen der Stadt, da brauchen wir einen fairen Ausgleich.

Lesen Sie auch

Wir wollen besser ans Weserufer kommen und brauchen eine Fahrradbrücke rüber auf die linke Seite des Flusses. Und wenn das neue Wohnquartier glaubwürdig dazu beitragen könnte, den elenden Pendlerstau zu reduzieren, wäre das auch recht. Aber um das klar zu stellen: Solche Bündnisse entstehen nicht am Schreibtisch eifriger Abgeordneter. Dafür müssen die Beteiligten in die Arena vor Ort. Hat man sich aber erst einmal auf solche Grundsätze geeinigt, unterschrieben vom Bausenator und dem Bürgermeister und von allem, was Rang und Namen hat in Hemelingen, dann braucht man für die Planung nicht mehr so einen riesigen Vertrauensvorschuss.

Wie kann es sein, dass man in der wachsenden Überseestadt irgendwie die Infrastruktur für den Verkehr vergessen hat?

Es gibt gravierende Mängel. Das bestreitet kaum noch jemand. Diese Mängel gehen wir jetzt an. Straßenbahn bis ans Wendebecken, der Sprung über die Weser, Reduzierung des Lkw-Verkehrs durch den Umbau des Großmarkts. Aber auch hier geht es um einen fairen Ausgleich mit Walle und Rücksicht auf das Heimatviertel. Da sorgen sich die Beiräte, dass die Blechlawine durch ihren Stadtteil schwappt. Nochmal: Ohne faire Vereinbarungen mit den Stadtteilen rund um die Großprojekte geht es nicht. Das gilt in der Überseestadt übrigens auch nach innen: Wer heute da Häuser baut oder ein Unternehmen gründet, will wissen, wie wir die Probleme dieses tollen neuen Stücks Stadt lösen.

Das Interview führte Pascal Faltermann.

Info

Zur Person

Robert Bücking (66) ist Bürgerschaftsabgeordneter für die Grünen-Fraktion und Sprecher für Bau und Stadtentwicklung. Der gebürtige Bremer war von 1994 bis 2015 Ortsamtsleiter Mitte/Östliche Vorstadt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+