Uni-Rektor im Interview "Wir wollen mehr Studierende aus dem Ausland"

Die Universität Bremen hat ein neues Strategiekonzept. Rektor Bernd Scholz-Reiter macht im Interview deutlich, wo die Universität in den kommenden zehn Jahren hin will.
21.03.2018, 19:35
Lesedauer: 5 Min
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Von Kristin Hermann

Herr Scholz-Reiter, gefühlt erscheint seit dem Start der Zukunftskommission des Bürgermeisters jede Woche ein neues Strategiepapier. Warum beteiligt sich die Uni daran?

Bernd Scholz-Reiter: Wir arbeiten an diesem Strategiepapier bereits seit eineinhalb Jahren. In der Universität gab es seit Längerem Forderungen danach, dass wir eine Gesamtstrategie brauchen. In einigen Feldern wie zum Beispiel Internationalisierung und Transfer hatten wir Teilstrategien, aber es fehlte bisher der große Zusammenhang. Das Gute an dem Papier ist, dass daran quasi die gesamte Universität mitgearbeitet hat. Damit können wir auch nach außen argumentieren.

Das Papier enthält etliche Vorhaben. Wie wollen Sie sicherstellen, dass die Sachen tatsächlich umgesetzt werden?

Wir werden den Prozess immer wieder beobachten und hinterfragen müssen. Die ersten Maßnahmen haben wir bereits eingeleitet, andere werden in den kommenden Monaten und Jahren auf den Weg gebracht. Relativ zeitnah werden wir die Anzahl von Juniorprofessuren erhöhen und Modelle entwickeln, die auf eine Lebenszeitprofessur abzielen. Insgesamt schreiben wir 13 bis 14 Juniorprofessuren in den kommenden zwei Jahren aus, die ersten sieben bereits zeitnah. Wir wollen aber auch neue Karrierepfade für den wissenschaftlichen Mittelbau schaffen.

Fehlt dort Personal?

In diesem Bereich gibt es häufig nur befristete Verträge, die der Qualifizierung dienen. Danach verlassen diese Menschen normalerweise die Universität und bewerben sich woanders. Allerdings haben wir natürlich auch Bedarf an diesen Kräften – sei es in der Forschung oder der Lehre. Um diesen Mitarbeitern eine verlässliche Planung zu bieten, werden wir weitere unbefristete Stellen einführen. In den kommenden fünf bis zehn Jahren sollen 30 bis 50 davon eingerichtet werden.

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Gleichzeitig haben Sie sich auf die Fahne geschrieben, die Zahl der Studenten zu erhöhen. Wie?

Wir wollen in Zukunft noch mehr um Studierende aus dem Ausland werben und sie stärker an Bremen binden. Dafür wollen wir langfristig einige Bachelorstudiengänge in den ersten Semestern auf Englisch umstellen und erst im Verlauf des Studiums den Anteil an deutschsprachigen Veranstaltungen erhöhen. Ansonsten stehen wir häufig vor dem Problem, zwar qualifizierte Absolventen und Absolventinnen zu haben, die aber selbst von international arbeitenden Firmen abgelehnt werden, weil sie nicht ausreichend Deutsch sprechen. Eine weitere Überlegung ist, dass wir Teile der Naturwissenschaften in den ersten Semestern zusammenlegen, weil vieles identisch ist.

Soll das Fächerangebot so breit bleiben?

Definitiv. Mit der Interdisziplinarität haben wir den Anspruch, quasi das Weltwissen abzudecken. Das einzige, was uns fehlt, ist eine medizinische Fakultät. Das Thema steht in Bremen zwar zur Diskussion, allerdings zu unrealistischen Vorstellungen. Wenn man so etwas aufbauen würde, muss man das richtig machen und auch eine Vollfakultät werden und nicht nur Teilbereiche abdecken. Ansonsten kommen auch keine guten Ärzte nach Bremen. Mit beispielsweise drei Millionen Euro im Jahr ist es nicht getan. Man kann sich auch nicht für einen Hunderter einen Mercedes kaufen. Ansonsten haben wir neue Studiengänge in der Raumfahrt auf den Weg gebracht und auch die Lehrerausbildung mit der Inklusiven Pädagogik entwickelt.

Wenn es nach der Bildungssenatorin geht, muss die Universität in Bezug auf den Lehrermangel aktiver werden.

Wir haben mit der Einführung des Studiengangs Inklusive Pädagogik bereits viel geleistet. Wenn da mehr passieren soll, müssten die Kapazitäten erhöht werden. Dass wir Studierende vor ihrer eigentlichen Praxisphase in einem Qualifikationsprogramm für den Unterrichtseinsatz schulen, ist absurd. Das ist so, als wenn ich einen Bauingenieur-Studenten im dritten Semester in die Behörde schicke und ihn eine neue Brücke genehmigen lasse. Wir sehen natürlich die Notsituation des Landes, aber wir hatten der Senatorin ein Programm angeboten, woraufhin es lange keine Rückmeldung gab. Mittlerweile finden aber Gespräche statt.

Eine zentrale Rolle bei der Zukunft der Universität dürfte auch die gescheiterte Exzellenzinitiative spielen. Welche Lehren haben Sie daraus gezogen?

Alle unsere Anträge waren auf Cluster-Niveau. Kritik gab es vor allem auch in Struktur- und Ausstattungsfragen. Ich halte es für sinnvoll, einen Teil der Cluster so arbeiten zu lassen, als wären sie erfolgreich gewesen, damit sie bei einer erneuten Bewerbung in sieben Jahren mit den anderen Universitäten konkurrieren können.

Sofern der eine Antrag vom Marum erfolgreich wäre, bräuchten Sie trotzdem zusätzlich mehr als 20 Millionen Euro pro Jahr vom Land.

Wir haben mehrere Workshops gemacht und sind dabei, die Gesamtsituation zu analysieren. Die Ergebnisse werden wir in den kommenden Wochen dem Wissenschaftsausschuss präsentieren. Dann sprechen wir sicherlich auch über die Finanzierung.

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Wollen Sie in sieben Jahren auf gemeinsame Bewerbungen mit benachbarten Universitäten setzen?

Wir kooperieren bereits in anderen Gebieten mit zahlreichen Einrichtungen. In Bezug auf die Exzellenzstrategie müssen die Bewerbungen jedoch relativ gleichwertig sein. Damals gab es kein Forschungsgebiet, für das ein gemeinsamer Antrag Sinn gemacht hätte. In Bezug auf die Gesamtuniversität können wir uns eine Kooperation mit Hamburg vorstellen. Man muss jedoch abwarten, wie es in sieben Jahren aussieht.

In dieser Zeit dürfte sich auch an der Raumsituation der Universität etwas getan haben. In dem Strategiepapier kündigen Sie große Bauprogramme an. Wie sollen die konkret aussehen?

Die Universität konnte in den vergangenen Jahren kaum Baumaßnahmen durchführen – dadurch ist ein großer Sanierungs- und Entwicklungsstau entstanden. Wenn wir die Anzahl der Studierenden steigern wollen, müssen wir auch mehr Gebäude bekommen. Viel decken wir momentan durch Anmietungen ab. Das geht finanziell zu Lasten von Forschung und Lehre. Gerade erst haben wir erfahren, dass die Wirtschaftswissenschaften aus dem Gebäude in der Wilhelm-Herbst-Straße weichen müssen, weil dort OHB einzieht. Wir haben nun die gesamte Bürofläche über dem geplanten Aldi-Markt angemietet, sonst hätten wir Studierende und Forscher in Containern unterbringen müssen. Die Probleme hat das Land aber erkannt. In den vergangenen zwei Jahren haben wir Mittel bekommen, um neue Gebäude zu planen. Unter anderem steht ein neues Veranstaltungsgebäude zur Diskussion. Darüber sind wir sehr froh.

Eine Überlegung der Zukunftskommission ist auch, dass die Uni ihren Campusstatus lockert und Teile in die Stadt ziehen. Können Sie sich das vorstellen?

Wenn man in andere Universitätsstädte geht, sieht man dort mehr junge Leute. Auf unserem Marktplatz begegnen einem mittags überwiegend Mitarbeiter der Banken und Behörden und Touristen. Man könnte die Universität stärker an die umliegenden Stadtteile anbinden. Ich kann mir durchaus auch vorstellen, dass wir mit einzelnen Gebäuden in die Innenstadt ziehen. Dafür würde sich etwa ein Kongresszentrum anbieten.

Das Interview führte Kristin Hermann

Zur Person:

Bernd Scholz-Reiter (60) ist seit 2012 Rektor der Universität Bremen. Er ist studierter Wirtschaftsingenieur und promovierte 1990 an der TU Berlin. Von 2007 bis 2011 war er Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

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