Weltraum im Wandel

Bremer Raumfahrtfirma OHB erschließt neues Geschäftsfeld

Die Geschäfte bei OHB laufen gut – dennoch erschließt das Raumfahrtunternehmen ein neues Geschäftsfeld. Zudem sollen in diesem Jahr hundert neue Jobs entstehen.
13.02.2020, 20:17
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Raumfahrtfirma OHB erschließt neues Geschäftsfeld
Von Stefan Lakeband
Bremer Raumfahrtfirma OHB erschließt neues Geschäftsfeld

Wie lässt sich ein Asteroid vom Kurs abbringen? Dieser Frage geht die Asteroid-Impact-Mission nach, an der auch OHB beteiligt ist. Insgesamt will das Bremer Familienunternehmen in diesem Jahr Aufträge im Wert von mehr als zwei Milliarden Euro einsammeln.

Animation:OHB

Seit der ersten Mondlandung 1969 bis heute ist viel passiert – nicht nur auf der Erde, auch im All. „Die Raumfahrt“, sagt OHB-Chef Marco Fuchs, „ist erwachsen geworden.“ Von der Boombranche zur reifen Industrie. Ein Wandel, an dem das Bremer Familienunternehmen nicht ganz unbeteiligt war. Und einer, der OHB nun dazu veranlasst, sich selbst zu modernisieren.

„OHB 2025“ heißt die Strategie, die Fuchs am Donnerstag beim Capital Market Day vor Analysten vorstellte. Ein zentrales Element ist ein dritter Geschäftsbereich. Neben dem Bau von Satelliten und Raketen soll der Fokus künftig entlang der ganzen Wertschöpfungskette liegen. Hier verspricht sich OHB ein hohes Wachstumspotenzial. Im Kern geht es darum, künftig nicht nur die Sonden zu bauen, sondern auch darum, sie zu betreiben, ihre Daten zu sammeln und die gewonnenen Informationen zu verkaufen.

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Wie OHB so Geld verdienen könnte, macht Vorstand Lutz Bertling an einem Beispiel deutlich. Pipelines für Öl und Gas müssten regelmäßig kontrolliert und ihr Zustand überprüft werden. Momentan würden die oft Hunderte oder Tausende Kilometer langen Röhren per Drohne oder Helikopter begutachtet werden. „Das geschieht vielleicht einmal im Monat“, sagt Bertling. Das OHB-Projekt Lynx soll das ändern. Mithilfe von Satellitendaten sollen komplette Pipelinesysteme mindestens einmal in der Woche untersucht werden können.

Auch andere Geschäfte ließen sich generieren: Fangflotten könnten sich etwa für Daten über den Aufenthaltsort von Fischschwärmen interessieren; die Landwirtschaft könnte von satellitengestützten Daten profitieren. Fuchs erhofft sich durch die Geschichte von OHB einen Vorteil. Denn bislang war das Unternehmen maßgeblich daran beteiligt, die Infrastruktur im All aufzubauen: Galileo-Satelliten zur Navigation, Satelliten für Copernicus, um das Klima auf der Erde zu überwachen. Damit ist das Familienunternehmen bislang auch gut gefahren. Zwischen 2001 und 2018 hat sich der Umsatz von OHB verfünfundsechzigfacht.

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„Wir wollten bei der Infrastruktur dabei sein, weil das die Grundlage ist, um die weitere Wertschöpfung zu verstehen“, sagt Fuchs. Dieses Verständnis hat OHB offenbar mittlerweile – nun soll daraus Geld werden. Zu Beginn rechnet der Konzern mit ungefähr 80 Millionen Euro Einnahmen und 480 Mitarbeitern, die sich um das neue Geschäftsfeld kümmern sollen. Rund 150 davon sollen in Bremen sitzen. Der neue Geschäftsbereich soll auch die Bilanz des Raumfahrtunternehmens in eine neue Dimension bringen.

Bis 2025 soll der Umsatz von OHB auf 1,5 Milliarden Euro steigen; der Gewinn vor Steuern soll sich in dieser Zeit verdoppeln – auf dann 120 Millionen Euro. Für das abgelaufene Geschäftsjahr hat das Unternehmen die Erwartungen bestätigt, konkrete Zahlen liegen aber erst am 18. März vor. Dann präsentiert OHB seine Jahresbilanz. Für das aktuelle Jahr seien hingegen „Wolken am Horizont“ zu erkennen, sagt OHB-Chef Fuchs. Die entstünden durch die neue europäische Trägerrakete Ariane 6, die im Dezember dieses Jahres zum ersten Mal starten soll. Hier ist die OHB-Tochter MT Aerospace in Augsburg mit knapp elf Prozent größter Zulieferer. Doch es gibt Probleme.

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„Unsere Fertigung für die Ariane 5 ist zu Ende und für die Ariane 6 läuft sie erst langsam hoch. Wir haben also eine Lücke in der Zulieferung zwischen der alten und der neuen Produktgeneration“, sagt Fuchs. Schon im vergangenen Oktober war bekannt geworden, dass MT Aerospace deswegen einen Teil seiner Mitarbeiter in Bayern entlassen muss. Hinzu kommt laut Fuchs, dass der Markt für große Satelliten eingebrochen ist – genau die soll die Ariane 6 aber ins All bringen. Außerdem ist die Konkurrenz für europäische Trägerraketen durch Firmen wie SpaceX größer geworden als ursprünglich angenommen.

Das habe zu weniger Aufträgen geführt, als man erhofft hatte. Wegen dieser Flaute dürfte das diesjährige Vorsteuerergebnis daher auf 44 Millionen abrutschen. Für 2019 werden laut Unternehmen rund 50 Millionen Euro erwartet. Die Gesamtaussichten bezeichnete Finanzvorstand Kurt Melching als sehr gut und deutlich besser als in der Vergangenheit. 2020 rechnet er mit Auftragseingängen in Höhe von mindestens zwei Milliarden Euro. Rund 100 Leute will die OHB-Gruppe in diesem Jahr einstellen.

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Der Großteil des Wachstums kommt dann aber noch nicht aus dem neuen Geschäftsbereich Digital, sondern aus dem klassischen Geschäft. Rund 100 Millionen Euro will die OHB-Führung etwa durch Projekte zum Thema Weltraumsicherheit einnehmen.So ist das Unternehmen an einer Mission beteiligt, bei der untersucht werden soll, welche Auswirkungen der Zusammenstoß einer Sonde mit einem Asteroiden hat; die italienische Tochterfirma baut Teleskope, die Asteroiden entdecken sollen, die für die Erde gefährlich werden könnten. Auch an der neuen, Gateway genannten Raumstation will sich OHB beteiligen, die künftig um den Mond kreisen soll. Die Bremer versprechen sich davon eine gute Position – auch für künftige Aufträge. „Airbus“, sagt Bertling, „profitiert noch heute davon, dass sie früh bei der Raumstation ISS dabei waren.“

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