Auftakt in der Ausnahme

Wie Gründer mit der Corona-Krise umgehen

Der Shutdown in der Corona-Krise hat die gesamte Wirtschaft ausgebremst. Was heißt das eigentlich für Unternehmer, die gerade erst losgelegt haben? Drei Gründerinnen aus Bremen berichten von ihren Erlebnissen.
22.04.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Wie Gründer mit der Corona-Krise umgehen
Von Lisa Boekhoff
Wie Gründer mit der Corona-Krise umgehen

Sina Simon verkauft in ihrem Laden in Findorff unter anderem ihre eigene Mode. Am Freitag will sie wieder öffnen, aber mit viel Vorsicht.

Christina Kuhaupt

Im März schickt Sina Simon einen Hilferuf. Seit neun Monaten gibt es da ihr Geschäft in Findorff. Das Konzept hinter Oceanlover: Simon verkauft plastikfreie Produkte. Und dazu gehört neben Schmuck oder Naturkosmetik ihre eigene Mode unter dem Label Mamoana. Doch Corona bringt für die Gründerin alles ins Wanken. Zwar lief das Onlinegeschäft in der Zeit der Schließung stärker. Die Umsatzeinbußen konnte das aber nicht ausgleichen.

In Kiel und Bremen hat die Gründerin Marine Geowissenschaften studiert und sich mit Mikroplastik beschäftigt: Allein ein Drittel komme durch die Kleidung in die Meere. „Wenn wir die Kleidung waschen, löst sich das Mikroplastik und kann nicht gefiltert werden. Über die Flüsse gelangt es in die Ozeane.“ Da wollte Simon ansetzen und begann das Schneidern. Ob Garn, Stoff oder Knopf: „Bei mir ist wirklich alles ohne Plastik.“ Und es lief gut: Simon fand einen Laden in Bremen und schließlich Kunden. Dann kam Corona.

Lesen Sie auch

Simon bat um Unterstützung auf der Plattform Startnext. In einem Video sieht man, wie sie ihren Laden abschließt und in einer der nächsten Szenen erzählt: „Dieser Shutdown trifft uns natürlich besonders, gerade weil wir eben auch noch am Anfang stehen.“ Bisher kamen 800 Euro zusammen. Simon freut das. Rücklagen habe sie bisher keine gehabt. Zudem gibt es für sie die Bremer Soforthilfe. Die Fixkosten für drei Monate seien damit abgedeckt. „Da muss ich mir zum Glück keine Gedanken machen, wie ich das bewerkstellige.“ Simon hat noch einen Teilzeitjob. Das sei im Moment Gold wert. Irgendwann will sie aber von ihrem Laden leben. Sein Aus, sagt sie, würde die Pläne weiter als auf Anfang zurückwerfen.

„Überlebe ich das Ganze?“

Two Greens im Bremer Viertel, der Laden von Nina Fischer, hätte eigentlich schon eröffnet sein sollen – mit Drinks und Party. In ihrem Geschäft wollte sie ab Mitte März Pflanzen und Accessoires verkaufen. Die Pandemie machte das zunichte. Fischer fragte sich: Soll ich überhaupt noch Pflanzen kaufen? Angst und Zweifel kommen auf. All ihre Ersparnisse sind in den Laden geflossen. Doch auf Instagram bekommt sie viel Zuspruch, zumindest online loszulegen mit dem Pflanzenverkauf. Fischer fühlt sich bekräftigt: „Ich habe alles auf Risiko gesetzt.“ Es zahlt sich aus. Vier Tage, dann sei alles ausverkauft gewesen.

Ein Auftakt in der Ausnahmesituation. Das Starthaus weiß von Bremer Gründern, die ihr Vorhaben dagegen zunächst auf Eis gelegt haben. „Ob sie nach Abklingen der Krise ihre Idee wieder aufnehmen, ist momentan noch unklar“, sagt Petra Oetken, Starthelferin bei der Bremer Gründerberatung. Dennoch gebe es auch in diesen Zeiten viele Erstanfragen. Geschäftsmodelle werden jedoch vor dem Hintergrund von Corona überdacht.

Wer schon gegründet habe, der reagiere sehr unterschiedlich auf die Krise, sagt Oetken. Das Unterwäschelabel Tizz & Tonic produziere nun etwa Masken. Es gingen mit Corona auch Ängste einher, weil Investoren von vermeintlichen Deals abspringen oder Meilensteine nicht erreicht werden. Gründer könnten dabei Hilfe genau wie etablierte Unternehmen bekommen: Kurzarbeit beantragen, Steuern, Miete oder Versicherungsbeiträge stunden.

Lesen Sie auch

Um die Bremer Soforthilfe hat sich auch Claudia Schreiber bemüht, und es habe schnell geklappt. Dafür ist sie sehr dankbar. In Findorff hat sie eine Seifenmanufaktur aufgebaut. Seit Corona ist für sie alles aus den Fugen geraten: Ihr Laden Martha’s Corner musste ebenfalls schließen. Dort bietet sie sonst neben handgemachten Seifen, Shampoos und Creme auch Kurse an. In diesen Zeiten ist alles anders: „Mein ganzes Geschäft ist völlig über Kopf.“

Die Pläne sahen anders aus. Im März sollte das Zweijährige gefeiert werden. Außerdem wollte Schreiber die Produktion auslagern: „Ich platze hier aus allen Nähten.“ Das junge Geschäft lief zuvor gut. Mitarbeiter sollten eingestellt werden. Nun sah Schreiber ihre Existenz gefährdet. Alles hat sie in den Laden gesteckt und fragt sich: „Überlebe ich das Ganze?“ Die Tage und Wochen fühlen sich für sie wie eine Achterbahnfahrt an. Über Onlinebestellungen versucht sie, etwas aufzufangen. Die Unternehmerin denkt an ihre Mitstreiter im Stadtteil und in der Hemmstraße. Auf dem Weg zum Geschäft habe sie schon Tränen in den Augen gehabt wegen der Sorgen: Es werden nicht alle schaffen.

Start-ups fürchten um Existenz

Für Start-ups, die per de­fi­ni­ti­o­nem ein schnelles Wachstum hinlegen, ist die Situation besonders. In der Regel durchlaufen die Gründer Finanzierungsrunden und sichern sich damit den Geschäftsbetrieb. Doch Start-ups brauchen auch wesentlich mehr Kapital als andere Existenzgründer. Jan Wessels, Initiator des Netzwerks und der Veranstaltungsreihe Bremen Start-ups, macht derzeit eine Umfrage: Wie trifft Start-ups in der Hansestadt Corona?

„Generell sind Start-ups agil und können schnell handeln“, sagt Wessels. Einige Bremer Start-ups versuchten, die Situation als Chance zu ergreifen. Er kennt aber auch ein Gründerteam, das gerade loslegen und einen sogenannten Businessangel suchen wollte. „Die Situation tut weh. Das wird nicht leichter werden." Im Prinzip seien Start-ups darauf trainiert, mit Unsicherheiten umzugehen, auf Veränderungen zu reagieren. „Das heißt aber nicht, dass es alle schaffen werden. Vielleicht trennt sich gerade die Spreu vom Weizen.“

Lesen Sie auch

Der Bundesverband Deutsche Start-ups hat bereits eine Umfrage mit 1000 Teilnehmern angestellt. „Die Ergebnisse sind alarmierend“, kommentiert Paul Wolter vom Bundesverband das Ergebnis. 80 Prozent der Start-ups sehen wegen Corona Verluste auf sich zukommen. Und 70 Prozent fürchten um ihre Existenz. Der Bund hat Hilfe versprochen – speziell für Start-ups. Seit zwei bis drei Wochen sei jedoch nicht mehr allzu viel passiert, konstatiert Wolter. Es sei immer noch nicht ganz klar, wie die angekündigten zwei Milliarden Euro für Start-ups fließen sollen. Der Bund müsse nun liefern: „Wenn das Geld nicht schnell ankommt, wird es für viele Start-ups zu spät sein. Wir laufen Gefahr, dass das deutsche Start-up-Ökosystem und mit ihm der Digital-Standort Deutschland um zehn bis zwanzig Jahre zurückgeworfen werden. Was jetzt zählt, ist Geschwindigkeit.“

Für die drei Bremer Gründerinnen gibt es einen Lichtblick. Seit Montag dürfen sie wie viele andere wieder öffnen. Claudia Schreiber will sich zunächst vorbereiten. Anfang Mai empfängt sie wieder Kundschaft, Kurse und Workshops sind weiterhin abgesagt. Persönlich halte sie die Lockerung für zu verfrüht. Dennoch: „Insgesamt bin ich schon erleichtert.“ Sina Simon will Oceanlover am Freitag aufmachen – mit aller Vorsicht. Nina Fischer hat ihren Laden gleich Montag geöffnet – mit Maske. Die Zuversicht ist nach den Startschwierigkeiten zurück: „Das klappt.“

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+