Bremer Firma beteiligt

Desertec: Was wurde aus dem grünen Solarstrom aus Afrika?

Vor zehn Jahren ließ eine deutsche Wirtschaftsinitiative international aufhorchen: Desertec sollte grünen Wüstenstrom von Afrika nach Europa liefern. Doch es kam anders als geplant.
06.08.2019, 21:13
Lesedauer: 4 Min
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Von Simon Kremer und Stefan Lakeband
Desertec: Was wurde aus dem grünen Solarstrom aus Afrika?

Bei Ouarzazate in Marokko ist ein riesiger Solarkraft-Komplex entstanden. Das Projekt Desertec der deutschen Industrie scheiterte aber.

Dapp/dpa

Die Ankündigung klang vielversprechend: Strom aus der Wüste für Europa – umweltfreundlich aus solarthermischen Kraftwerken. Etliche deutsche Industrieunternehmen beteiligten sich daran, auch Kaefer Isoliertechnik aus Bremen wollte bei dem Jahrhundertprojekt Desertec mitmachen. Vor zehn Jahren ging es an den Start – doch dann platzte der Traum.

Nur fünf Jahre nach ihrer Gründung zerstritt sich 2014 die Desertec Industrial Initiative (DII), die wirtschaftliche Seite der Desertec-Idee. Viele der vor allem deutschen Firmen wie Siemens, Eon oder die Deutsche Bank verließen die Initiative. Auch Kaefer hat sich frühzeitig von diesem Projekt verabschiedet, nachdem man 2010 als assoziierter Partner der DII eingestiegen war. Die Idee damals: Man könnte bei der Isolation helfen.

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Auch eine Professur für erneuerbare Energien und Umweltpolitik an der Jacobs-Uni hat das Familienunternehmen gestiftet. Doch das Engagement währte nur kurz. „Die Isolation ist meist eine der letzten Arbeiten bei so einem Projekt“, sagt Kaefer-Sprecherin Francisca Gorgodian heute. Als sich abzeichnete, dass Desertec ins Stocken geraten würde, sind die Bremer ausgestiegen. „Wir wollten unsere Mittel besser einsetzen, um auch etwas in der Hand zu haben“, sagt Gorgodian.

„Desertec war eine große Idee“, sagt DII-Geschäftsführer Paul van Son heute. Er war schon vor zehn Jahren dabei. „Aber von Anfang an wurde die Grundidee sehr stark darauf verengt, Strom von Afrika nach Europa zu bringen.“ Der Streit entbrannte am Plan riesiger Stromnetze im Mittelmeer und an der Frage, ob es nicht sinnvoller sei, erst einmal für den lokalen Markt in Nordafrika zu produzieren. Viele Kritiker und Energieexperten werfen auch den beteiligten europäischen Unternehmen und der Politik vor, die Idee nicht gefördert und teilweise sogar ausgebremst zu haben.

Die französische Atom-Lobby sei stark gewesen, heißt es aus den beteiligten Kreisen von damals. Als 2012 kurzfristig die drei Minister Guido Westerwelle (FDP), Philipp Rösler (FDP) und Peter Altmaier (CDU) eine Konferenz der DII absagten, wurde das als schwerer Affront gewertet. Inzwischen ist von der einstigen deutschen Energie-Allianz nicht mehr viel geblieben. Von den Gründungsmitgliedern ist heute mit Innogy nur noch eine Tochtergesellschaft des deutschen Energieversorgers RWE mit dabei.

Die Wirtschaftsinitiative hat in Saudi-Arabien und China neue Partner gefunden – und berät weiter zum Thema Wüstenstrom. „Alles was mit erneuerbarer Energie zu tun hatte, war damals nicht marktfähig“, sagt DII-Geschäftsführer van Son. „Trotzdem: Das Projekt – ich nenne es ‚Bewegung‘ – ist nicht gescheitert, der Grundgedanke ist bereits in der Region Realität geworden.“ Nur eben in veränderter Form. Vor zehn Jahren hätte niemand geahnt, welch große Rolle Wind- oder klassische Solaranlagen heute spielen.

Mehrere arabische Staaten liefern sich inzwischen ein Wettrennen beim Ausbau grüner Energien. Allen voran Marokko, dessen König die Energiewende schon vor Längerem von oben verordnete. Das Land will in Zukunft 52 Prozent seines Energiebedarfs aus Erneuerbaren speisen. In Ouarzazate im Süden Marokkos entsteht einer der größten Solarparks der Welt. Die deutsche Staatsbank KFW fördert das Projekt mit 800 Millionen Euro.

Am Ende soll der Solarkomplex elektrische Energie für mindestens 1,3 Millionen Menschen erzeugen – vor allem in Marokko. Auch in der ägyptischen Wüste entsteht ein riesiges Solarkraftwerk mit einer Leistung von 1,6 Gigawatt (rund 400 Gigawattstunden pro Jahr), in Abu Dhabi eine Anlage mit 1,2 Gigawatt. Saudi-Arabien will in den kommenden Jahren Solarkraftwerke mit einer Leistung von bis zu zehn Gigawatt installieren.

Dazu kommen Windfarmen in Tunesien, Algerien und Marokko. Von dem hochgegriffenen Exportvolumen der Desertec-Initiative ist das aber weit entfernt: Das Ziel waren einmal etwa eine Million Gigawattstunden. „Die Idee lebt und wird auch vor allem von den Ländern selbst mit ambitionierten Ausbauplänen für erneuerbare Energien weiterverfolgt“, sagt Strategieberater und Energieexperte Matthias Ruchser, der früher für das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik gearbeitet hat. „Antreiber sind inzwischen vor allem die Golfstaaten und China, die deutschen Firmen sind bei der DII Desert Energy fast alle verschwunden.“

Und eine alte Idee sei wieder neu entdeckt worden, sagt Ruchser: „Power to X“. Es gehe nicht mehr nur alleine um Stromerzeugung, sondern aufgrund des Klimawandels auch darum, Ethan oder Wasserstoff herzustellen, um die Stoffe dann in Brennstoffzellen im Keller oder Auto zu nutzen.

Dafür werde aber viel Energie benötigt. Energie, die man in den Wüsten Marokkos oder Saudi-Arabiens gewinnen könne. „Im Grunde sind wir heute fast wieder da, wo wir konzeptionell vor 30 Jahren schon einmal mit den Ideen für eine Wasserstoff-basierte Energieversorgung waren.“ Auch Kaefer hat sich umorientiert: Im Projekt Polyphem entwickeln die Bremer ein Mini-Solarkraftwerk, das ohne viel Aufwand in allen Teilen der Welt eingesetzt werden kann.

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Zur Sache

Sonnenenergie zu Strom

Bei einem solarthermischen Kraftwerk wird mit Sonnenenergie Wärme erzeugt. Beispiele für solche Kraftwerke sind große Parabolspiegel. Hier werden die Sonnenstrahlen so reflektiert, dass sie ein Rohr treffen, durch das ein Thermoöl fließt. Durch die gebündelten Strahlen wird das Öl auf bis zu 400 Grad erhitzt. Mithilfe der heißen Flüssigkeit wird Wasserdampf erzeugt, der wiederum eine Turbine antreibt, die Strom produziert. Erste Versuche mit Solarthermiekraftwerken gab es bereits im 19. Jahrhundert. Da die Kraftwerke direkte Sonneneinstrahlung benötigen, sind Standorte in Äquatornähe besonders geeignet. Eines der größten dieser Art steht in Abu Dhabi. Es versorgt 20 000 Haushalte mit Strom.

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