Digitalisierung

Neues Zentrum für Wissenstransfer in Bremen

Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Internet of Things: Große Themen, die alle betreffen. Im Digital Hub Industry sollen Wissenschaft und Wirtschaft gemeinsam daran arbeiten.
22.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Neues Zentrum für Wissenstransfer in Bremen
Von Stefan Lakeband
Neues Zentrum für Wissenstransfer in Bremen

Gute Aussichten trotz dunkler Wolken: Anfang 2022 soll das Digital Hub Industry im Technologiepark eröffnen. Die Visualisierung zeigt schon jetzt, wie es aussehen soll.

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Christoph Ranze ist auf einer Reise – im übertragenen Sinne, aber auch irgendwie tatsächlich. Vor 20 Jahren machte er sich auf ins Ungewisse, betrat neues Terrain. Am Ziel ist er noch nicht, aber immerhin: An diesem Dienstag beendet er eine Etappe – und beginnt direkt mit der nächsten.

Ranze ist Geschäftsführer von Encoway, einem Unternehmen, das Software für die Fertigungsindustrie herstellt. Die Wurzeln liegen an der Uni Bremen, jetzt ist Encoway eine Tochter des Maschinenbauers Lenze aus Hameln. Aus den anfangs drei Mitarbeitern sind mehr als 200 geworden. Und weil der Platz knapp wurde, sind die auf mehrere Standorte in Bremen verteilt. Das soll aber nicht mehr lange so sein.

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Im März 2022 will Encoway in ein neues Gebäude im Technologiepark ziehen, für das an diesem Dienstag der Grundstein gelegt wird. Und nicht nur das: Künftig soll das gesamte Digitalgeschäft der Lenze-Gruppe unter einem Dach gebündelt werden. „Denn den wichtigsten Baustoff für die Digitalisierung gibt es in Hameln nicht“, sagt Ranze.

„Die Fachkräfte.“ In Bremen hingegen schon. In der Hansestadt würden mehr Fachkräfte aus den Bereichen Naturwissenschaften und Technik ausgebildet, als es Unternehmen gebe, die sie benötigten. Daher sieht Ranze hier ein großes Potenzial, weiterzuwachsen. Schon jetzt arbeite man eng mit den Hochschulen in Bremen, aber auch in Oldenburg und Emden zusammen.

Encoway und Lenze wollen sich im neuen Gebäude aber nicht abschotten, im Gegenteil. Es soll zum Ort für digitale Ideen werden, ein Anlaufpunkt für Start-ups, Wissenschaftler, Studenten und Konzerne. Ranze arbeitet daher mit der Senatorin für Wirtschaft und der Senatorin für Wissenschaft zusammen und plant etwas Großes: das Digital Hub Industry – eine Art Dreh- und Angelpunkt für die Digitalisierung der Industrie.

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Die Idee ist nicht ganz neu. Seit einiger Zeit gibt es solche Digital Hubs bereits in anderen Städten. Sie alle haben Schwerpunkte, zu denen sie arbeiten, darunter Logistik, Gesundheit und Mobilität. Und alles unter der Fragestellung: Wie kann Digitalisierung diese Themen vorantreiben – und was haben Unternehmen davon? Unterstützt werden diese zwölf Hubs vom Bundesministerium für Wirtschaft.

Auch das Bremer Digital Hub soll nach diesem Vorbild arbeiten, soll Mittelständler, Konzerne, Forschung und Start-ups zusammenführen – damit diese gemeinsam an Zukunftsthemen arbeiten können. „Künstliche Intelligenz, Internet of Things“, sagt Ranze, „das sind große Begriffe.“ Ziel sei es, dass auch der mittelständische Maschinenbauer ohne Vorkenntnisse sich mit dem Thema befasse. „Unternehmen sollen keine Angst davor haben.“

Er nennt ein Beispiel, wie die Digitalisierung der Industrie aussehen kann: Lenze baut für seine Kunden Antriebe, die dann beispielsweise in Produktionsanlagen verbaut werden. Mithilfe der Digitalisierung sei es nun möglich, unzählige Daten dieser Geräte zu sammeln, auszuwerten und zu interpretieren. So soll sich etwa ablesen lassen, wann eine Maschine gewartet oder repariert werden muss. Das spart Zeit und Kosten für das Unternehmen.

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„Niemand soll sich blöd verkommen, wenn er eine Frage hat“, sagt auch Volker Saß, Referatsleiter bei der Senatorin für Wissenschaft. Wissenstransfer dürfe nicht daran scheitern. Deswegen soll auch die Forschung einen festen Platz im Hub finden. Institute der Universität Bremen sollen dort einziehen, ein neues werde noch gegründet.

„Bremen ist im Bereich der Forschung ganz vorne, mit dem Digi-Hub wird es uns gelingen, Wissen und Technologien noch mehr als bisher in den Unternehmen zu verankern“, sagt Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke). Dieser Transfer in Unternehmen sei letztlich für den Wirtschaftsstandort Bremen entscheidend. Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) sieht in dem Hub ein „Vorzeigeprojekt mit internationaler Strahlkraft“.

Doch nicht nur für die Unternehmen soll das Hub Vorteile bringen, sondern auch für die Universität und die Studierenden. Dadurch, dass Wirtschaft und Wissenschaft an einem Ort gebündelt werden, sei der Austausch viel einfacher. „Für unsere Studierenden – potenziell selbst einmal Gründerinnen und Gründer – ergeben sich damit wertvolle Einblicke in die unternehmerische Praxis der Unternehmen“, sagt Wissenschaftssenatorin Claudia Schilling (SPD).

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Kosten soll der Neubau an der Konrad-Zuse-Straße etwa 35 Millionen Euro. Dieses Geld kommt von einem Investor, der als Bauherr fungiert. Enconway und das Land Bremen werden Mieter. Wie viel die Hansestadt das Digital Hub Industry kostet, sei derzeit noch nicht ganz klar, heißt es. „Das ist eine bunte Finanzierung“, sagt Hans Georg Tschupke von der Senatorin für Wirtschaft. Denn ein Teil der gemieteten Fläche werde wiederum untervermietet; hinzu kommen bereits vorhandene und finanzierte Projekte wie der Start-up-Inkubator der europäischen Raumfahrtagentur Esa.

Betrieben wird das Hub durch einen eigenen Verein, der noch gegründet werden muss. Hier sollen sich Wirtschaft, Wissenschaft und Unternehmen gemeinsam engagieren. Denn so ein Zentrum, sagt Tschupke, müsse mit Leben gefüllt werden. Das heißt: Veranstaltungen planen, Unternehmen ansprechen und sich nach außen präsentieren. Vor allem Letzteres sei wichtig, sagt Ranze. „Digitalisierung betrifft alle“ – nicht nur die vermeintlichen Nerds. Deswegen sollen viele Bremerinnen und Bremer für das Thema begeistert werden. Wie die Vielfalt in der IT-Landschaft aussehen kann, erlebt Ranze tagtäglich in seinem eigenen Unternehmen. Neben dem klassischen ITler gebe es auch einen ehemaligen Frisör, einen Lehrer und einen Religionswissenschaftler.

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