Arcelor-Mittal Bremen "Wir wollen alle an Bord halten"

Auch wenn die Energiepreise steigen und Kurzarbeit droht: Arcelor-Mittal hält an der Umrüstung der Bremer Hütte auf "grünen Stahl" fest. Im Interview äußert sich Arbeitsdirektor Michael Hehemann zu den Plänen.
17.09.2022, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Christoph Barth

Herr Hehemann, einen Hochofen stillzulegen, so wie es Arcelor-Mittal vergangene Woche angekündigt hat – das muss doch für einen Hüttenwerker ein Stich ins Herz sein, oder?

Es ist ja noch nicht so lange her – zwei Jahre ungefähr, in der Hochphase der Covid-Krise – dass wir den Hochofen 3 schon mal für ein paar Monate rausnehmen mussten. Es ist nicht einfach, aber in der aktuellen Situation das Richtige.

Ein Drittel der Roheisenproduktion von ungefähr dreieinhalb Millionen Tonnen im Jahr fällt damit aus. Ist das die Menge, die die Hütte insgesamt jetzt weniger produzieren wird?

Wir wollen den Hochofen nicht für immer stilllegen, aber vorübergehend müssen wir mit einem Drittel weniger Roheisenproduktion hier arbeiten. Wir hoffen und erwarten, dass es nur eine temporäre Auslastungsschwäche ist.

Temporär heißt: Für wie lange?

Wir hoffen, nur wenige Monate. Aber wissen kann man das im Moment nicht. Nehmen Sie die Automobilindustrie, einen unserer Hauptabnehmer: Seit 2019 sind ein Drittel weniger Autos zugelassen worden – das sind keine guten Zahlen. Und verschärfend kommen jetzt die hohen Energiepreise dazu.

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Ist Deutschland als Standort der Stahlindustrie gefährdet, wenn die Energiepreise so hoch bleiben?

Als energieintensive Industrie hätten wir dann sicherlich ein Problem, das kann man sagen. Eine Verzehnfachung der Strompreise, eine Verfünfzehnfachung der Gaspreise in einem Jahr – das kann man am Markt nicht einfach wieder wettmachen. In Deutschland kommt die CO2-Abgabe dazu. Ich will jetzt nicht den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören, aber es muss von der Politik schon mehr kommen, als immer nur den Ausbau der erneuerbaren Energien in Aussicht zu stellen.

Rechnen Sie denn damit, dass die Energiepreise bald wieder auf ein Niveau zurückgehen, auf dem Sie auskömmlich Stahl produzieren können?

Es wird sich einpendeln, davon gehen wir aus. Aber nicht auf ein Niveau wie vor dem Ukraine-Krieg. Und man sieht jetzt schon, dass die Stahlimporte in Deutschland steigen – aus Ländern, in denen die Energiepreise nicht so extrem gestiegen sind wie hier.

Was bedeutet die Stilllegung des Hochofens für die Beschäftigten?

In den meisten Aggregaten werden wir in Kurzarbeit gehen müssen. Wir versuchen, das so gut wie möglich aufzufangen, indem wir die Zeit für Reparatur- und Instandhaltungsarbeiten nutzen oder für Qualifizierungsmaßnahmen für die Belegschaft. Aber die Unterauslastung fangen wir damit nicht annähernd auf.

Der Betriebsrat spricht von zwei Dritteln der Beschäftigten, die in Kurzarbeit müssen – das wären rund 2000 Kollegen.

Das wird derzeit genau ausgearbeitet. Neben Kurzarbeit haben wir noch andere Instrumente wie Arbeitszeitverkürzungen nach unserem Zukunftstarifvertrag. Von der Unterauslastung betroffen sind letztlich alle Beschäftigten.

Der Abbau von Arbeitsplätzen steht nicht zur Diskussion?

Nein. Wir wollen unsere Beschäftigten an Bord halten – wir halten an unseren längerfristigen Plänen für die Transformation in eine wettbewerbsfähige Zukunft fest.

Arcelor-Mittal plant die Umrüstung der Bremer Hütte auf die Produktion von „grünem“, CO2-frei hergestelltem Stahl. Sind diese Pläne durch die aktuelle Krise oder durch die hohen Energiepreise gefährdet?

Unsere Pläne sind dadurch nicht gefährdet, aber die Rahmenbedingungen sind im Moment alles andere als gut. Die Pläne beruhen auf Annahmen und Berechnungen, die gerade über den Haufen geworfen werden, so dass wir Anpassungen vornehmen müssen. Die politischen Entscheidungsträger in Deutschland und Europa müssen nun endlich handeln, aber grundsätzlich stellen wir unsere Pläne nicht in Frage. Wir haben schon mehr als 20 Beschäftigte eingestellt, überwiegend Ingenieure, die die neuen Anlagen planen. Auch die Vorbereitung des Geländes läuft bereits auf Hochtouren.

Geplant ist der Bau einer Direktreduktionsanlage, die zunächst den Hochofen 3 ersetzen soll. Können Sie uns den Unterschied kurz erklären?

Vereinfacht gesagt macht eine Direktreduktions- oder DRI-Anlage etwas Ähnliches wie ein Hochofen: Dort wird Eisenerz zu Eisen reduziert. Der Unterschied ist, dass unten kein flüssiges Roheisen rauskommt, sondern fester Eisenschwamm – ein schwammartiges-poriges Produkt mit einem Gehalt an Eisen von 92-95 Prozent. Der Energieeinsatz ist nach wie vor hoch, nur dass man keinen Koks dafür nimmt, sondern in einer Übergangsphase Erdgas und später dann grün erzeugten Wasserstoff.

Es kommt also kein CO2 mehr aus dem Schornstein.

Genau. Statt CO2 entsteht bei dieser Technologie Wasser als Nebenprodukt. Mit der Anlage können wir sowohl Erdgas als auch Wasserstoff als Reduktionsmittel einsetzen. Den eisenhaltigen Schwamm können wir dann zusammen mit Recyclingschrott in Elektrolichtbogenöfen zu flüssigem Stahl verarbeiten. 

So dass auch die Konverter im Stahlwerk wegfallen.

Richtig. Das fertige Produkt bleibt gleich, aber der metallurgische Prozess ist ein anderer.

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In der Übergangsphase, sagten Sie, kommt Erdgas zum Einsatz, das nun enorm teuer geworden ist. In Hamburg betreibt Arcelor-Mittal bereits eine solche DRI-Anlage, die jetzt wegen der hohen Energiepreise bis auf weiteres stillgelegt wird. Was heißt das für den Umstieg auf diese Technik?

Das verdeutlicht die krisenhafte Situation, in der wir uns befinden. Es ist uns natürlich klar, dass das kein gutes Signal ist, wenn solch eine Anlage jetzt vorübergehend abgeschaltet wird – gerade in dem Moment, in dem wir uns auf den Weg zum grünen Stahl machen. Dennoch war es aufgrund der Energiesituation die einzig logische Entscheidung.

Die DRI-Anlage in Bremen soll eine Kapazität von 2,4 Millionen Tonnen im Jahr haben, die beiden Hochöfen produzieren 3,5 Millionen Tonnen. Brauchen Sie also eine zweite Anlage, wenn auch der große Hochofen 2 Mitte der 30er Jahre außer Betrieb geht?

Nein. Die DRI-Anlage ist so konzipiert, dass sie in den ersten Jahren auch unser Werk in Eisenhüttenstadt mit Eisenschwamm versorgt. Wenn dort dann eine eigene Anlage steht, kann auch der Hochofen 2 hier in Bremen stillgelegt werden. Die Rohstahl-Kapazität bleibt die gleiche. Denn der Eisenschwamm ist nur ein Bestandteil der Stahlerzeugung, der zweite ist Recyclingschrott. Wir werden künftig deutlich mehr solchen Schrott einsetzen, um die gleiche Menge an Stahl zu erzeugen.

Der Stahl wird aber erst wirklich „grün“, wenn in der DRI-Anlage statt Erdgas grüner Wasserstoff zum Einsatz kommt, den es noch gar nicht gibt. Wann rechnen Sie damit?

Wir hoffen, dass genügend grüner Wasserstoff zur Verfügung steht, wenn wir Mitte der 30er Jahre unseren zweiten Hochofen stilllegen. Damit könnten wir dann mehr als 90 Prozent unserer CO2-Emissionen reduzieren. Dazu muss der Ausbau der Wasserstoff-Infrastruktur in Deutschland stark vorangetrieben werden. Für den Bau eines ersten Elektrolyseurs haben wir gemeinsam mit den Energieversorgern SWB und der EWE eine Förderung erhalten.

Der soll zehn Megawatt erzeugen, sie brauchen aber 1000.

So ungefähr. Wir haben ausgerechnet, dass wir für unseren Strombedarf – für die Wasserstoffproduktion und für die neuen Elektro-Öfen – mehr als 230 große Offshore-Windräder benötigen würden.

Das wären also drei Offshore-Windparks nur für die Bremer Hütte.

Es wird in der Tat einiges an Aufbau neuer Energie-Infrastruktur notwendig sein.

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Was kostet die Umrüstung des Werks auf die Produktion von grünem Stahl? Und wer zahlt das?

Letztlich ist die Umstellung der Energieversorgung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, an der wir uns beteiligen. Wir reden hier am Standort von Investitionen in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro.

Man hört von einer Kostenaufteilung etwa fifty-fifty zwischen Unternehmen und Staat.

Das werden wir sehen. Erst mal warten wir jetzt auf eine Entscheidung der EU über die Förderanträge.

Das Land Nordrhein-Westfalen hat Thyssen-Krupp gerade einen „mittleren dreistelligen Millionen-Betrag“ in Aussicht gestellt – haben Sie vom Bremer Senat eine ähnliche Zusage erhalten?

Das noch nicht. Aber wir haben breite politische Unterstützung in Bremen.

Wann geht es los mit dem Bau?

Nächstes Jahr müssen wir loslegen, denn Mitte der 20er Jahre sollen die ersten beiden Anlagen laufen. Für die Belegschaft, die bis jetzt nur die Hochöfen kennt, wird das eine große Umstellung. Wir brauchen da in manchen Bereichen neue Qualifikationen, auch das wird zurzeit in Vorbereitung der Transformation genauer definiert.

Wird die DRI-Anlage so weithin sichtbar sein wie die Hochöfen?

Sie wird sogar noch höher, etwa 160 Meter.

Und was wird aus den Hochöfen? Ein Industriedenkmal wie im Ruhrgebiet?

Das bin ich tatsächlich schon ein paarmal gefragt worden. Aber dazu gibt es noch keine konkreten Pläne.

Zur Person

Michael Hehemann

ist seit zwei Jahren Personalvorstand und Arbeitsdirektor bei Arcelor-Mittal Bremen. Zuvor war er Geschäftsführer der IG Metall Emden.

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