Interview mit Henning Rodekohr

Vilsa-Chef: "Geschmack ist immer subjektiv"

Einige Brauereien möchten gern das Pfand für eine Getränkekiste auf drei Euro verdoppeln. Vilsa-Chef Henning Rodekohr sagt im Interview, warum er dagegen ist, und wie er über Plastikflaschen denkt.
03.11.2019, 19:59
Lesedauer: 8 Min
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Vilsa-Chef:
Von Florian Schwiegershausen
Vilsa-Chef: "Geschmack ist immer subjektiv"

Vilsa-Geschäftsführer Henning Rodekohr hält nicht viel von einer Erhöhung des Pfands auf Getränkekisten.

Vilsa

Herr Rodekohr, wie viele Flaschen Wasser trinken Sie am Tag?

Henning Rodekohr: Ich schaffe viel. Bei mir sind das vier bis fünf Flaschen.

Aus der Glas- oder aus der PET-Flasche?

Das ist unterschiedlich und hängt davon ab, wo ich bin und was ich mache. So geht es auch unseren Kunden. Wir haben beispielsweise ein kleines Kind zuhause. Da stellt man seine Glasflasche so hin, dass sie nicht runterfallen kann. PET-Flaschen sind da sicherer. Glas ist dagegen geschmacklich immer gleich, auch bei langer, direkter Sonneneinstrahlung und hohen Temperaturen, wie zum Beispiel im Auto im Sommer.

Sie sprechen es von sich aus an. Denn seit 2017 hat die Stiftung Warentest im jährlichen Wassertest immer wieder den Geschmack Ihres Wassers aus der PET-Flasche kritisiert. Mikrobiologisch war ja immer alles in Ordnung.

Genau, das analytische Ergebnis der Stiftung Warentest bestätigt uns jedes Jahr aufs Neue die Reinheit und ausgezeichnete Produktqualität von Vilsa-Mineralwasser. Abzüge gab es in der Geschmacksbewertung. Wir haben uns über die Geschmacksbewertung und die damit verbundene Abwertung des Produkts in der Gesamtnote natürlich geärgert – zumal bei der Stiftung Warentest die Geschmacksbeurteilung zu 50 Prozent in die Gesamtnote eingeht. Geschmack ist immer subjektiv, oder eben Geschmackssache. Wir bekommen zum Glück immer wieder bestätigt, dass Millionen unserer Kunden den Geschmack von Vilsa mögen. Sonst hätten wir nicht diese hohen Wiederkaufsraten. Auf fünf Millionen Flaschen kommt eine Flasche, die geschmacklich beanstandet wird. Verglichen mit unseren Mitbewerbern ist das eine sehr gute Quote.

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Haben Sie sich ansonsten Gedanken gemacht, ob es an der getesteten Charge der PET-Flaschen gelegen haben könnte?

Wir haben von jeder Charge Rückstellmuster. Wir schauen bei jeder Reklamation, ob irgendwas nicht in Ordnung ist. Aber auch bei dieser Charge war alles in Ordnung. Die Beeinträchtigung kann also nur durch falsche Lagerung oder falschen Transport außerhalb unseres Einflussbereiches zustande gekommen sein.

Wie verteilt sich denn bei den Mehrwegflaschen der Anteil auf Glas und PET?

70 Prozent werden in PET abgefüllt, 30 Prozent in Glas. Aber es entwickelt sich langsam wieder hin zum Anteil von 60 zu 40 Prozent.

Laut Nielsen-Marktforschung haben die Verbraucher im letzten Jahr tatsächlich wieder verstärkt zur Glasflasche gegriffen.

Ja, das ist auch bei uns eindeutig erkennbar. Ich sehe dafür zwei Gründe: Zum einen gibt es heute neue, komfortablere Kästen, mit denen es viel leichter und angenehmer ist, Glas zu tragen. Zum anderen hat sich das Bewusstsein der Kunden verändert. Viele wollen Plastik im Alltag vermeiden. Allerdings sind Plastikflaschen – egal ob Einweg oder Mehrweg – in Deutschland wenig problematisch, da wir ein sehr gut funktionierendes Rücknahmesystem haben. Bei unseren Einwegflaschen kommt hinzu, dass sie aus zu hundert Prozent recyceltem Material bestehen. Die Getränkeindustrie ist da wirklich schon sehr weit. Beim Gelben Sack haben Sie beispielsweise nur eine Wiederverwertungsrate zwischen 15 und 35 Prozent.

Im Rahmen Ihrer Markenfamilie haben Sie sich von der grünen „Glas-Heilwasserflasche“ verabschiedet. Warum?

Wir sind nicht die ersten in der Branche, die komplett auf die Perlenflasche umgestellt haben. Für uns bedeutet dies eine deutliche Vereinfachung in der Logistik. Bei der Marke Vilsa haben wir schon länger eine eigene Flasche. Alle anderen Marken werden mittlerweile in der Perlenflasche abgefüllt. So müssen wir auf dem Hof nicht lange sortieren.

Wie kann der Verbraucher beim Thema Sortieren im Vorfeld seinen Teil beitragen?

Wir kennen es aus dem Abfallbereich: Haushaltsnahe Trennung ist die beste Möglichkeit. Genauso gilt das für unsere Branche. Je ordentlicher die Flaschen in die Kiste gestellt sind, umso einfacher ist es für uns. Deshalb bitte die Verschlüsse auf der Flasche lassen, denn beim Rücktransport vom Handel zu uns dient der Verschluss auch als Schutz vor Verschmutzung und für das Gewinde der Flasche. Der Deckel wird dann bei uns abgeschraubt und recycelt.

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Inwiefern haben Sie das Unternehmen in den letzten fünf Jahren umgekrempelt – immerhin gibt es Vilsa nun bundesweit?

Umkrempeln will ich das nicht nennen. Ich setze mit Freude fort, was meine Vorgänger in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut haben. Das nationale Potenzial sehen wir aufgrund der herausragenden Qualität unseres Wassers.

Das bedeutet aber entsprechende Investitionen und im Handel den Kampf um die Regalmeter.

Natürlich gibt es immer einen Kampf um die Regalmeter und es wird auch immer diejenigen geben, die ausschließlich ein regionales Produkt haben möchten. Wir sind in unserer Region auch stark verwurzelt. Bei aller Heimatverbundenheit ist es aber eine betriebswirtschaftlich attraktive Option und durchaus sinnvoll, Expansion zu betreiben, um über die Ursprungsregion hinaus zu wachsen.

Wo sehen Sie im Einzelhandel vor allem Ihre Konkurrenz? Kommt die zunehmend eher von den klassischen Mineralwasserherstellern, oder von den Brauereien, die stärker im alkoholfreien Segment unterwegs sind?

Im Einzelhandel sind wir sehr wasserfokussiert. Dort machen wir mit Mineralwasser 80 Prozent unseres Absatzes. Entsprechend ist unsere Konkurrenz jedes Wasser; von der Mineralwassermarke bis hin zum Discount-Produkt. Bei Schorlen und Limonaden wären Brauereien natürlich ein Wettbewerber.

Wie hat sich die Branche gewandelt – Lidl ist beispielsweise auch Wasserhersteller?

Vor einigen Jahrzehnten waren es im Wesentlichen familiengeführte Brunnen. Heutzutage sind Nestlé, Danone und Coca-Cola dagegen sehr starke Player am Markt. Lidl beispielsweise stellt sein Wasser in der eigenen Produktionsgesellschaft her – neben anderen Produkten. Im Spiel des Marktes muss jeder den für sich besten Weg finden.

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Wieviel Potenzial sehen Sie im aufstrebenden Markt der Getränkelieferdienste?

Ich beobachte den Markt mit Interesse. Die Idee an sich ist ja nicht neu, aber die neue Interpretation des Lieferdienstes funktioniert vielleicht besser als bei den Vorgängersystemen. Ich denke, auch hier wird sich unterschiedliches Shopper-Verhalten entwickeln. Es wird denjenigen geben, der sich Getränke gern nach Hause liefern lässt, und es wird andere geben, die weiterhin ganz bewusst ihren Einkaufstrip machen werden, um sich vor Ort bewusst von Impulsen zu Einkäufen verführen zu lassen. Und es wird den Multichannel-Käufer geben, der in einem Mix online, per App und selbst vor Ort einkaufen wird. Wir befinden uns auf alle Fälle gerade in einer sehr spannenden Zeit.

Einige Brauereien fordern, das Pfand für die leere Kiste auf drei Euro zu verdoppeln. Und Sie?

Argumente für oder gegen eine Pfanderhöhung gibt es immer. Wir sehen da momentan keinen Handlungsbedarf. Das würde einen großen Aufwand bedeuten, und am Ende verunsichert man damit nur seine Kunden.

Was haben Sie im Portfolio an Innovationen?

Woran wir aktuell innovativ arbeiten, möchte ich hier natürlich noch nicht verraten. Mit unserem Biowasser sind wir aber noch relativ neu auf dem Markt.

Vilsa ist doch von sich aus schon Bio, oder?

Das Wasser kommt natürlich weiterhin aus der gleichen Quelle, aber die Qualitätsgemeinschaft Bio-Mineralwasser hat noch strengere Anforderungen verglichen mit der Mineralwasser- und Tafelwasserverordnung. Wir schaffen mit Vilsa locker die strengen Bio-Auflagen und kommunizieren sie nun auch. Beim Biosiegel geht es aber nicht nur um das Produkt, sondern auch um den Abfüllprozess und wie das Unternehmen in der Mitarbeiterführung sowie beim Thema Nachhaltigkeit aufgestellt ist. Ein weiterer Aspekt ist es, wie das Unternehmen mit dem Thema Bio-Landwirtschaft umgeht.

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Natur spielt ja in der Vilsa-Werbung eine große Rolle – wie stehen Sie dem Agrarpaket gegenüber, das die Bundesregierung beschlossen hat? Immerhin sind niedrige Nitratwerte für Ihr Wasser ja von elementarer Bedeutung?

Mit den Landwirten in unserer Region stehen wir in engem Kontakt – mit einigen bin ich zusammen zur Schule gegangen. Wir sind sehr eng vernetzt. Natürlich haben wir unsere Interessen, was die Reinheit des Mineralwassers angeht. Allerdings ist der Mineralwasserleiter, aus dem wir Vilsa fördern, durch die Tonschichten in den Bereichen zwischen Oberfläche und Quelle so gut geschützt, dass nichts von dem, was hier oberirdisch in der Landwirtschaft passiert, in unser Wasser gelangt. Die Tonschichten schotten das Wasser vollständig ab. Das Wasser ist einige tausend Jahre alt.

Na dann.

Ich sehe da eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung und sehe da auch uns in der Pflicht, etwas zu tun. Wir haben uns zur Aufgabe gemacht, die biologische Landwirtschaft zu fördern. Das bedeutet aber nicht, dass wir die konventionelle Landwirtschaft verurteilen. Ich bin ein großer Gegner des Bauern-Bashings, wie man es teilweise in den Medien und den sozialen Netzwerken sieht. Ich bin mehr der Ansicht, dass wir schauen sollten, ob wir Landwirtschaft so wie bisher weiter betreiben. Es ist ja auch auf die Gesellschaft durch Verbrauchernachfrage und Subventionen zurückzuführen, wie sich die Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Deshalb mit den Fingern auf die Landwirte zu zeigen, halte ich für einen Fehler.

Die heißen Sommer sind für Sie ja auch eine Herausforderung.

Grundsätzlich freuen uns warme Sommer natürlich, da die Menschen dann besonders viel trinken und wir haben ja vor, mit unserem Unternehmen zu wachsen. Intensivphasen wie in diesem und im vergangenen Sommer zeigen uns sehr plastisch, worauf wir uns infrastrukturell einstellen müssen. So haben wir 2018 die Mengen abgesetzt, die wir eigentlich erst 2023 absetzen wollten.

Was bedeutet das dann für Sie konkret, wenn Sie wachsen wollen?

Unsere aktuellen Engpässe liegen im logistischen Bereich. Dabei geht es um die Frachtraumkapazitäten der Lkw. Das betrifft aber alle Unternehmen der Getränkebranche. Hier schauen wir auf die Verladekapazitäten. Ein Lkw, der lange warten muss, um be- und entladen zu werden, bedeutet verlorene Zeit für den Lkw-Fahrer und verzögert die Versorgung unserer Kunden. Hier wollen wir investieren. Um unnötige Wege zu vermeiden und energieeffizient zu arbeiten, wollen wir ein Hochregallager bauen.

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Kann eine Quelle auch versiegen?

Das kommt auf die Quelle an. Wenn man sich die Quelle als abgeschlossenes Reservoir vorstellt, und dieses dann leerpumpt, dann kann das passieren. Bei uns handelt es sich aber um einen unterirdisch geschützten Strom, der sich über Zeiträume von mehreren tausend Jahren nachbildet, und den wir intensiv auf verschiedenste Parameter überwachen. Gleichzeitig geht es darum, dass wir den unterirdischen Wasserhaushalt nicht beeinflussen. Wir befinden uns von der Menge her immer deutlich unter dem, was wir eigentlich an Wasser nach oben fördern könnten.

Ihnen gehört seit 2001 die Bad Pyrmonter Quelle. Könnten Sie sich auch weitere Zukäufe vorstellen?

Dafür sind wir offen, aber nur, wenn es wirklich sehr gut passt. Ich halte nichts davon, wahllos Absatzmengen hinzu zu kaufen. Es muss sich sinnvoll ergänzen. Das schließt vieles schon mal aus. Bei dem, was wir in den vergangenen Jahren hätten kaufen können, ist es am Ende nicht zum Abschluss gekommen. Der Fokus liegt schon darauf, dass wir selbst organisch wachsen.

Wie stellt sich für Sie die Suche nach Fachkräften dar?

Es ist viel herausfordernder geworden als vielleicht noch vor zehn Jahren. Das ist die Kehrseite der eigentlich positiven Entwicklung, dass wir bei uns in der Region quasi Vollbeschäftigung haben. Wir genießen als Arbeitgeber einen guten Ruf, und tun für unsere Mitarbeiter einiges in Form von Gesundheitsprogrammen, Vorzugspreisen für Fitnessstudios und Jobrad-Leasing – um nur einiges zu nennen. Natürlich bieten wir auch gute Qualifizierungsmöglichkeiten. Übrigens suchen wir gerade genauso nach Berufskraftfahrern wie viele andere Unternehmen auch.

Das Gespräch führte Florian Schwiegers­hausen.

Info

Zur Person

Henning Rodekohr (47)

führt das Unternehmen als geschäftsführender Gesellschafter seit elf Jahren in vierter Generation. Er ist Vater von zwei Kindern und lebt mit seiner Ehefrau und drei Kindern in einer Patchworkfamilie in Bruchhausen-Vilsen.

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