Analyse zum Zahlungsverhalten in Bremen Warnsignale vor der Pleitewelle

Die Auswertung von Creditreform zeigt, dass die Zahlungsprobleme von Hotels, Gastronomie und Metall- und Elektrobranche auch im Juli, August und September im Schnitt weiter wuchsen.
05.11.2020, 05:00
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Warnsignale vor der Pleitewelle
Von Lisa Schröder

48 Tage – also fast sieben Wochen. Dieser Zeitraum ist ein Indiz dafür, dass die Sommermonate für Restaurants und Cafés nur wenig Erholung gebracht haben. Denn 48 Tage betrug im dritten Quartal im Schnitt der Zahlungsverzug in der Gastro­nomie, er lag damit noch etwas höher als im April, Mai und Juni. Die Branche verzeichnet nach Auswertung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform erneut die mit Abstand höchste Zahlungsüberfälligkeit in Bremen.

Deutlich verschlechtert hat sich demnach auch die Situation für Hotels und Ferienwohnungen: Beherbergungen überschritten die Zahlungsfrist in dieser Zeit um 30 Tage. Der Verzug hat sich damit gegenüber dem Vorquartal fast verdoppelt. Die Analyse ist gerade in dieser Zeit wichtig. Denn das Zahlungsverhalten von Unternehmen gilt Creditreform als Frühindikator für Zahlungsausfälle und Insolvenzen. Grundlage für die Analyse ist das Debitorenregister von Creditreform. Unternehmen können diese Datenbank nutzen, um Neu- und Bestandskunden besser einzuschätzen und damit womöglich Forderungsausfälle vermeiden.

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Die Auswirkungen der Pandemie träfen die Branchen unterschiedlich stark, aber überproportional die mittelständisch geprägten, sagt der Geschäftsführer von Creditreform Bremen Peter Dahlke. Die Konjunktur in den Vorjahren sorgte für eine gute Ausgangslage. Die Unternehmen seien mit einem Polster in die Krise gegangen. „Der Absturz war für manche allerdings brutal“, sagt Dahlke. Die Zahlen im dritten Quartal zeigten ein „heterogenes Bild“ – teils auch eine Erholung. Im Einzelhandel sah es mit 18 Tagen Verzug etwa wieder etwas besser aus. Und persönliche Dienstleistungen, Kosmetikstudios oder Friseure erreichten wieder ein deutlich positiveres Niveau. Der Experte konstatiert dennoch, dass der Sommer für viele Unternehmen nicht ausgereicht habe, um wieder in die Spur zu kommen.

Eine Verschlechterung ist beispielsweise bei unternehmensnahen Dienstleistungen zu beobachten wie sie Agenturen oder Veranstalter bieten. Hier wurde im Schnitt 22 Tage nach Frist bezahlt. Das liege vermutlich daran, dass Unternehmen in schwieriger Lage zunächst auf „Luxus“ wie das Marketing verzichteten, wenn es um das Brot-und-Butter-Geschäft gehe. Auch im Bereich Metall- und Elektro gibt es der Auswertung zufolge zunehmend Liquiditätsprobleme. Schon vor Corona sei die Automobilbranche unter Druck geraten, sagt Dahlke, das belaste die Zuliefererindustrie. Wegen der Pandemie sei die Nachfrage nach Autos zudem zunächst zurückgegangen.

Preisnachlass fällt weg

Das Bremer Unternehmen Nordcap spürt die Folgen von Corona indirekt, weil es für Restaurants, Hotels und den Lebensmitteleinzelhandel Kühltechnik anbietet: Ladenbauer und Gastroeinrichter werden vom Großhändler Nordcap beliefert. Die Kunden fragten nun aber, wie Geschäftsführer Klaus Ziegler berichtet, öfter nach einer späteren Zahlung nach vier bis fünf Wochen, weil die von ihnen belieferten Gastronomen und Hotels wiederum später zahlten. Sonst gibt es für die frühere Zahlung nach zwei Wochen einen Skonto als Belohnung. Der Preisnachlass fällt dann weg.

Für Nordcap bedeutet die Pandemie ebenfalls Umsatzeinbußen. Zwar gebe es im ­Lebensmitteleinzelhandel sogar weitere Nachfrage nach Kühlgeräten für Fertiggerichte, sagt Ziegler, das sei im Moment ein Trend. Außerdem profitierten alle Betriebe mit Lieferservice und Außer-Haus-Angeboten wie die Systemgastronomie. Der ­Einbruch bei den Hotels und Restaurants sei aber nicht zu kompensieren, weil hier der meiste Erlös ­gemacht werde. Dabei befinde sich Nordcap noch in einer guten Lage, weil ein kaputter Kühlschrank ersetzt werden müsse. ­Ferner bietet das Unternehmen ­weitere Produkte an: zum Spülen und Kochen, für Eis oder Pizza. Doch klar sei, dass Investitionen in der Gastronomie derzeit zurückgefahren werden, stellt der Geschäftsführer fest: „Da hält jeder sein Geld zusammen.“

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Forderungsausfälle oder Insolvenzen? Die habe es noch nicht gegeben, sagt Klaus Ziegler, da klopfe er auf Holz – toi, toi, toi. Doch er befürchtet ebenfalls Pleiten bei den Hotels und Restaurants. Deren Reserven seien langsam aufgebraucht und nun gebe es erneut Schließungen. Es sei nicht abzusehen, ob die Hilfe des Bundes für alle ausreiche.

Weniger Touristen und kaum Geschäftsreisende

Nordcap mit Standorten unter anderem auch in Hamburg und Berlin ist bundesweit im Einsatz und hat ein Tochterunternehmen in den Niederlanden. In den Ferienregionen sei die Situation besser, sieht Ziegler. Doch vor allem Hotels in den Städten verzeichneten weniger Touristen und kaum Geschäftsreisende. Und auch die Eventgastronomie, etwa der Getränke- und Würstchenverkauf im Weserstadion, sei betroffen.

Die zunächst von vielen Experten vorhergesehene Insolvenzwelle im Herbst ist bisher ausgeblieben. Doch Experte Dahlke erwartet sie weiterhin. Nur der Zeitpunkt ist offen. In diesem Jahr rechnete Creditreform aufgrund der Wirtschaftslage zunächst mit 17.000 bis 18.000 Unternehmensinsolvenzen – und somit weniger als noch 2019. Diese Prognose ist längst Makulatur. „Wir rechnen jetzt zum Jahresende mit einem deutlichen Anstieg und für das kommende Jahr mit bis zu 24.000 Verfahren“, sagt Dahlke.

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Wenn die Zahl der Insolvenzen 2020 geringer als 2019 ausfällt, ist das laut Dahlke damit zu erklären, dass Trittbrettfahrer Hilfen in Anspruch genommen hätten. Ein weiterer Faktor sei zudem die Aussetzung der In­solvenzantragspflicht bis Ende September. Einen weiteren Aufschub bis Ende des Jahres gibt es nun noch für Unternehmen, die wegen Corona überschuldet sind, aber weiter zahlungsfähig. Der Geschäftsführer von Creditreform in Bremen weist auf einen weiteren Effekt hin, der bedacht werden sollte: Wegen der Krise meldeten Kleinstunternehmer und Soloselbstständige ihr Gewerbe teils ab. „Dieser Kreis an Unternehmen, die durch Corona vom Markt verschwinden, taucht in keiner Insolvenzstatistik auf.“

Die Politik wolle nun mit Hilfen verhindern, dass die Maßnahmen im November zu Schließungen und Pleiten führten. Bis zu 75 Prozent des Umsatzes bezogen auf den Vorjahresmonat sei ein hoher Prozentsatz, sagt Dahlke. Doch die Unwägbarkeiten blieben eine Belastung, die Betriebe fragten sich: Wie wird der Dezember? Bleibt das Personal? Unternehmer wollten Dinge lieber selbst in der Hand haben, als auf Hilfe angewiesen zu sein: „Da jubelt keiner über die Lösung.“

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