Drei Bremen-Pendler erzählen Was Unternehmen für Pendler tun

Im Zug schon mit der Arbeit loslegen – das ist für viele Pendler Alltag. Welche Möglichkeiten Unternehmen ihnen sonst bieten und was das im Alltag von drei Bremen-Pendlern bedeutet.
02.01.2020, 20:47
Lesedauer: 5 Min
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Was Unternehmen für Pendler tun
Von Lisa Schröder

Für viele Menschen beginnt der Arbeitstag mit einer Kurzreise. Und die Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt: Pendeldistanzen nehmen stetig zu. „Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sie das in Zukunft nicht weiter tun werden“, sagt Wolfgang Dauth, Autor des Berichts. Pendeln werde von vielen als belastend empfunden. „Es ist ein notwendiges Übel“, sagt der Wissenschaftler.

Allerdings gebe es für die Beschäftigten große Vorteile durch die Fahrt ins Büro oder Labor: „Wenn Sie einen kleinen Suchradius haben, dann steht Ihnen auch nicht die volle Bandbreite an Jobs zur Verfügung. Insbesondere der Job, der genau zu Ihnen passt.“ Doch auch für Unternehmen lohne es sich, Pendler zu unterstützen, um passende Bewerber anzulocken.

Ingo Kleinhenz von der Rechtsberatung der Arbeitnehmerkammer Bremen kennt die Sorgen der Pendler: Die litten unter den Fahrtkosten und dem hohen Zeitaufwand. „Was die Freizeitgestaltung negativ beeinflusst und auch Auswirkungen auf das familiäre Zusammenleben und hier insbesondere auch auf die Kinderbetreuung haben kann.“ Staus, Zugverspätungen- und ausfälle verursachten besonderen Stress.

Um es Pendlern leichter zu machen, gebe es mehrere Möglichkeiten: Die Vereinbarung von Gleit- oder Vertrauensarbeitszeit reduziere den Stress, pünktlich sein zu müssen. Homeoffice sei ebenfalls ein Weg oder die Anrechnung der Arbeitszeit im Zug. Dauth beobachtet, dass immer mehr Firmen ihren Beschäftigten Letzteres anbieten. Einen Anspruch darauf gibt es nicht: „Das ist Verhandlungssache.“ Für Unternehmen sei es aber sinnvoll, für Pendler flexiblere Arbeitsmodelle zuzulassen – gerade in Zeiten des Fachkräftemangels.

Wie wichtig das Schienennetz für Pendler ist, das zeigen für Dauth Montabaur und Limburg. Politiker der Städte setzten sich damals für einen Halt ein, als eine neue ICE-Verbindung kam. Die Bewohner sollten leichter nach Köln und Frankfurt pendeln können. „Was jedoch passiert ist: Die Wirtschaft in den beiden Städten boomte, weil dort plötzlich Arbeitgeber für Menschen aus Frankfurt und Köln interessant wurden.“ Dauth sieht es als Nachteil für Städte, wenn dort kein ICE hält – wie in Bremerhaven. „Man darf nicht unterschätzen, wie weit Leute bereit sind zu pendeln, um den richtigen Job zu bekommen.“

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Werden die Pendeldistanzen laut Dauth wegen der höheren Wohnkosten derzeit vor allem durch Fahrten vom Umland in die Städte getrieben, gehe er von einer neuen Entwicklung aus: „Meine Vermutung ist, dass es in Zukunft mehr Pendelbewegungen von den Städten in die Peripherie geben wird, weil hier die Arbeitgeber nachziehen und auch die richtig qualifizierten Personen anlocken müssen.“ Dauth ist selbst Pendler. Neben der Aufgabe fürs Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung arbeitet er drei Tage die Woche in Würzburg. Dauth ist dort Juniorprofessor an der Universität, lebt aber in Nürnberg. „Ziemlich genau 100 Kilometer entfernt oder eine Stunde im ICE. Ich habe mich super damit arrangiert und nutze die Zeit im Zug für die Arbeit.“

Dörverden-Bremen

Früher ist Frederik Einicke jeden Tag von Dörverden nach Bremen gefahren: 50 Kilometer hin, 50 Kilometer zurück. Heute arbeitet er dagegen drei Tage die Woche im Büro daheim. Das spare Zeit und Geld, senke das Risiko im Verkehr und erhöhe die Flexibilität. Außerdem tue man was für die Umwelt und entlaste den Verkehr. Beim Bremer IT-Unternehmen Encoway ist Einicke für das Marketing zuständig. Viele Aufgaben ließen sich online erledigen, die Kollegen und Systeme seien aus der Ferne erreichbar: „Wir sind alle sehr gut vernetzt.“ Allerdings sei es schon wichtig, immer wieder direkt vor Ort zu sein für den „gewissen Encoway-Spirit.“ Es gebe aber keinen Grund, für jedes Meeting nach Bremen zu kommen, wenn es nicht darum gehe, aktiv etwas gemeinsam zu erarbeiten. Das Thema Heimarbeit nehme an Bedeutung zu: „Wir spüren ganz klar, dass das wirklich ein Argument ist, sich hier zu bewerben.“

Gab es einen Auslöser, warum Einicke öfter im Homeoffice bleiben wollte? „Im Wesentlichen ist der Verkehr schlimmer geworden“, sagt er. Plötzlich habe die Fahrt deutlich mehr als eine halbe Stunde gedauert – sogar teils eine Stunde. „Das ist eine magische Grenze für mich gewesen.“ Damit ginge einem doch viel Zeit auf der Straße verloren. An seinen beiden Pendeltagen vermeidet er Hauptverkehrszeiten: „Da ist das durchaus verknusbar.“ Einen Umzug nach Bremen hat er nicht erwogen. „Ich bin ziemlich glücklich, wo ich mit meiner Frau lebe.“

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Oldenburg-Bremen

Genau seit einem Jahr ist Andreas Kurzawski Pendler. Er lebt in Oldenburg. „Ich habe das unterschätzt“, sagt der Leiter des Projektmanagements der AOK Bremen/Bremerhaven. Die Dreiviertelstunde Fahrt strenge teils schon an. Kurzawski nimmt überwiegend den Zug. „Das Auto ist für mich die schlechteste Alternative, weil es rund um Bremen einfach so eng wird zum Berufsverkehr, dass es länger dauert. Außerdem kann ich in der Zeit nicht arbeiten.“

Morgens gehe es mit dem Klapprad zum Bahnhof, in den Zug um 6.56 Uhr und um kurz vor acht ins Büro. Wenn es doch später werde? Das sei nicht dramatisch: „Wir haben Gleitzeit.“ Sonst könne er sich das Pendeln auch schwer vorstellen. „Es ist eben nicht so, dass die Bahn an fünf Tagen die Woche pünktlich ist und alle Züge fahren.“ Während der Strecke geht es los: Mails lesen, den Tag vorbereiten, Termine vereinbaren. Für die Mitarbeiter der AOK gibt es seit zwei Jahren eine Vereinbarung, dass dies als Arbeitszeit anerkannt wird.

Von überall könne man sich zum Dienst einloggen. Als Pendler ist Kurzawski bei der AOK nicht allein: Von den rund 700 Kollegen pendelt exakt die Hälfte. Und wie erlebt der Oldenburger die Fahrt? „Ich musste lernen abzuschalten.“ Damit das besser funktioniert, trägt er Kopfhörer, die Geräusche reduzieren. Die Enge und Lautstärke im Zug seien schon eine Belastung. Sein Tipp: Von seiner Umgebung sollte man sich nicht zu stark beeinflussen lassen, um nicht schon auf der Anfahrt Stress zu haben. „Damit man mit einem freien Kopf bei der Arbeit ankommt.“

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Ottersberg-Bremen

Aus Ottersberg reist Lars Klimmeck in die Hansestadt. Er ist Geschäftsführer der Werbeagentur Jung & Billig in der Neustadt. Wie kommt er zur Arbeit? Auto oder Zug? „Alles“, sagt Klimmeck. Er versuche, so gut es geht den Zug zu nutzen. Wenn er seinen Hund Malou mit ins Büro nehme, fahre er aber lieber Auto. Im Schnitt brauche er nach Bremen eine halbe Stunde. Wenn das Wetter gut sei, dürfe es gerne länger dauern. Dann steigt Klimmeck ab und zu auf seine Vespa: „Weil es schön ist.“ In Ottersberg lebt der Agenturchef mit seiner Familie.

„Wir wollten gerne einen Garten und ein Eigenheim zu einem bezahlbaren Kurs“, erklärt er den Umzug aus der Neustadt nach Niedersachsen. Die Immobilienpreise in Bremen seien eine „Katastrophe“, darum hätten sie sich im Speckgürtel umgesehen. „Mir war wichtig, dass ich eine gute Anbindung habe.“

Das erfülle sein Wohnort nun, das Haus liege nah am Bahnhof. Im Moment sei er im Team der einzige Pendler. Homeoffice und Gleitzeit seien aber für alle offen. Die Freiheit sei wichtig: „Das ist relativ entspannt bei uns. Gerade für unseren Beruf ist es nicht ganz so wichtig, dass man unbedingt im Büro ist.“ Den Umzug bereut er nicht. „Ich kann nach einem langen Arbeitstag ganz entspannt im Garten sitzen. Das hatte ich in der Stadt nicht.“

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