Sturmtiefs "Ylenia" und "Zeynep" Orkantief über Norddeutschland – zwei Männer von Bäumen erschlagen

Sturm zieht über den Norden. Die Tiefs Ylenia und Zeynep sorgen in der Region für zahlreiche Feuerwehreinsätze und Beeinträchtigungen im Bahnverkehr. In Niedersachsen kam ein Mensch ums Leben.
17.02.2022, 19:07
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Von Jan-Felix Jasch Bastian Angenendt-Eiserbeck Patrick Reichelt Michael Rabba

Sturmtief „Ylenia“ hat in Bremen und der Region zahlreiche Einsätze der Feuerwehr ausgelöst. Bei den meisten Alarmierungen ging es zunächst um umgestürzte oder vom Umstürzen bedrohte Bäume, wie die zuständigen Leitstellen berichteten. In Niedersachsen wurde ein Mann von einem Baum erschlagen.

Nach einer kurzen Pause an diesem Freitagvormittag nähert sich schon das nächste extreme Wetterereignis. Ab den Mittagsstunden rauscht mit "Zeynep" das zweite mächtige Tief von Westen heran. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes wird voraussichtlich vor allem Norddeutschland von dem neuen Orkan betroffen sein – und er könnte noch heftiger werden als der erste. Die Meteorologen warnen, dass vor allem nachmittags und in den Abendstunden schwere Sturm- und orkanartige Böen mit Spitzengeschwindigkeiten von 90 bis 110 Stundenkilometern möglich sind, vereinzelt auch bis zu 120 Stundenkilometer – und an der ostfriesischen Küste sogar bis zu 140 Stundenkilometer. Entsprechend hoch bleibt auch das Sturmflutrisiko.

Die Auswirkungen auf den Verkehr

Zeitweise längere Ausfälle auf einigen Linien, aber keine schweren Schäden, lautete am Donnerstagmittag die Sturmbilanz der Bremer Straßenbahn. Herabgestürzte Äste in den Oberleitungen hatten für Behinderungen gesorgt. Betroffen war bereits am Mittwochabend die Linie drei in der Überseestadt, sowie am Donnerstagvormittag die Linie eins in der Vahr. Hier gab es für rund zwei Stunden auch einen Bus-Ersatzverkehr.

Gleich drei Linien waren von Aufräumarbeiten der Feuerwehr in den Oberleitungen vor dem Theater am Goetheplatz berührt. Weil dafür jeweils in ganzen Gleisabschnitten der Strom abgestellt werden muss, konnte neben den dort direkt vorbei geführten Linien zwei und drei auch die Straßenbahnlinie zehn nicht mehr fahren, die ab Sielwall in Richtung Bahnhof abbiegt. Auch für den nächsten Sturm stehen laut BSAG-Sprecher Andreas Holling Mensch und Material bereit, sollten erneut Ersatzverkehre oder Umleitungen notwendig werden.

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Flächendeckend eingestellt worden war am Donnerstagmorgen der Fernverkehr der Bahn nördlich einer Linie von Münster über Hannover nach Magdeburg. Auch im Regionalnahverkehr gab es zahlreiche Ausfälle und Verspätungen. Die Deutsche Bahn rät, Reisen zu verschieben, weil auch weiterhin mit Störungen zu rechnen ist. Fahrkarten für Freitag oder Sonnabend bleiben laut einem Sprecher eine Woche gültig, eventuelle Zugbindungen seien aufgehoben.  Am Bremer Flughafen hatte "Ylenia" keine großen Auswirkungen auf den Betrieb.

Schäden und Folgen in Bremen

Für die Einsatzkräfte der Feuerwehr waren vor allem die Nacht zu Donnerstag und der Vormittag arbeitsreich. Insgesamt 180 Einsätze standen am Ende auf dem Zettel. Neben der Berufswehr rückten auch 19 Freiwillige Feuerwehren und Feuerwehrschüler aus, um abgebrochene Äste und umgestürzte Bäume aus dem Weg zu schaffen. Zwei Wohnhäuser wurden den Angaben der Retter zufolge durch umgestürzte Bäume "erheblich" beschädigt, und zwei große, leere Seecontainer wurden am Kopf des Holzhafens ins Wasser geweht.

Einen größeren Schaden vermeldete auch das Theaterschiff: Auf dem Oberdeck zerstörte der Sturm die Zeltkonstruktion. „Die hatten wir schon für den Sommer aufgebaut“, sagte Intendant Knut Schakinnis. "Einige Teile konnten wir immerhin retten." Auch die Schiffsgeländer wurden teilweise in Mitleidenschaft gezogen. Schakinnis rechnet mit rund 50.000 Euro Schaden.

Auch der Bürgerpark wurde "ordentlich durchgeschüttelt", wie Parkdirektor Tim Großmann sagte. Etwa acht Bäume seien umgekippt, von zahlreichen anderen Äste abgebrochen, die nun teilweise noch in den Kronen hängen. "Das Allerwichtigste ist aber, dass niemand zu Schaden gekommen ist", sagt Großmann. Damit das auch während des neuen Orkans so bleibt, bittet er alle Bremerinnen und Bremer, den Park mindestens bis Sonnabendnachmittag zu meiden.

Rund um den Buntentorsteinweg hatten viele Bremer ihre Gelben Säcke zur Abholung an die Straße gelegt – die dann von "Ylenia" zerfetzt wurden. Die Straßenreinigung fährt nun Sondertouren zur Reinigung. Die Bremer Stadtreinigung kündigt an, dass es bei der Müllabfuhr zu Einschränkungen kommen kann und rät, geleerte Tonnen umgehend von der Straße zu holen.

Weitere Sturmfolgen waren nach Angaben der Swb mehrere Stromausfälle im Bundesland. In die Knie gingen kurzzeitig auch die Server für die Plattform "Itslearning" – wetterbedingt war in der Stadt Bremen Homeschooling angesagt. "Das war ärgerlich, aber ab 10.30 Uhr lief das System wieder stabil", sagte Bildungssprecherin Maike Wiedwald. "Die Probleme sind hinterlegt worden." An diesem Freitag wird wieder regulär in den Schulen unterrichtet.

Schäden im Umland

Auch im Umland hatten es die Feuerwehren überwiegend mit umgestürzten Bäumen zu tun. Glück hatten Schüler des Achimer Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasiums und der Erich-Kästner-Schule: Eine rund 15 Meter hohe Birke war morgens fast auf den Schulweg gekippt, aber keinen Schüler verletzt. Im Beverstedter Tierpark Cux-Art krachte eine Fichte auf das Luchs-Gehege, die die Tiere als unverhoffte Chance auf Freiheit nutzten. Sie war allerdings nicht von Dauer: Feuerwehrleuten und Helfern trieben die Wildkatzen zurück in ihr Gehege.

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Zwei Männer von Bäumen erschlagen

Ein 37 Jahre alter Mann ist in seinem Auto Opfer des Sturms geworden. Er war am Donnerstagmorgen gegen 9 Uhr auf der L252 zwischen Bad Bevensen und Seedorf im Landkreis Uelzen unterwegs, als ein Baum auf seinen Pkw stürzte und ihn erschlug. Wie ein Sprecher der Feuerwehr bestätigte, war der Fahrer sofort tot. Für die Dauer der Bergungsarbeiten wurde die Landstraße gesperrt. Im Südharz ist ein 55-Jähriger bei einem Autounfall auf einer Landstraße in Sachsen-Anhalt gestorben. Ein Baum sei durch den starken Wind auf den Wagen des Mannes gefallen, teilte die Polizei mit.

Sturmgefahr bleibt bestehen

Die Hochwasserstände an der niedersächsischen Nordseeküste blieben in der Nacht zum Teil niedriger als erwartet. Anders als für Schleswig-Holstein und Hamburg hatte das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) hier auch nicht vor einer Sturmflut gewarnt. In Bremerhaven wurden in der Nacht zu Donnerstag einige Straßen im Hafengebiet überflutet.

Die Serie von Sturmtiefs könnte sich nach Einschätzungen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) auch zu Beginn der kommenden Woche fortsetzen. Tendenziell müsse weiter mit einer solchen Entwicklung gerechnet werden, sagte Meteorolge Jens Oehmichen vom Deutschen Wetterdienst am Donnerstagmorgen der Deutschen Presse-Agentur.

Warnung vor Orkanböen in Bremen und Niedersachsen

Das Orkantief mit Windgeschwindigkeiten um 120 Kilometer pro Stunde, Regenschauern und Gewittern hatte Norddeutschland ab dem späten Mittwochabend erfasst. Auf dem exponiert liegendem Brocken im Harz wurden nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes zwischen 0.30 und 1 Uhr durchschnittliche Windgeschwindigkeiten von 120 Stundenkilometern gemessen. Die Windspitze in dem Zeitraum lag hier bei 152 Kilometern pro Stunde.

Bereits Ende Januar war das Sturmtief „Nadia“ mit gefährlichen Böen über Nord- und Ostdeutschland gefegt und hatte Millionenschäden verursacht. Nach Ansicht des DWD-Meteorologen Andreas Friedrich sind die jetzigen Stürme, was die Windspitzen angeht, mit Tief „Nadia“ vergleichbar. Die aktuelle Lage sei aus seiner Sicht allerdings brisanter, „weil wir eine Kette von Sturmtiefs haben“.

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