KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter

Die Kriegsgräber von Neuenkirchen

Auf dem Kriegsgräber-Friedhof in Neuenkirchen ruhen ehemalige KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter. Nicht alle Gräber sind heute noch belegt. Verstorbene wurden umgebettet oder in ihre Heimatländer überführt.
13.06.2020, 08:45
Lesedauer: 6 Min
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Von Gabriela Keller
Die Kriegsgräber von Neuenkirchen

Bei einigen Gräbern konnte die Identität des Verstorbenen bis heute nicht geklärt werden. Die Bemühungen laufen aber weiterhin.

Fotos: CARMEN JASPERSEN

Neuenkirchen. Eichen flankieren den Eingang zur Gräberstätte. Harald Grote öffnet die Eisenpforte. Hinter der Einfriedungsmauer führt ein schnurgerader Weg durch eine Rasenfläche zu einem von Rhododendren gerahmten Durchgang und weiter zu einem Gedenkstein. Zu beiden Seiten des Weges liegen kleine Sandstein-Quader mit Inschriften. Es sind Grabsteine, die auf dem Kriegsgräber-Friedhof in Neuenkirchen für Opfer der NS-Gewaltherrschaft gesetzt wurden: Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge, die nach Kriegsende an den Folgen ihrer Leiden im Marine-Hospital in Neuenkirchen starben.

Das Hospital befand sich auf dem Gelände des heutigen Weser-Geest-Gewerbeparks. 1938/39 ließ die Kriegsmarine hier ein Marinegemeinschaftslager für den Bau eines Tanklagers in der Neuenkirchener Heide errichten. Später wurde es Teil eines umfangreichen Lagersystems für Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge, die beim Bau des U-Boot-Bunkers „Valentin“ in Farge schuften mussten. Nach dem Krieg betrieben die britischen und amerikanischen Besatzer in den Baracken des früheren Marinegemeinschaftslagers das Marine-Hospital.

„Überlebende Häftlinge und Zwangsarbeiter aus den umliegenden Lagern und aus dem KZ-Lager Sandbostel, die krank oder zu geschwächt für den Transport in ihre Heimat waren, wurden dorthin gebracht. Im Marine-Hospital sollten sie zu Kräften kommen“, berichtet Harald Grote von den Heimatfreunden Neuenkirchen. Viele schafften es nicht. Sie starben und wurden auf dem Kriegsgräber-Friedhof begraben, der in der Nähe des Marine-Hospitals angelegt wurde und heute von den Heimatfreunden gepflegt wird.

Das Gräberfeld grenzt direkt an den Hospitalfriedhof in der Neuenkirchener Heide, getrennt nur durch eine Buchenreihe. Der Kriegsgräber-Friedhof sei aber eine eigenständige Begräbnisstätte, stellt Harald Grote klar. „Auf dem Hospitalfriedhof sind keine Kriegsgefangenen oder KZ-Häftlinge begraben. Hier sind überwiegend Menschen beerdigt, die in den Nachkriegsjahren als Flüchtlinge nach Schwanewede kamen und im evangelischen Hospital in Neuenkirchen starben.“ Die Innere Mission hatte das Marine-Hospital der Alliierten 1947 übernommen und betrieb hier bis 1962 ein eigenes Hospital.

Auf den Grabsteinen der Kriegsgräberstätte sind Namen der Verstorbenen zu lesen, auch Geburts- und Sterbedaten sowie Angaben zur Nationalität. „Petro Demschenko, geb. 18. 05.1926, gest. 15.06.1945, Russe“ lautet die Inschrift auf einem Stein. Er wurde 19 Jahre alt. Auf einem anderen steht der Name Anton Papis. Laut Inschrift ein Pole, am 16. September 1908 geboren und am 23. Mai 1945 gestorben. Viele Russen und Polen ruhen auf dem Friedhof.

„Die meisten Zwangsarbeiter, die auf der Bunker-Baustelle in Farge arbeiten mussten, kamen aus diesen Ländern“, erläutert Harald Grote. Die Heimatfreunde Neuenkirchen kümmern sich nicht nur um die Pflege des Friedhofs, für den die Gemeinde Schwanewede die Trägerschaft hat. Der Verein betreibt auf dem früheren Lager- und Hospitalgelände mit der „Baracke Wilhemine“ auch eine Gedenkstätte, in der die Geschichte des Areals aufgearbeitet wird.

Unter den Dokumenten in der Gedenkstätte befindet sich die Kopie einer Gräberliste vom 19. Februar 1951, ausgestellt von der Wirtschaftsverwaltung des evangelischen Hospitals Neuenkirchen. Demnach waren damals auf dem Kriegsgräberfriedhof 118 NS-Opfer beigesetzt, die zwischen Mai 1945 und Oktober 1946 im Marine-Hospital verstorben waren. Neben Russen und Polen auch Franzosen, Italiener, Holländer, Belgier und Jugoslawen, Ungarn, Serben, Kroaten und Spanier sowie drei Deutsche. „Die Todesursachen sind nirgendwo erwähnt. Wir wissen auch nicht, aus welchen Lagern genau die Verstorbenen kamen“, sagt Harald Grote.

Unter den Toten waren mehrere Frauen. Beim Gang über den Friedhof zeigt Grote auf den Grabstein für Susula Pascha, Russin, geboren am 21. November 1923. Auch sie starb jung, am 1. Juli 1945 mit 21 Jahren. Auf anderen Steinen steht nur ein Wort: unbekannt. „Bei neun Grabstellen wissen wir nicht, wer dort begraben ist“, sagt Harald Grote. Dazu gehören zwei Sammelgräber, die erst später auf dem Kriegsgräberfriedhof angelegt wurden. In ihnen sind insgesamt 19 Tote beigesetzt, deren Skelette 1957 beim Bau der Lützow-Kaserne in Schwanewede in einem NS-Massengrab entdeckt wurden. Den Beleg dazu fand der Ritterhuder Peter-Michael Meiners vor vier Jahren bei Recherchen im Kreisarchiv Osterholz.

In einer Akte stieß er auf ein vom 14. November 1957 datiertes Schreiben an den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK), in dem der Fund auf dem Kasernengelände und die Beisetzung auf dem Kriegsgräberfriedhof dokumentiert sind. Die Sammelgräber finden sich auch in einer am 12. Januar 1971 von der damaligen Gemeinde Neuenkirchen erstellten Gräberliste, die dem VDK-Bezirksverband Lüneburg/Stade als Kopie vorliegt. „Nach den Angaben auf der Gräberliste wurde auf der Kriegsgräberstätte in Neuenkirchen am 14. Juni 1957 ein Sammelgrab mit drei unbekannten Toten und am 17. Juni 1957 ein weiteres mit 16 Unbekannten eingerichtet“, sagt Geschäftsführer Jan Effinger.

Ins Heimatland verlegt

Längst nicht mehr alle der einst 118 Einzelgräber sind heute noch belegt. Auf der Liste von 1971 finden sich 92 Einzelgrabstätten. Einige Verstorbene wurden in ihre Heimatländer überführt oder umgebettet auf sogenannte Ehrenfriedhöfe für Kriegstote, die von Kriegsgräberdiensten anderer Nationen in Deutschland angelegt wurden. Der Italiener Carlo Cremonei, verstorben am 12. November 1945, war der Erste, der am 3. Dezember 1948 aus Neuenkirchen in sein Heimatland überführt wurde. Die Franzosen ließen am 7. Juni 1950 elf in Neuenkirchen begrabenen Landsleute exhumieren und zur letzten Ruhe nach Frankreich bringen. Darunter auch Jean Vanclair, der am 25. Mai 1945 starb und als eines der jüngsten NS-Opfer mit 17 Jahren auf dem Kriegsgräber-Friedhof beerdigt wurde.

„Die italienische Kriegesgräberfürsorge legte später auf dem Friedhof in Hamburg-Öjendorf eine zentrale Ehrenanlage für ihre Kriegstoten an. Dorthin wurden am 29. Mai 1958 alle in Neuenkirchen bis dahin noch begrabenen Italiener umgebettet“, weiß Jan Effinger. Auch Belgier und Holländer seien verlegt wurden. „Holländische Kriegstote wurden von Neuenkirchen umgebettet zur Ehrenanlage auf dem Friedhof in Bremen-Osterholz.“

Zur Frage, wie viele Tote heute noch auf dem Kriegsgräber-Friedhof in Neuenkirchen ruhen, kann die Osterholzer Kreisarchivarin Gabriele Jannowitz-Heumann neue Erkenntnisse beisteuern. Seit Jahren beschäftigt sie sich mit dem Schicksal von Jan Massier. Der Niederländer war am 29. April 1945 im Lager Sandbostel befreit und ins Marine-Hospital nach Neuenkirchen gebracht worden. Dort starb er im Mai 1945, danach verliert sich seine Spur. 2007 und 2011 begleitete Jannowitz-Heumann Grabungen der niederländischen Kriegsgräberfürsorge in Neuenkirchen, die in sieben namenlosen Gräbern vergeblich nach den sterblichen Überresten von Jan Massier suchte.

In diesem Zusammenhang seien die Gräber neu vermessen worden. „Dabei hat sich herausgestellt, dass Steine nicht mehr richtig liegen. Grabstätte und Stein stimmen nicht mehr überein.“ Insgesamt zwölf Grabsteine seien versetzt worden. Einige Gräber, die laut Unterlagen eigentlich hätten belegt sein müssen, waren laut Jannowitz-Heumann leer. „Trotzdem stehen dort noch die Grabsteine.“ Sie ist zu dem Schluss kommen: „Nach meinen Berechnungen gibt es auf dem Friedhof noch 90 belegte Einzelgräber und die zwei Sammelgräber mit drei und 16 Verstorbenen.“

Nach Ansicht der Kreisarchivarin müsste der Friedhof umgestaltet werden - dem Andenken der Toten zuliebe und mit Blick auf Besucher, die nach Gräberstätten von verstorbenen Angehörigen suchen. Mit dem Pflegezustand der Anlage befasst sich derweil eine Petition an die Bremische Bürgerschaft. Der Petent bemängelt den „schlechten Erhaltungs- und Pflegezustand“ der Grabstätten. „Wir kennen die Petition, können die Kritik aber nicht nachvollziehen“, sagt Harald Grote.

Ehrenamtliche pflegen Gräber

Heinz Cordes gehört zu einer Gruppe von rund 15 Ehrenamtlichen im Verein, die sich um die Pflege der Gräber kümmern. „Wir mähen den Rasen, säubern Grabsteine, harken im Herbst Laub, sägen auch schon mal Bäume ab, die nicht mehr standfest sind, und pflanzen neue nach.“ Der Verein erhält eine jährliche Pflegepauschale von 1800 Euro, die das Land zahlt. Für Oktober ist auf der Gräberstätte, wo jedes Jahr im November am Freitag vor dem Volkstrauertag eine Gedenkfeier ausgerichtet wird, ein Arbeitseinsatz mit Reservisten der Bundeswehr geplant. Unter anderem werden verwitterte Inschriften auf Steinen erneuert.

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