„Schott the Dohr“ SPEZIAL

Von Trainingsalternativen, Geburtenraten und Elfenbeintürmen

Die Sportredakteure Dennis Schott und Tobias Dohr diskutieren in einer Spezial-Ausgabe von „Schott the Dohr“ über Amateursport in Zeiten der Corona-Krise.
21.03.2020, 11:25
Lesedauer: 5 Min
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Von Von Tobias Dohr und Dennis Schott
Tobi, wir sind viel zu früh dran. Ganze zehn Tage! Eigentlich schließen wir die Tür ja immer erst zum Monatsende ab...

Tja, Dennis, besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Außerdem freue ich mich über jede Art von Sozialkontakt in diesen merkwürdigen Zeiten. Sogar mit Dir. Nein, Spaß beiseite.

Komm’ du mir mal in die Redaktion! Wann immer das auch sein wird. Hoffentlich erkenne ich Dich überhaupt noch wieder. Aber jetzt mal wirklich Spaß beiseite. Wir machen den Job ja auch schon ein paar Jährchen, aber diese Corona-Krise stellt unsere Arbeit vor ein noch nie dagewesenes Problem. Über was sollen wir eigentlich berichten, wenn nichts stattfindet? Ich mein’, unser Anspruch ist es ja immer, eine interessante Zeitung zu machen. Aber das ist gar nicht so einfach in diesen Tagen...

Traurig, aber wahr. Aus aktuellem Anlass mussten wir das „Schott the Dohr“ einfach vorziehen, um über die Corona-Krise zu quatschen. Du als Fußballer a.D. und Muckibuden-Besucher kannst Dir das ja gar nicht vorstellen, wie das ist ohne Fußball. Erst wurde der Spielbetrieb bei meiner U 9-Mannschaft eingestellt, dann der Ü 40-Punktspielbetrieb. Und meine Premiere als Schiri ist auch auf unbestimmte Zeit verschoben…

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Apropos: Wo ist eigentlich das Foto von Dir im Schiedsrichter-Dress, das Du mir schicken solltest? Die Klamotten hast Du ja jetzt. Und deinen ersten Einsatz lasse ich mir bestimmt nicht entgehen.

(lacht) Über diesen ersten Einsatz werden wir aber definitiv nicht berichten. Die Frage ist ja wirklich, was passiert jetzt? Wir sind uns wohl alle einig, dass auch nach Ostern noch nicht gespielt werden kann – sofern die strengen Maßnahmen im „social distancing“ aufrechterhalten bleiben sollen. Was ja im Sinne der Sache wäre. Spätestens dann muss die Frage gestellt werden? Saisonabbruch? Spielen bis in die Ferien?

Diese Frage wird sich aber erst in drei Wochen stellen. Dann will der NFV entscheiden, wie nach der Aussetzung des Spielbetriebs weiter verfahren werden soll. Kann nach dem 19. April wieder gespielt werden, kann die Saison um ein, zwei Wochen verlängert werden und die Spiele könnten im Englische-Woche-Rhythmus zu Ende gespielt werden. Glaubst Du daran?

Ich glaube, dass das oberste Priorität beim Verband hat. Deshalb wird im Notfall auch bis zum Wochenende 27./28. Juni gespielt werden. Bis dahin könnte man locker sechs bis sieben ausgefallene Punktspiele nachholen. Bei einem Saisonabbruch stellt sich halt die Frage: Wie werte ich das dann? Saison neu starten? Oder vielleicht keine Absteiger und dafür die Ligen vergrößern? Aber die Oberliga hat beispielsweise jetzt schon 18 Teams. Wenn da aus jeder Landesliga noch vier Teams hochkommen, sind es schon 22. Wie soll das gehen im Amateurfußball?

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Ich denke schon, dass hinter den Kulissen kräftig darüber nachgedacht wird. Man wird sich mit einigen Szenarien auseinandersetzen müssen. Schon jetzt. Aber letztlich ist entscheidend, was „oben“ entschieden wird. Wir haben uns noch gar nicht über die Rollen von DFB und DFL unterhalten. Die haben sich ja mit einer Absage ziemlich geziert.

Ja, und das hat uns doch nicht wirklich überrascht, oder? Dass dort schon seit Jahren aus einem Elfenbeinturm heraus und im Sinne eines auf Profit ausgelegten Wirtschaftsunternehmen entschieden wird, haben die feinen Herren damit nur noch einmal eindrucksvoll untermauert. Das ist eigentlich schon lange nicht mehr der Fußball, dem wir alle zujubeln sollten. Da sind mir meine Amateure doch lieber. Und die stehen ja nun vor ganz neuen Herausforderungen. Was tun am Dienstag- und Donnerstagabend?

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Was die Spieler machen, wenn kein Training ist, meinste? Vermutlich der Freundin auf den Geist gehen. Könnte mir vorstellen, dass sich – je länger die Pause dauert - genauso viele Frauen den Spielbeginn herbeisehnen wie Männer. Immer den Typen an seiner Seite zu haben, kann auch zu einer Herausforderung werden (lacht).

In diesem Zusammenhang frage ich mich ja mittlerweile: Steigt in den kommenden Monaten wohl eher die Geburten- oder die Scheidungsrate?

Herr Dohr, bleiben Sie bitte sachlich...

... ja ja, Entschuldigung. Also, wenn jetzt bald die Ausgangssperre kommen sollte, können die Sportler ja nicht mal mehr abends joggen gehen. Dann heißt es: Hanteln stemmen und dabei „Germanys Next Topmodel“ gucken. Ich glaub‘, Du guckst das ja ohnehin ganz gerne, oder?

Mein lieber Tobias, Deinen Fernsehgeschmack musst Du nicht auf mich übertragen. Aber es stimmt: Ich habe die letzte Folge gesehen (lacht). Aber was soll ich denn auf einem Donnerstagabend verdammt noch mal gucken, wenn kein Fußball läuft und die Freundin neben dir auf der Couch sitzt? Da fehlen einem plötzlich alle Argumente. Ich seh’ auch schon schwarz für den nächsten Mittwochabend. Wo eigentlich Champions League gewesen wäre, läuft bald „Promis unter Palmen“. Ein formidables Trashformat. Das wäre auch etwas für dich!

Haha. Jetzt ist sogar Darts in England flächendeckend abgesagt worden… das war mein Alternativprogramm für den Donnerstagabend. Nun ja, am Ende müssen wir da durch. Durch die sportfreie Zeit und die Topmodels. Jedenfalls zeigt mir die aktuelle Lage mal wieder sehr deutlich, wie dankbar man für ganz normalen Alltag sein sollte. Und wie schön es doch eigentlich ist, wenn man zwei- oder dreimal die Woche abends für drei Stunden beim Training ist. Mir ist völlig unbegreiflich, wieso das für viele junge Leute heute so eine Last zu sein scheint. Wieso fehlt bei so vielen die Lust auf das Hobby?

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Es ist jedenfalls eine veränderte Situation. Und vor allem müssen die Sportler jetzt ihren inneren Schweinehund überwinden. Die Handballer der HSG LiGra haben ja eine interne Lauf-Challenge gestartet, wo jeder Spieler zehn Kilometer in der Woche abspulen muss. Malte Jaskosch, Trainer von Pennigbüttels Fußballern, „überwacht“ sein Team mit einer App. Und sonst? Müssen die Trainer ihren Spielern wohl oder übel Vertrauen schenken, dass das Fitnesserhaltungsprogramm – das Wort haben übrigens gleich mehrere Trainer in den Mund genommen – umgesetzt wird. Aber Hambergen-Coach Eric Schürhaus kündigte bereits an, dass er genau sehen werde, wer fleißig war und wer nicht, wenn es dann irgendwann wieder losgeht. Das klang fast wie eine Drohung.

Am Ende sollte einfach jeder froh sein, ein bisschen Normalität in seinem Alltag zu haben. Aber wer unter der Woche schon keinen Bock auf 90 Minuten Action mit seiner Truppe hat, wird jetzt wohl nicht zum Trainingsweltmeister mutieren. Am Ende ist das ja auch der Grund, warum ein Oliver Schilling vom VSK Osterholz-Scharmbeck ganz offen sagt: Ich habe keine Lust mehr.

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Da muss viel Enttäuschendes vorgefallen sein, dass ein an sich so fußballbegeisterter Trainer das Handtuch wirft. Vielleicht ist er für den Herrenbereich nicht mehr der richtige, sondern besser im Jugendbereich aufgehoben. Die Jungen wollen noch und sind eher zu formen als manch Heranwachsender. Aber auch da ist man nicht vor Enttäuschungen gefeit.

Es geht bei Oliver auch keinesfalls um die sportlichen Enttäuschungen, sprich Niederlagen – damit kommt er klar. Wenn auch schwer. Es geht um die Priorisierung. Gesundheit ist das allerwichtigste im Leben. Deshalb ist es richtig, dass jetzt kein Fußball gespielt wird. Aber wenn es wieder soweit ist, sollten wir dankbar sein, für jede Partie, für jedes Training, das ausgetragen werden kann. Und vor allem: dankbar über jeden sportlichen Sozialkontakt, den wir haben. Sei es mit dem Schiedsrichter, dem Gegner oder dem eigenen Teamkameraden.

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Zur Person

Die Sportredaktion

widmet sich in einer Sonderausgabe dem Amateursport in Zeiten der Corona-Krise. In unserem etwas anderen Redaktionsgespräch reden wir dabei auch über die Dinge, für die im redaktionellen Alltag oftmals kein Platz in der Zeitung ist. Nicht immer einer Meinung, aber meinungsstark. Nicht immer bierernst, aber mit voller Überzeugung für den hiesigen Amateursport. „Schott the Dohr“ SPEZIAL – Tobias Dohr (oben) und Dennis Schott reden über Amateursport in verrückten Zeiten.

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