Golftrainer Mike Butcher Europäer und für den Brexit

Mike Butcher ist einer von 73 Briten, die in diesem Jahr im Kreis Verden eingebürgert wurden. Seit 17 Jahren ist er Trainer im Golfclub Verden. Er liebt Deutschland – und ist doch für den Brexit.
24.09.2019, 15:12
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Europäer und für den Brexit
Von Peter Voith

Allein in diesem Jahr haben sich bisher 73 Briten im Landkreis Verden einbürgern lassen. Michael „Mike“ Butcher ist einer von ihnen. Er hat jetzt, seit März dieses Jahres, die doppelte Staatsbürgerschaft, also zwei Pässe. Natürlich hatte das auch mit der Debatte über den Brexit zu tun. Nicht, weil der gelernte Golf-Pro (für Profi) und Golftrainer um seine Arbeitserlaubnis in Deutschland fürchtete, zumal der in Verden-Walle wohnende 52-Jährige mit einer deutschen Frau verheiratet und seit zweieinhalb Jahren Vater von Zwillingen ist. „Mir ging es vor allem um die uneingeschränkte Reisefreiheit innerhalb der EU“, sagt er.

Hin und wieder reist er zu Turnieren nach Spanien und anderswo. Seine beiden älteren Schwestern leben in Dänemark und Frankreich. Grund genug also für ihn, die Vorteile der EU mit der doppelten Staatsbürgerschaft zu nutzen. Und doch fällt es schwer, sich in seine britische Seele hineinzudenken. Denn: Hätte er mit abgestimmt im Jahr 2016, er hätte für den Brexit votiert, aus voller Überzeugung.

Der seit 2002 in Verden lebende Golf-Profi ist vielleicht nicht das, was man einen Brexit-Hardliner nennt. Denn während wir bei einer Tasse Kaffee im Clubhaus des GC Verden sitzen, sagt er: „Europa ist eigentlich eine tolle Sache – solange es um die Wirtschaft geht.“ Aber er sagt auch: „Brüssel will einfach zu viel.“ Die EU könne nicht in die Souveränität der einzelnen Nationen eingreifen. „Das“, davon ist er überzeugt, „wird nicht funktionieren.“ Als Beispiel nennt er die von Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron angestoßene Debatte über eine Europäische Verteidigungsarmee, die er für „einfach nicht machbar“ hält, weil jede Nation immer darauf bedacht sein werde, sich selbst zu verteidigen.

Mike Butcher ist sich bewusst, dass viele Deutsche über die Briten und das Brexit-Theater den Kopf schütteln. Selbst ihm ist es momentan „einfach nur peinlich, was da passiert“. Den Politikern seines Heimatlandes wirft er vor, sich nicht um die Belange des Volkes, sondern nur um ihre eigenen zu kümmern. Sein Kompass ist dabei ganz klar: „Das Volk hat für den Brexit gestimmt, also muss die Politik ihn umsetzen.“ Den Einwand, dass insbesondere viele junge Leute nicht abgestimmt hätten, weil sie offenbar gar nicht wussten, was ein Brexit für sie bedeutet, lässt er nicht gelten. Deshalb hält er auch die Diskussion über eine neue Volksabstimmung für sinnlos. „Wir können auch fünf oder sechs Mal abstimmen. Und wir hätten jedes Mal ein anderes Ergebnis. Das wäre doch absurd.“

Tatsächlich geht der Riss in der Brexit-Debatte quer durch die Familien in seinem Heimatland – auch durch seine eigene. Die Eltern des aus Beverly im Nordosten Englands stammenden Golf-Profis haben für „Remain“, also für den Verbleib in der EU, gestimmt, seine beiden im EU-Ausland lebenden Schwestern und er selbst für den Austritt. „Aber“, schiebt er gleich mit seinem gewinnenden Lächeln hinterher, „wir haben alle trotzdem ein gutes Verhältnis zueinander.“

Mike Butcher hat für den Brexit gestimmt – obwohl doch eigentlich seine Biografie aus ihm einen glühenden Europäer hätte machen müssen. Bis zum Alter von 16 Jahren hatte er noch den Traum, Fußballprofi zu werden. Er schaffte es immerhin in die Regionalauswahlmannschaft. Parallel hatte er zwei Jahre zuvor schon mit dem Golfspielen angefangen. Als er merkte, dass er fußballerisch an seine Grenzen kam, entdeckte ein Golftrainer sein Talent und empfahl ihm, diese Laufbahn einzuschlagen. Als er das seinen Eltern erzählte, schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen, erinnert er sich. „Sie haben aber von mir verlangt, dass ich zumindest den Schulabschluss zu Ende mache. Das habe ich dann auch getan.“

Im Alter von 21 Jahren bekam Butcher ein Angebot aus Österreich: Er arbeitete als Pro in einem Golfhotel in Bad Kleinkirchheim (Kärnten), wo er Woche für Woche um die 50 angehenden Golfspieler betreute und ihnen die Platzreife abnahm. „Eine wilde Zeit“, erinnert er sich gerne, „ständig Party. Ich brauchte fast nie zu kochen, meistens wurde ich eingeladen“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. 13 Jahre blieb er in der Alpenregion, lernte Deutsch, ohne je einen Kursus besucht zu haben. „Learning bei doing“ eben. Hinzu kam, dass er während dieser Zeit seine erste Frau, eine Österreicherin, kennenlernte, mit der er eine Tochter bekam. „Wenn du verheiratet bist und mit deiner Frau Deutsch sprechen musst, lernst du schnell“, sagt Mike Butcher in einwandfreiem Deutsch, aber mit unverwechselbaren britischen Akzent.

Er ist viel herumgekommen in Europa und dem Rest der Welt, hat wohl inzwischen einige Tausend Golfamateure in die Geheimnisse des Abschlags, des Chippens und Pitchens sowie des Puttens eingeweiht. Im Verdener Golfclub ist er eine Institution. Kaum einer, der ihn nicht kennt und ihn nicht grüßt, wenn er auf den Übungsplätzen seinen Schülern mit viel Geduld das Golfspielen – angeblich die komplexeste Sportart nach Stabhochsprung – beibringt. Wenn er im Urlaub ist, dann passiert es ein ums andere Mal, dass er auf alte Bekannte trifft – wie im Urwald auf Mauritius, als sich plötzlich ein ehemaliger Golfschüler umdreht und sagt: „Mensch, Mike, was machst du denn hier?“

Mike Butcher ist zwar für den Brexit und irgendwie auch ein Europäer. Aber vor allem ist er Engländer, und das durch und durch. Inzwischen ist er auch Deutscher. Er fühlt sich wohl in diesem Land. Die Natur hier, die vielen netten Menschen, seine Familie, sein Freundeskreis – „Deutschland ist ein tolles Land“, das er nicht mehr missen möchte, sagt er. Auch sei hier im Vergleich zu England etwa die Gesundheitsversorgung und die Seniorenbetreuung „viel besser“. Aber wenn etwa England gegen Deutschland Fußball spielt, ist es für den FC-Liverpool-Fan seit Kindheitstagen keine Frage, für wen sein Herz schlägt. Wiederum: Werder-Fan ist Mike Butcher auch, er hat seit sieben Jahren eine Dauerkarte. „Wenn Werder spielt, ist es egal, gegen wen sie spielen, dann bin ich immer für Werder.“ Wie er zum Werder-Fan wurde? Es hat etwas mit Heimatverbundenheit zu tun: „Wenn du hier aus der Gegend kommst, dann kann du doch nicht HSV-Fan oder gar Bayern-München-Fan sein.“

Mike Butcher hat für den Brexit gestimmt. Einserseits. Andererseits hat er sich noch schnell einbürgern lassen, den Einbürgerungstest in fünf Minuten ausgefüllt, obwohl er dafür eine Stunde Zeit hatte und 32 von 33 Fragen richtig beantwortet. Und das nur, weil er gerade wegen des bevorstehenden Brexits um die uneingeschränkte Reisefreiheit fürchtete. Hat er sich da nicht die Rosinen rausgepickt. Mike Butcher lacht laut und sagt mit einem Schuss Selbstironie: „Rosinen picken? Aber das konnten wir Briten doch schon immer gut.“ Dem Reporter fällt unwillkürlich der Titel einer Asterix-Episode ein: „Die spinnen, die Briten.“ Mike Butcher, der immer für einen Spaß zu haben und ein toleranter Mensch ist, würde da vielleicht nicht einmal widersprechen.

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Zur Sache

Zahl der Einbürgerungen von Briten steigt sprunghaft

In Deutschland hat sich die Zahl der Einbürgerungen von Britinnen und Briten im Vergleich zu Vor-Brexit-Jahren mehr als verzehnfacht: 2017 erhielten etwa 7500 Briten die Staatsbürgerschaft. Im Jahr 2015, dem Jahr vor der Brexit-Abstimmung, waren es laut eines Artikels von „Zeit online“ nur 622 gewesen. Damit stellen die Briten nach den Türken aktuell die zweitgrößte Gruppe von Eingebürgerten in Deutschland. Dieser Trend lässt sich auch anhand von Zahlen des Landkreises Verden und des Landes Niedersachsen ablesen. Im Jahr des Brexit-Referendums (2016) wurden sechs Menschen im Landkreis Verden eingebürgert, bis September waren es dieses Jahr schon 73. Und ein Jahr vor dem Referendum war es nur ein Brite, der im Landkreis Verden eingebürgert wurde. Niedersachsenweit ein ähnlicher Trend: Laut Landesamt für Statistik wurden 2015 (vor der Volksabstimmung) 63 Menschen eingebürgert, zwei Jahre später hatte sich die Zahl mit 672 schon mehr als verzehnfacht.

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