Landwirtschaft in der Krise

Schweinehalter sind in Not

In den deutschen Ställen stauen sich knapp eine Million Schweine. Die Not der Landwirte ist groß. In der Krise werden Forderungen nach einem Systemwandel in der Landwirtschaft laut.
25.01.2021, 19:41
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Schweinehalter sind in Not
Von Nico Schnurr
Schweinehalter sind in Not

Unter anderem führten Corona-Ausbrüche in Schlachthöfen zu einer starken Überbelegung von Schweinen in deutschen Ställen.

Tom Wesse

Die deutschen Schweinehalter stehen vor großen Problemen. Über den Jahreswechsel hat der Überhang an schlachtreifen Tieren, die nicht vermarktet werden können, erneut zugenommen. Derzeit stauen sich knapp eine Million Schweine in den Ställen. Das bestätigt die niedersächsische Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-­Kinast (CDU). Sie fordert, der Schweinestau müsse zu einem Umdenken führen – in der Landwirtschaft und bei den Verbrauchern.

Der Überhang an Schweinen hat vor allem mit den Corona-Ausbrüchen in Schlachthöfen zu tun. Im vergangenen Sommer stand das Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück, wo täglich mehr als ein Zehntel aller deutschen Schweine geschlachtet werden, für mehrere Wochen still. In vielen Betrieben ist weiter nur ein eingeschränkter Betrieb möglich. Über die ganze Branche betrachtet, liegen die Schlachtkapazitäten laut Otte-Kinast derzeit bei 80 Prozent. „Das Virus ist noch zu präsent im Alltag, es wird vermutlich zu weiteren Ausbrüchen in Schlachthöfen kommen“, sagt die Landwirtschaftsministerin dem WESER-KURIER. „Der Überhang an Schweinen wird sich nicht so schnell abbauen lassen.“

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Tierschützer warnen vor dramatischen Folgen. Die Überbelegung der Ställe führe dazu, dass die Schweine nicht mehr richtig liegen könnten, sie könnten sich nicht angemessen beschäftigen, nicht alle Tiere kämen an die Futterstellen. „Die Überbelegung bedeutet Stress für die Schweine“, sagt Miriam Goldschalt, Fachreferentin für Tiere in der Landwirtschaft beim Deutschen Tierschutzbund. „Es kommt zu Verhaltensstörungen, zu gesteigerter Konkurrenz um Platz und Futter, zu vermehrten Aggressionen und Kannibalismus unter den Tieren.“

Damit der Schweinestau nicht größer wird, kommt es inzwischen seltener dazu, dass Schlachthöfe nach einem Corona-Ausbruch ganz heruntergefahren werden. Oft läuft der Betrieb mit weniger Personal und zusätzlichen Kontrollen wie Schnelltests weiter. Die Gewerkschaft NGG kritisiert die sogenannte Arbeitsquarantäne. „Es darf nicht zugelassen werden, dass wegen der wirtschaftlichen Interessen einzelner Gruppen die Beschäftigten in den Schlachthöfen gesundheitlich gefährdet werden“, sagt Matthias Brümmer, NGG-Geschäftsführer für Oldenburg und Ostfriesland.

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Die Not der Landwirte ist so groß, weil ihnen zwei Seuchen zusetzen: Seit die Afrikanische Schweinepest bei Wild­schweinen in Brandenburg nachgewiesen wurde, haben viele Länder außerhalb von Europa einen Einfuhrstopp für deutsches Schweinefleisch verhängt, darunter wichtige Märkte wie China und Japan. Wegen des Lockdowns geht auch die Nachfrage auf dem deutschen Markt zurück. Für Niedersachsen, wo ein Drittel der deutschen Schweine herkommt, ist die Krise in den Ställen damit auch eine wirtschaftliche Belastung.

„Das Preisniveau ist unterirdisch“, sagt Torsten Staack, Geschäftsführer der Inte­ressengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands. „Pro Tier machen die Landwirte derzeit etwa 50 Euro Verlust.“ Vor ­allem die Sauenhalter leiden unter den niedrigen Preisen. Die Branche steht vor einem Strukturwandel. Viele Betriebe würden ihn nicht überleben, sagt Otte-Kinast: „In den nächsten Jahren könnte die Hälfte der deutschen Sauenhalter aufgeben.“

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Das Aus vieler Sauerhalter werde zu einem Rückgang des Schweinestaus führen, weil weniger Ferkel auf den Markt kämen, sagt Staack. Auch dänische und niederländische Landwirte exportierten wegen der niedrigen Preise weniger Ferkel nach Deutschland. Es dauere, bis diese Effekte die Lage in den Ställen beruhigten, betont Otte-Kinast: „Eine Entlastung gibt es erst im Sommer.“

Für den Deutschen Tierschutzbund macht der Schweinestau deutlich, dass „das bestehende System mit der extrem eng getakteten Intensivtierhaltung an seine Grenzen stößt“. Die Organisation fordert einen „Systemwandel in der Agrarpolitik“. Es brauche kleinere Betriebe mit geringeren Tierbeständen, regionalere Schlachthöfe und andere Absatzmärkte. „Die Krise zeigt, dass der Export nicht die Zukunft der Branche sein kann“, sagt Miriam Goldschalt, „die Abhängigkeit ist zu groß“.

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Auch die niedersächsische Landwirtschaftsministerin kritisiert die Export-Orientierung. „Höher, schneller, weiter – das ist das Motto in der Landwirtschaft, so läuft die Förderung“, sagt Otte-Kinast. „Der Schweinestau zeigt, dass wir dieses Prinzip prüfen müssen.“

Schweinehalter-Vertreter Torsten Staack geht davon aus, dass die Landwirte weiter auf das Export-Geschäft angewiesen sein werden. „Die edlen Teilstücke vom Schwein will hierzulande jeder haben, den Rest aber nicht.“ Otte-Kinast fordert daher eine „Ernährungswende“ in Deutschland. „Wenn wir eine andere Landwirtschaft wollen“, sagt die Agrarministerin, „dann müssen wir uns auch so verhalten“.

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