Niedersachsens Agrarministerin im Interview

„Es braucht eine Ernährungswende“

Die Krise der Schweinehalter dauert noch Monate an, sagt Barbara Otte-Kinast. Im Interview fordert Niedersachsens Agrarministerin, der Schweinestau müsse zum Umdenken führen – bei Landwirten und Verbrauchern.
25.01.2021, 19:05
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„Es braucht eine Ernährungswende“
Von Nico Schnurr

Frau Otte-Kinast, wie hat sich die Lage in den Schweineställen über den Jahreswechsel entwickelt?

Barbara Otte-Kinast: Es gibt bundesweit einen Überhang von knapp einer Million Schlachtschweinen. Es war absehbar, dass die Zahl weiter wächst, weil die Kapazität in den Schlachthöfen noch nicht die Vor-Corona-Zeit erreicht hat und zum Beispiel über die Feiertage heruntergefahren wurde.

Vielerorts ist weiter nur ein eingeschränkter Betrieb möglich.

Die neuen Corona-Ausbrüche in Schlachthöfen besorgen mich. Über die ganze Branche betrachtet, liegen die Schlachtkapazitäten derzeit bei 80 Prozent. Das Virus ist noch zu präsent im Alltag, es wird vermutlich zu weiteren Ausbrüchen in Schlachthöfen kommen. Der Überhang an Schweinen wird sich nicht so schnell abbauen lassen.

Entspannung ist nicht in Sicht?

Woher soll die Entspannung kommen? Die Absatzmöglichkeiten bleiben außerhalb von Europa wegen der Afrikanischen Schweinepest stark eingeschränkt. Wenn der Lockdown weiter verlängert wird, sieht es auch bei uns für den Absatz von Fleisch für die Außer-Haus-Verpflegung nicht gut aus. Die Grünkohlsaison fällt im Grunde aus, Volksfeste sind nicht in Sicht. Man kann den Landwirten keinen Vorwurf machen. Eigentlich ist die Nachfrage zu dieser Jahreszeit am größten, deswegen mästen alle ihre Schweine zum Winter.

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Viele Sauenhalter stellen nun die Ferkelproduktion ein.

Die Preise für Schweine sind extrem gesunken. Viele hören auch auf, weil sie befürchten, dass sie sich die notwendigen Investitionen nicht mehr leisten können. In den nächsten Jahren könnte die Hälfte der deutschen Sauenhalter aufgeben.

Was bedeutet das?

Es werden weniger deutsche Ferkel auf den Markt kommen. Bis sich das auf den Schweinestau auswirkt, werden Monate vergehen. Eine Entlastung gibt es erst im Sommer. Dass viele Sauenhalter aufhören, dürfte aber noch langfristigere Folgen haben.

Das müssen Sie erklären.

Was in unseren Ställen passiert, haben wir vor Augen. Wir wissen, wie die Tiere gehalten und gefüttert werden. Wenn viele Sauen­halter aufhören sollten, müssten mehr ­Ferkel importiert werden. Wir verlieren den direkten Einfluss auf die Standards in der Tierhaltung, wenn alles aus dem Ausland kommt.

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Wegen des Schweinestaus wird auch über das Tierwohl in den Ställen diskutiert.

Ich habe mir sehr große Sorgen gemacht, dass der Überhang an Schweinen zulasten der Tiere geht. Inzwischen managen viele Mastbetriebe die Lage gut, indem sie Händlern und Transportfirmen Bescheid geben, bevor der Platz im Stall zu knapp wird.

Im Oktober haben Sie im ­Landtag mit einer emotionalen Rede auf die Lage der Schweinehalter aufmerksam gemacht.

Auch die Preise für Milch und Kartoffeln sind eingebrochen. Doch Kartoffeln lassen sich lagern, Milch kann man zu Pulver verarbeiten. Der Schweinemarkt dagegen ist eine Just-in-time-Erzeugung, die sich nicht mal eben stoppen lässt. Die Landwirte waren verzweifelt, viele sind es noch immer. Die Hilferufe haben mich beschäftigt. Im Landtag ist es dann aus mir herausgebrochen.

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Was lässt sich aus dieser Krise lernen?

Schweinestau und Pandemie können eine Chance sein, neu über Landwirtschaft nachzudenken. Wir sollten uns fragen, ob weiter so stark für den Weltmarkt produziert werden muss. Höher, schneller, weiter – das ist das Motto der Landwirtschaft, so läuft die Förderung. Der Schweinestau zeigt, dass wir dieses Prinzip prüfen müssen, auch als Verbraucher. Dann braucht es aber eine Ernährungswende, um das Essverhalten zu ändern.

Wie meinen Sie das?

Die Landwirte beliefern auch den Weltmarkt, weil bei uns nur Edelteile vom Schwein gegessen werden. Es braucht ein neues Bewusstsein der Verbraucher. Wenn wir eine andere Landwirtschaft wollen, müssen wir uns auch so verhalten. Deshalb ist Ernährungsbildung und Aufklärung für mich extrem wichtig. Im Sommer werde ich meine Ernährungsstrategie für Niedersachsen präsentieren. Wir können nur ­gemeinsam einen anderen Weg einschlagen.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Barbara Otte-Kinast ist seit 2017 Landwirtschaftsministerin in ­Niedersachsen. Die CDU-Politikerin lebt auf einem Hof mit Milchkühen und war lange selbst als Landwirtin tätig.

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