NS-Widerstandskämpfer Die Glorifizierung eines Wehrmachtsoffiziers

Hitler-Attentäter von Stauffenberg gilt als Symbolfigur des deutschen Widerstands gegen das NS-System. Zu Unrecht, findet Helge Hommers. Denn andere Deutsche handelten eher und hatten edlere Motive.
05.08.2018, 10:20
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Die Glorifizierung eines Wehrmachtsoffiziers
Von Helge Hommers

Groß war der Aufschrei im AfD-Lager, als deren niedersächsischer Landeschef der Jugendorganisation, Lars Steinke, den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg via Facebook als „Verräter“ und „Feigling“ titulierte. AfD-Chef Alexander Gauland wertete die Aussagen als „bodenlosen Schwachsinn“, denn Stauffenberg sei „ein Held der deutschen Geschichte“. Gegen Steinke soll jetzt völlig zu Recht ein ­Parteiausschlussverfahren eingeleitet werden.

Allgemein gilt Stauffenberg als die Symbolfigur des deutschen Widerstands gegen das NS-Regime. Doch kann jemand, der einem Menschen das Leben nehmen will und dafür bewusst andere mit in den Tod reißt, überhaupt ein Held oder gar eine Symbolfigur sein? Ja, er kann. Sofern seine Motive stimmen, und er frei von Schuld ist. Das aber ist bei dem lange Zeit so regimetreuen Wehrmachtsoffizier nicht der Fall.

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Schon vor 1933 sympathisierte Stauffenberg mit dem Führerprinzip und dem Konzept der Volksgemeinschaft. Er befürwortete den Rassegedanken. Den Kriegsbeginn hieß er willkommen, das „Ausrücken“ gen Polen empfand er als „Erlösung“. Von dort schrieb er seiner Frau: „Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk.“ Er resümierte: „Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt.“

Erst nachdem der Krieg so gut wie verloren war, wendete sich der schwäbische Adelige gegen das NS-System. Ob er es auch getan hätte, wäre die Wehrmacht weiter siegreich gewesen, erscheint fraglich. Ohnehin waren die Attentäter des 20. Juli 1944 ein ebenso bunter wie zweifelhafter Haufen: Einige waren antisemitisch, manche von ihnen Kriegsverbrecher, die brutal gegen Kommunisten vorgingen, Juden erschossen oder Geiseln ermordeten.

Hitlers Krieg zu beenden, war ihr übergeordnetes Ziel. Nach Hitlers Tod wollten aber einige von ihnen den Kampf gegen die Sowjetunion an der Seite der Westmächte fortführen. Die Verbrechen hinter der Front verurteilten sie. Vor allem, weil sie die deutsche Ehre und die der Soldaten beschmutzt sahen. Aus humanistischen Gründen entschlossen sich zumindest nicht alle von ihnen zum Attentat.

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Zudem war Stauffenberg alles andere als ein Demokrat: Er verabscheute das Parlamentswesen, glaubte nicht an eine Gleichheit der Menschen, sondern an „naturgegebene Ränge“. Deutschland sollte daher nach dem Umsturz die vorherrschende Macht in Europa bleiben. Er war Militarist, strammer Patriot, Anachronist. Kurzum: Jemand, der die heutigen Ideale der Bundesrepublik wohl kaum gutgeheißen hätte.

Andere, die versuchten Hitler auszuschalten, sind hingegen mehr oder minder vergessen. So wie der Schweizer Maurice Bavaud, der Hitler noch vor Kriegsbeginn aus nächster Nähe erschießen wollte. Vor Gericht sagte er aus, dass Hitler „eine Gefahr für die Menschheit“ sei. Dafür landete er auf der Guillotine. Der Schreiner Georg Elser beschloss, Hitler durch eine Bombe zu töten, um weitere Kriegstote zu verhindern. Hitler ließ ihn im April 1945 exekutieren. Noch vor 1933 stellte der Anwalt Hans Litten Hitler vor Gericht bloß, indem er ihn in Widersprüche verstrickte. Litten wollte zeigen, dass die NSDAP die Regeln der Demokratie missachtete. Später erhängte er sich in Gestapo-Haft.

Weder an Bavauds noch an Elsers oder Littens Todestag werden in Deutschland die Fahnen auf Halbmast gesetzt. So aber für die Attentäter des 20. Juli und im Besonderen für Stauffenberg, der gerade für die Bundeswehr als Paradebeispiel des guten deutschen Soldaten fungiert. Ihn hierfür zu glorifizieren, liegt scheinbar näher, als an die mutigen Taten anderer zu erinnern. Als Identifikationsfigur taugt Stauffenberg aber nur bedingt, denn es waren Demokratiefeinde wie er, die den Aufstieg der Nationalsozialisten erst möglich gemacht haben. Da hatten andere wie Bavaud, Elser und Litten die sich anbahnende Katastrophe längst erkannt. Ihrer sollte gedacht werden und nicht dem militärischen Nationalisten, dessen größte Sorge stets Deutschlands Ansehen in der Welt galt.

Ein Verräter oder Feigling war Stauffenberg gewiss nicht. Er hat seine jahrelange Blindheit hinterfragt, hat die richtigen Schlüsse daraus gezogen und sein Leben geopfert, weil er Hitler töten wollte. Das aber macht ihn noch nicht zu dem Helden der deutschen Geschichte, geschweige denn zu einer Symbolfigur, die über all den anderen deutschen NS-Widerstandskämpfern steht. Solchen wie Bavaud, Elser oder Litten, die sich nie blenden ließen und aus reiner Menschlichkeit handelten.

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