Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern Erwin Sellering bleibt Ministerpräsident

Für Erwin Sellering sind die Ergebnisse der Wahlnacht in Mecklenburg-Vorpommern „bedrückend“. Wie es weitergehen soll? Vorerst hält er das Spiel offen.
05.09.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Erwin Sellering bleibt Ministerpräsident
Von Bernhard Honnigfort

Für Erwin Sellering sind die Ergebnisse der Wahlnacht in Mecklenburg-Vorpommern „bedrückend“. Wie es weitergehen soll? Vorerst hält er das Spiel offen.

Das Brinkama`s in der Schweriner Altstadt ist das Lieblingsrestaurant von Erwin Sellering. Hier isst er mehrmals die Woche, hier hat er seine Hochzeit gefeiert, hier feiert der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern am Sonntagabend seinen Wahlsieg, wenn man ihn den so nennen will.

Ob ihm allerdings schmeckt, was an diesem Abend serviert wird, ist nur schwer zu sagen: Es sieht so aus, als seien auch ihm die ersten Hochrechnungen im Hals stecken geblieben. Er hat es überstanden. Wenigstens etwas. Die politische Katastrophe ist an ihm vorbeigezogen und hat vor allem CDU und Linke heimgesucht.

Nur knapper Jubel unter seinen Anhängern, als die ersten Zahlen der SPD über den Bildschirm huschen. Ein doch erschrockenes „Ui“, als der Absturz des Koalitionspartners CDU vermeldet wird. Noch ein erschrockenes „Ui“ als klar ist: Die AfD schafft aus dem Stand den Sprung unter die Volksparteien und liegt vor der CDU. „Meine Güte“, meint ein Schweriner SPD-Mann an einem Biertischchen. „Knöpfen die sich jetzt die Merkel vor?“ Die Linken eingebrochen, die Grünen, 2011 erstmals in den Lantag eingezogen, bibbern den ganzen Abend. Die NPD nach zehn Jahren klar raus, die FDP ohne Chance.

Zahlen sind „bedrückend“

Sellering ist da, der kleine Held. Klatschen, Jubel. Blaues Jacket, rote Krawatte, wie auf seinen Wahlplakaten, auf denen er versprach: „Gemeinsam Kurs halten.“ Bislang war das die CDU. „Schon bedrückend“, meint Sellering zum Zustand der CDU. „Es ist schon ein Alarmsignal, wenn die CDU hinter einer Partei landet, die gar keine Lösungen anbietet.“ Wirklich überraschend ist das aber alles nicht.

Es kam, wie es kommen musste. Sellering hat schon lange geahnt, dass es kein wirklich schöner Sonntagabend werden würde. Sehenden Auges hatten sich der seit 2008 regierende Sozialdemokrat und sein Koalitionspartner, der CDU-Innenminister Lorenz Caffier, auf einen Wahltag eingestellt, der so angenehm zu werden versprach wie eine Zahnwurzelbehandlung ohne Narkose. Einen Tag, den man tapfer überstehen musste.

Der Grund dafür hat drei Buchstaben. „Der Aufstieg der AfD bereitet mir große Sorge“, hatte Sellering in Schwerin kurz vor der Wahl noch gesagt und damit allen etablierten Parteien aus der Seele gesprochen. Aber den Aufstieg stoppen? Wie denn? Da wusste keiner ein Rezept. „Man muss die AfD demaskieren“, hatte Helmut Holter, der Linke-Spitzenkandidat, gefordert. Man müsse sie mit Argumenten stellen, hieß es aus der CDU. Dabei blieb es. Funktioniert hat es nicht.

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Freude bei der AfD

Die AfD feiert an diesem Abend auf der anderen Seite des Schweriner Schlosses, das den Landtag beherbergt. Zwischen Sellerings Lieblingsitaliener und dem Strandcafé und Partyzelt, in dem Spitzenkandidat Leif-Erik Holm und seine Mitstreiter den Abend bei Sekt und Wein genießen, liegen 30 Minuten Fußweg und Welten. Man hat gewonnen, man hat abgeräumt, aber man ist nicht durch die Decke geschossen. Holm, ein 45-jähriger ehemaliger Radiojournalist, wirkt ganz zufrieden, dass es nicht mehr geworden ist: Womöglich hätte die AfD dann Gespräche über eine Regierungsbildung aufnehmen müssen.

„Wir schreiben heute Geschichte“, ruft Holm seinen Leuten zu. Nicht so lang und breit, wie vorher erträumt. Holm hatte zwar im Wahlkampf stets angekündigt, die AfD zur stärksten Partei zu machen, mindestens im mittleren Zwanzigerbereich wollte er landen. Aber nun scheint er froh über Platz zwei hinter der SPD und vor der CDU und den Linken: „Mecklenburg-Vorpommern hat endlich wieder eine Opposition“, ruft er durch das Zelt. „Jawoll“, rufen einige zurück. „Jetzt machen wir denen Feuer unterm Hintern“, meint einer.

Wie es weitergeht? Sellering hält das Spiel vorerst offen. Möglicherweise doch mit den Linken statt der CDU. Möglicherweise Rot, Rot und auch Grün, sollte es die Ökopartei am Ende geschafft haben. Wahrscheinlich aber doch wieder CDU: Die meisten Wähler, so die Umfrageinstitute, bevorzugen das Bündnis, das seit zehn Jahren das Land regiert.

Viele sehen Schuld bei Merkel

Sellering, der 2008 das Amt von seinem Vorgänger Harald Ringstorff übernahm, muss sich offensichtlich selbst an den Gedanken gewöhnen, dass es kein wirklich durch und duch schöner Abend ist, denn auch die SPD hat deutlich verloren. Aber es hätte schlimmer kommen können – und eine Zeit lang sah es ja auch danach aus: „Es war mein schwerster und mein schönster Wahlkampf“, sagt er und seine Leute im Brinkama`s horchen auf: Schwer – das glauben alle sofort.

Der schönste? Sellering sagt, so etwas habe er auch noch nicht erlebt. Die schlechten Zahlen im Frühjahr, die Disziplin seiner Genossen, die nicht den Kopf verloren. Die liebevolle Unterstützung im Wahlkampf. Und dann der Schlussspurt, in dem die SPD doch wieder zulegen konnte. „Wunderschön“, sagt er.

Es hätte alles noch schlimmer kommen können, einerseits. Andererseits machen sich die wenigsten Schweriner Spirzenpolitiker an diesem Abend Gedanken über den Eigenanteil an dem schlechten Abschneiden der eigenen Partei. Alle laden die Schuld bei einer Dame ab, die sowieso gerade außer Landes ist: Angela Merkel ist in China. Die Flüchtlingspolitik habe alles überlagert, Bundesthemen hätten alles andere vom Tisch gedrückt. Das Land habe bei der Landtagswahl gar keine Rolle gespielt. Das Ganze sei eine klare Ohrfeige für die Bundeskanzlerin gewesen. „Was denn sonst?“

So viel SPD-Politik wie möglich durchsetzen

Was aus Lornez Caffier wird, seinem Innenminister, ist an diesem Abend unklar. Die CDU hat nichts zu feiern. Die einen reden davon, dass ihm keine Schuld anzukreiden sei. Andere davon, die Union im Nordosten brauche dringend neue Köpfe an der Spitze. Sellering will abwarten und sich die Lage „genau anschauen“.

Es komme darauf an, so viel SPD-Politik wie möglich durchzusetzen, sagt er als immer neue Zahlen über den Bildschirm sausen. „Dann kann er ja mit der CDU weitermachen“, meint ein Rostocker Genosse vergnügt, der sich bei einem Humpen Bier seine Gedanken über die Wahl macht. „Komisch“, sagt er. „Richtige Volksparteien gibt es hier oben jetzt gar nicht mehr.“

Aber wundern tut ihn das alles auch nicht. „Die Zeiten haben sich geändert, der Wind hat sich gedreht“, meint er. Schwerin ist eine kleine politische Bühne und Sellering dort eine Ausnahmeerscheinung. Die Leute mögen den 66-jährigen gelernten Verwaltungsrichter, der aus dem Ruhrgebiet in den Nordosten kam. Hätte es eine Direktwahl gegeben, niemand hätte eine Chance gegen ihn gehabt. Nun aber muss er sich aus dem Scherbenhaufen der Wahlnacht einen Partner suchen. Ganz leicht wird das nicht.

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