US-Präsidentschaftswahl 2020

Chaotische TV-Debatte von Trump und Biden

Das erste Aufeinandertreffen Donald Trumps und Joe Bidens im Wahlkampf geriert mehr zu einem Monolog als Debatte. Wie in seiner dreieinhalbjährigen Amtszeit hielt sich der Präsident an keine Regeln. Und verlor.
30.09.2020, 09:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Thomas Spang, Andrej Sokolow und Can Merey

Es gab kein Händeschütteln, keinen Small-Talk und nicht einmal ein gespieltes Lächeln. Die Kandidaten standen sich auf der Bühne der Case Western Reserve University in Cleveland auf sicherem Abstand hinter ihren Rednerpulten gegenüber. Doch zwischen dem Präsidenten und ehemaligen Vizepräsidenten lagen mehr als die zwei Meter sozialer Abstand wegen Covid-19. Trump und Biden trennten Welten.

Der in den Umfragen abgeschlagene Amtsinhaber kam mit dem Plan nach Cleveland, seinen Herausforderer zu überrollen. Nicht einmal ließ er den Demokraten zu den sechs von Fox-Moderator Chris Wallace ausgewählten Themenfeldern ungestört antworten. Eine Regel, auf die sich beide Seiten verständigt hatten.

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Tump redete viel, laut und über seinen Gegner hinweg. Das erwies sich in den ersten fünfzehn Minuten als effektiv, weil er Biden einfach nicht zu Wort kommen ließ. An einer Stelle sah sich Wallace genötigt, Partei zu ergreifen. Beide Seiten hätten vereinbart sich die ersten beiden Minuten bei jedem Thema ausreden zu lassen. „Warum halten Sie sich nicht daran.“

Biden beschimpfte den Präsidenten als „Putins Welpe“

Der ehemalige Vizepräsident bemühte sich seinerseits darum, die Fassung zu wahren. Das gelang Biden weitgehend, aber nicht immer. „Können Sie mal die Klappe halten“, sagte er an einer Stelle entnervt über den polternden Bully rechts neben ihm. An anderer Stelle nannte er den Präsidenten „einen Clown“ oder bezeichnete ihn als „Rassisten“ und „Putins Welpen“.

Das Konzept der TV-Debatte war eigentlich, jeweils 15 Minuten lang sechs Themenblöcke zu diskutieren. Der Moderator stellt eine Frage, die Kandidaten haben jeweils zwei Minuten für ihr Statement, danach folgt eine offene Diskussion. Diese Struktur fiel schnell auseinander.

Die Chaos-Strategie Trumps verhinderte effektiv einen substanziellen Dialog der beiden Kontrahenten um das mächtigste Amt der Welt. Dan Balz spricht in der Washington Post von der „schlimmsten Präsidentschaftsdebatte seit Gedenken“. Wohl wahr. Es gab während der 90 Minuten kaum erhellende Momente, dafür umso mehr Beleidigungen. Allen voran vom Amtsinhaber, der seinen Fehler mit einem persönlichen Angriff auf Bidens Familie beging.

Der Herausforderer erwähnte den Militärdienst seines an einem Gehirntumor verstorbenen Sohn Beau im Irak. Dieser sei - anders als Trump über Soldaten gesagt habe - „kein armer Schlucker oder Verlierer“, sondern wie seine Kameraden ein Held. Der Präsident kritisierte dagegen den jüngeren Biden-Sohns Hunter, der bei der ukrainischen Gasfirma Burisma einst einen gut bezahlten Job hatte und angeblich Geld aus Russland angenommen habe. Er sei stolz auf seinen Sohn Hunter, der ein Suchtproblem in den Griff bekommen und nichts falsch gemacht habe, entgegnete Biden.

Mit dem Fehlen jeglicher Anteilnahme unterstrich Trump sein Image als gefühlskalter Narzisst, der die Welt nur durch die Machtbrille sehen kann.

Austausch über den Umgang mit weißem Nationalismus

Als nicht minder schädlich dürfte sich der Austausch über den Umgang mit weißem Nationalismus und Rechtsextremismus in den USA erweisen. Nachdem Trump seinen Herausforderer beim Thema Gewalt in den Städten ein wenig in die Defensive gebracht hatte, verspielte er den Vorteil mit der denkwürdigen Weigerung, sich von Neonazis und weißen Rassisten zu distanzieren.

Wallace hakte gezielt nach, ob der Präsident sich von Gruppen wie den „Proud Boys“ in Portland distanzieren würde. „Proud Boys, haltet Euch zurück und steht bereit“, verkündete Trump und fügte hinzu „einer muss etwas gegen die Antifa und die Linke tun“.

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Die Frage nach seiner geringen Steuerlast von nur 750 US Dollar an Einkommenssteuern in den Jahren 2016 und 2017 wich Trump aus. Zunächst behauptete er, „Millionen an Steuern gezahlt zu haben.“ Dann lobte er sich für seine Fähigkeit, sich arm zu rechnen.

Eine Frage drehte sich auch um die aktuell laufende Neubesetzung des Posten der verstobenen Richterin Ruth Bader Ginsburg am Obersten Gericht der USA aus. Daraus wurde schnell eine Debatte über das Gesundheitswesen in der USA, weil Biden argumentierte, dass mit der von Trump vorgeschlagenen Richterin Amy Coney Barrett die Gesundheitsreform von Präsident Barack Obama zu Grabe getragen würde. Biden will, dass erst der Sieger der Wahl die Ginsburg-Nachfolge regelt. Trump konterte, er sei immer noch Präsident: „Wir haben die Wahl gewonnen, und wir haben das Recht, das zu machen.“

Biden sprach auch zu denen, die ihren Job verloren haben in einer Präsidentschaft, die mit weniger Arbeitsplätzen endet als sie begonnen hatte. Und er richtete sich an die Millionen Amerikaner, die fürchten, ihre Versicherung zu verlieren, weil Trump Obamacare unterminiert.

Umgang mit der Corona-Krise sorgte für Streit

Auch eine zentrale Frage für die USA - der Umgang mit der Corona-Krise - sorgte für Streit. „Er will einen Shutdown dieses Landes, und ich will es offen halten“, sagte Trump. Biden konterte, Trump habe sich „völlig unverantwortlich“ verhalten und so Tausende von Menschenleben gefährdet. Grenzschließungen, Beatmungsgeräte, Impfbereitschaft, Abstand halten, Masken - die Fernsehdebatte sprang von einem zum anderen Streitthema der Corona-Krise.

Biden betonte, dass er als Präsident zum Tragen von Masken ermutigen würde, weil das viele Menschenleben retten könne. Trump warf ein, dass einige den Nutzen von Masken bestreiten. „Keine ernsthafte Person hat das Gegenteil gesagt“, konterte Biden.

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Biden richtete sich wiederholt mit direkten Appellen in die Kameras an die Zuschauer daheim. Effektiv sprach er über die leeren Stühle am Abendtisch, weil ein Familienmitglied zu den 200.000 Covid-Toten gehört, für die Trump verantwortlich sei. „Er hat gewartet und gewartet und gewartet. Er hat noch immer keinen Plan.“

Sein Fazit bei Wahlen, die sich als Referendum über den Amtsinhaber abzeichnen? Das Land sei „kranker, armer, mehr geteilt und gewalttätiger“ geworden. Direkt an Trump gerichtet, fügte Biden hinzu: „Sie sind der schlimmste Präsident, den Amerika je hatte.“

In der Corona-Krise sei es Millionären und Milliardären wie Trump gut ergangen, „aber Ihr Leute zuhause, wie geht es Euch?“, sagte Biden in die Kamera. Es ist ein klassischer Zug in TV-Debatten in Amerika, seit Ronald Reagan die Zuschauer aufrief, darüber nachzudenken, ob es ihnen besser gehe als vor vier Jahren. Trump wiederholte unterdessen, dass er die beste Wirtschaft in der Geschichte des Landes aufgebaut habe.
Ein eher überraschender Moment kam als Trump in der Debatte den Einfluss des Menschen auf den Klimawandel einräumte - zumindest teilweise. Auf die Frage, ob er glaube, dass Umweltverschmutzung und Treibhausgase zur Erderwärmung beitrügen, sagte der Präsident: „Viele Dinge tun das, aber in einem gewissen Ausmaß: ja.“ Trump sagte, die Waldbrände an der US-Westküste hätten ihre Ursache auch darin.

Integrität der Wahlen

Erhellend und deprimierend zugleich geriet das Ende der Debatte, in der es um die Integrität der Wahlen ging. Trump sah wie ein schlechter Verlierer aus als er vorsorglich über die angeblichen Betrügereien bei der Briefwahl fantasierte.

Nichts von dem, was Trump sagte, hatte dabei etwas mit der Realität zu tun, wie sie die amerikanischen Sicherheitsbehörden und unabhängige Experten immer wieder bestätigen. Während Biden versicherte, die Wahlergebnisse zu akzeptieren, stellte er eine mögliche Niederlage als Beleg für einen Wahlbetrug dar. Es werde "einem Betrug geben, den man noch nicht gesehen hat“.

Mehrheit sieht Biden als Sieger

Analysten bezweifelten, dass es der in Umfragen weit abgehängte Präsident mit diesem Auftritt schaffte, dem Rennen eine andere Richtung zu geben. Die Blitzumfrage von CNN bestätigte den Eindruck auf der Mattscheibe. 60 Prozent der Befragten erklärten, Biden habe die Debatte gewonnen, 28 Prozent Trump.

Die erste TV-Debatte hat eine große Mehrheit der Amerikaner vor allem als anstrengend empfunden. Befragt nach ihrem überwiegenden Gefühl beim Anschauen der Debatte antworteten in der CBS-Blitzumfrage mehr als zwei Drittel (69 Prozent), die Diskussion habe sie vor allem verärgert. Nur 31 Prozent fühlten sich davon unterhalten. In der Umfrage mit mehreren Antwortmöglichkeiten gaben zudem 19 Prozent an, sie seien nach der Sendung pessimistisch. Lediglich 17 Prozent erklärten, die Debatte sei für sie informativ gewesen.

Auch den Ton der Diskussion, bei der vor allem der republikanische Amtsinhaber Trump seinem Herausforderer wiederholt ins Wort fiel, empfanden 83 Prozent der Befragten als negativ, nur 17 Prozent als positiv.

Auf die Frage, wer die Debatte gewonnen hat, nannten bei CBS 48 Prozent Biden und 41 Prozent Trump. Rund zehn Prozent bewerteten den Ausgang als unentschieden.

Damit steht es 1:0 nach der ersten von drei Debatten. Ob die beiden nächsten noch stattfinden, wird von einigen Experten hinterfragt. Der Kolumnist Dana Milbank merkte an, „nur die Proud Boys können auf Trumps Hooligan-Verhalten in der Debatte stolz sein.“ Aus dem Team Biden verlautete: Der Kandidat werde jede Gelegenheit nutzen, zu den Wählern zu sprechen. Selbst, wenn er kaum zu Wort kommt.

++ Dieser Artikel wurde um 8.46 Uhr aktualisiert. ++

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