Wissenschaft und Klimawandel Warum sich eine AWI-Forscherin bei Extinction Rebellion engagiert

Melanie Bergmann ist angesehene AWI-Forscherin und Aktivistin. Wie passt das zusammen? Unterwegs mit einer Wissenschaftlerin, die rebelliert. Gegen die träge Politik. Und vor allem gegen die eigene Ohnmacht.
18.01.2020, 21:18
Lesedauer: 7 Min
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Warum sich eine AWI-Forscherin bei Extinction Rebellion engagiert
Von Nico Schnurr

Kurz vor Osterholz-Scharmbeck schreckt der Mann von seinem Sitz hoch. Er schiebt die Kopfhörer von den Ohren, sie landen auf seinen Schultern. Stören gerade. Er will der Frau im knielangen Kittel zuhören, die durch das Zugabteil läuft. Sie sagt, sie wolle nichts verkaufen. Stattdessen hält sie ein Pappschild hoch und ruft, dass die Zeit abläuft, um die Katastrophe abzuwenden. Wie bitte? Zwei Studenten, die auch im Abteil hocken, schauen hinter ihren Mappen auf. Eine ältere Frau hört auf, an ihrem Schal zu stricken. Sie lehnt sich über ihren Sitz, mal sehen, was da im Gang vor sich geht.

Mittwochabend, kurz vor 18 Uhr. Ein paar Tage bevor in Madrid die nächste Weltklimakonferenz scheitert, rauscht die Regionalbahn 8 von Bremerhaven nach Bremen, ein Zug voller Pendler. Draußen ziehen Laternenlichter verlassener Dorfbahnhöfe vorbei. Drinnen, im Waggon B, läuft Melanie Bergmann durch das untere Abteil und klärt die Mitreisenden über die Klimakrise auf.

Sie hat sich einen Laborkittel übergeworfen, damit allen klar ist, dass hier eine Wissenschaftlerin spricht. Bergmann schaut über die Sitzreihen und sagt, dass die Emissionen sinken müssten, schon bald. Sonst werde man die Erderwärmung nicht auf zwei Grad im Vergleich zum Beginn des Industriezeitalters begrenzen können. Jeder, sagt Bergmann, könne etwas tun, um das verhindern. Und im Zugabteil legen sie ihre Kopfhörer beiseite, die Strickwolle, die Notizen aus der Uni.

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Die Regionalbahn 8 rollt gerade in Osterholz-Scharmbeck ein, als Bergmann den Pendlern nahelegt, weniger Fleisch zu essen und seltener zu fliegen. Dann ruft sie dazu auf, im Umfeld über den Klimawandel zu sprechen, Demonstrationen zu besuchen, Parteien zu wählen, die sich fürs Klima einsetzen. Spricht so eine Wissenschaftlerin oder eine Aktivistin?

Melanie Bergmann, 48, ist beides. Die Meeresbiologin forscht in Bremerhaven, am ­Alfred-Wegener-Institut. Sie untersucht, wie Plastikmüll die arktische Tiefsee verschmutzt. Das Thema ist angesagt, Medien aus dem ganzen Land wollen mit ihr darüber sprechen. Bergmann zählt aber nicht nur zu den bekanntesten Stimmen des Instituts, sondern auch zu den lautesten, wenn es darum geht, Haltung zu zeigen. Sie macht das nahezu pausenlos.

Kostümieren für den Klimaprotest

Auf Twitter, wo ihr Tausende folgen. In der Bremerhavener Innenstadt, wo sie sich manchmal in der Mittagspause vor eine Kirche stellt und Passanten vor den Folgen der Klimakrise warnt. Auf dem Heimweg, im Zug vor Pendlern. Auch nach Feierabend setzt sie sich für eine radikalere Klimapolitik ein, bei Scientists for Future, der Gruppe von Wissenschaftlern, die den Schülerprotest unterstützt. Und bei Extinction Rebellion, einem Bremer Ableger der umstrittenen Klimabewegung aus Großbritannien. Die Wissenschaftlerin Bergmann war eine der ersten, die den Protest der roten Rebellen nach Deutschland geholt hat. Wie passt das zusammen?

Bremer Innenstadt, ein Nachmittag im November. Der Klomann in der Kontorhaus-Passage ist irritiert. Ein Menschenpulk schiebt sich auf die Damentoilette, ein Kamerateam folgt ihnen. Bevor der Klomann etwas sagen kann, drückt Bergmann ihm einen Fünfer in die Hand und zieht die Tür hinter sich zu. Der Toilettenraum ist eng, ein Dutzend Aktivisten von Extinction Rebellion drängt sich um sechs Waschbecken. Kostümieren für den Klimaprotest.

Bergmann pfriemelt Tücher aus einer Sporttasche, Jacken und Pullover, alles in Blutrot. Kajalstifte und Schwämme wandern durch den Raum. Bergmann nimmt einen und tupft über Wangen und Stirn, bis eine weiße Puderschicht ihr Gesicht überzieht. Der Klomann kommt rein, sieht die herumliegenden Schwämme und Tücher und will nun mehr Geld. Bergmann beruhigt ihn, er zieht ab, das Kamerateam hinterher.

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„Was wollten die Fernsehleute wissen“, fragt Bergmann.

„Warum wir alle Rot tragen“, antwortet eine Aktivistin.

„Und?“

Die Aktivistin: „Ich habe gesagt: Weil Rot das Blut der aussterbenden Arten symbolisiert.“

Bergmann: „Das klingt gleich wieder so sektenmäßig.“

Sie kennt die Vorwürfe. Bergmann hadert selbst mit Extinction Rebellion, zumindest mit der britischen Gruppe und ihrem Gründer Roger Hallam, der den Holocaust verharmlost hat und auch sonst durch Tabubrüche auffällt. Warum wirft sie sich trotzdem ins rote Kostüm? „Als Wissenschaftlerin stoße ich mit den Fakten aus der Forschung an Grenzen, damit erreiche ich die Leute kaum“, sagt Bergmann, „also muss ich es eben auch auf eine emotionale Art versuchen.“

Pantomime als Protest

Es dämmert schon, als sich die kreideweiß geschminkten Klimaaktivisten, in rote Gewänder gewickelt, aus dem Toilettenraum zwängen. Draußen verteilt einer Grablichter, „keine Sorge“, sagt er, „die sind kompostierbar“. Bergmann hält eine kurze Ansprache, dann lässt sie den Schleier ihres Kopfschmucks herunter, und die Gruppe setzt sich in Bewegung. Auf dem Marktplatz warten mehr als 100 Aktivisten, die kein Rot tragen, aber auch zur Bewegung gehören. Sie liegen auf dem kalten Pflaster, regungslos. Vor ihnen flackern Kerzen. Sie sind so angeordnet, dass sie eine Sanduhr bilden. Ein Song hallt aus den Boxen, „this is an emergency“, dies ist ein Notfall, dröhnt es, als Bergmann und die anderen Roten über den Platz wogen. Vor dem Roland halten sie an. Bergmann kniet sich hin und ballt die Faust. Durch den Schleier sieht man in das Gesicht einer Trauernden. Sie schweigt. Pantomime als Protest.

Die Bewegung hält sich nicht mit inhaltlichen Details auf, sie sucht den Superlativ. ­ Extinction Rebellion, das steckt schon im Namen, kämpft gegen die Auslöschung, es geht um die Apokalypse. Kein wirklich wissenschaftliches Motiv. Die Forscherin Bergmann macht dennoch mit. Kann sie das so einfach trennen, Aktivismus und Wissenschaft? „Ich bin schon ein und dieselbe Person“, sagt Bergmann, „ich bin ja nicht schizophren.“ Sie will gar nicht trennen. Für Bergmann bedingt das eine das andere. „Wenn ich als Wissenschaftlerin nicht gehört werde, muss ich mir anders Gehör verschaffen“, sagt sie, „die Fakten in die Gesellschaft zu tragen, wie auch immer, das ist auch eine Aufgabe der Wissenschaft.“

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Wie politisch darf die Wissenschaft sein? Seit über die Klimakrise diskutiert wird, bringen sich immer mehr Forscher ein. Und sie werden dazu nicht nur von Fridays for Future ermutigt. Auch das Bundesforschungsministerium stärkt in einem neuen Grundsatzpapier Wissenschaftler, die sich einmischen. Ob das über fachliche Aussagen hinaus passieren soll, ist umstritten. Wissenschaft liefert selten definitive Erkenntnisse, sie schafft Fakten mit einigem Wenn und Aber. Wer daraus politische Botschaften ableite, meinen Kritiker, der spitze automatisch zu.

Antje Boetius sieht das etwas anders. Die Meeresbiologin lebt als Direktorin am Alfred-Wegener-Institut vor, wie sich Wissenschaftler in Klimafragen einbringen können. „Der Klimawandel ist mittlerweile auch in Deutschland da, uns läuft die Zeit weg“, sagt sie, „viele Warnungen der Wissenschaft finden noch nicht den Weg in die Gesetzgebung. Wir müssen noch mehr tun, um die Rolle der Wissenschaft in der öffentlichen Debatte auszufüllen.“

Bremerhaven, Alfred-Wegener-Institut. Ein nebelverhangener Morgen. Möwengekreische, Schiffsbrummen. Bergmanns Büro liegt im ersten Stock, ein schmaler Raum mit Hafenblick. An der Wand Bilder von Tiefseefischen, auf dem Tisch eine Ausgabe der „Emma“, darauf Aktivistin Carola Rackete. Bergmann deutet auf eine Regalwand. Zwischen Aufsätzen und Aktenordnern lagert Müll. Luftballonschnüre, Gummischläuche, Kaffeedosendeckel. Manche Teile haben ihr Kreuzfahrttouristen geschickt, viele hat sie selbst in der Arktis gesammelt. Zuletzt ist sie im Oktober 2018 dort gewesen, sie weiß das noch genau.

Machtlos in der Arktis

Bergmann arbeitet damals an Bord der ­„Merian“, das Schiff schiebt sich schon seit Wochen durchs Eis. Gerade gleitet es vor Spitzbergen, als Bergmann etwas liest, das ihr Leben verändern wird. Der neue Bericht des Weltklimarats ist erschienen, Bergmann fliegt über die Seiten, und ihr schießen Tränen in die Augen. Auf einmal, erinnert sie sich, wird ihr klar, „wie drastisch wir uns verändern müssen“. Der Bericht stürzt sie in eine Krise, auch weil er sich mit dem deckt, was sie seit Wochen sieht.

Die dünne Eisdecke, die später zufriert. Der Müll auf dem Meeresboden, den ihre Unterwasserkameras aufnehmen. Sie forscht und forscht und nichts passiert, alles wird bloß schlimmer. Bergmann hockt auf einem Schiff in der Arktis und fühlt sich machtlos. Einige Wochen später steht die Wissenschaftlerin in Bremen auf der Straße. Frau Bergmann rebelliert. Gegen die träge Politik. Und vor allem gegen die eigene Ohnmacht.​

Extinction Rebellion also. Bergmann befürwortet zivilen Ungehorsam. Auf Twitter beklatscht sie, wenn Aktivisten den Eingang des Siemens-Werkes blockieren. Sie macht nicht mit, der Job. Stattdessen wirft sie sich ins blutrote Kostüm. „Erzeugt Aufmerksamkeit, ohne dass ich gleich verhaftet werde.“ Forscherverträglich. Findet sie. Und wenn ihr Institut das anders sieht? „Mir egal“, sagt Bergmann, „ich mache das für mich und meine Kinder.“ Tatsächlich räumt Direktorin Boetius ihren Mitarbeitern große Freiheiten ein. Protest? „Privatangelegenheit“, sagt sie. Es sei denn, die Forscher halten Vorträge auf Demos, „dann kann das sogar Teil unserer Arbeit sein“.

Mittagspause am Alfred-Wegener-Institut, ein Konferenzraum. Ein Dutzend Forscher sitzt vor aufgeklappten Brotdosen und Laptops und plant die nächsten Aktionen. Bergmann ist auch da. Sie hat die AWIs for Future mitgegründet, eine Untergruppe der Wissenschaftler, die den Schülerprotest stützen. Bergmann kaut an einem Kugelschreiber, sie ist angespannt. Sie will etwas vorschlagen.

„Wie wäre es, wenn wir den Heimweg im Zug nutzen, um mit Pendlern über den Klimawandel zu sprechen?“

Jemand fragt zurück: „Und wenn alle sofort sagen: Halt die Klappe?“

Bergmann sagt: „Dann gehen wir eben in den nächsten Waggon.“

Antwort aus der Runde: „Wir sollten das nicht alleine machen, falls jemand aggressiv wird.“

„Die Leute müssen sich mit der Klimakrise beschäftigen“, antwortet Bergmann, „und im Zug kann immerhin keiner abhauen.“

„Der Klimawandel ist keine Psychose“

Eine Woche später läuft Bergmann im Laborkittel durch die Regionalbahn 8. Als der Zug in Bremen einfährt, hat sie gerade ihre zweite Rede hinter sich. Applaus von den Pendlern, kein Ärger. Bergmann ist erleichtert. Sie musste sich überwinden, „eigentlich bin ich überhaupt nicht der Typ für so was“. Sie macht es trotzdem. Was wäre auch die Alternative?

Bergmann steht am Fenster ihres Bremerhavener Büros. Trübe Aussicht, Nebel. Sie erzählt von einem Forscherkollegen, der zum Psychologen gegangen ist, weil er die Ergebnisse seiner Arbeit nicht verkraftet. „Die konnten ihm nicht helfen“, sagt Bergmann, „das Problem spielt sich nicht in seinem Kopf ab, der Klimawandel ist keine Psychose, er ist real.“ Pause, Blick raus zum Nebel. „Es ist, wie es ist“, sagt Bergmann, „und wir Forscher müssen Wege finden, um damit klarzukommen.“ Sie hat ihren gefunden. Ihr ist egal, wie die anderen damit klarkommen.

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