Serie "Psyche und Pandemie"

Wo Bremerinnen und Bremer Hilfe in Krisenzeiten finden

Die mentale Belastung vieler Menschen ist durch die Corona-Pandemie deutlich größer geworden. Hier finden Sie einen Überblick über Hilfsangebote in Bremen und umzu.
16.06.2021, 03:00
Lesedauer: 5 Min
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Wo Bremerinnen und Bremer Hilfe in Krisenzeiten finden
Von Frieda Ahrens
Wo Bremerinnen und Bremer Hilfe in Krisenzeiten finden

Der erste Termin in einer Praxis wird durch eine Terminvergabestelle der kassenärztlichen Vereinigung geregelt. (Symbolbild)

tommaso79 via www.imago-images.d
Inhaltsverzeichnis

Triggerwarnung: In dieser Serie werden sensible Inhalte rund um psychische Erkrankungen bis hin zu Suizidgedanken thematisiert.

Der zweite Corona-Lockdown war für viele Menschen psychisch belastender als der erste. Das zeigen Daten von Ende März der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. 71 Prozent der Bundesbürger empfinde die Situation im zweiten Lockdown bedrückend. Im ersten Lockdown waren es 59 Prozent, im Sommer 2020 sogar nur 36 Prozent – dann kamen ab Oktober neue Einschränkungen, Verschärfungen, monatelang. Die Folgen des Ganzen, sagen viele Psychotherapeuten, werden sie in ihren Praxen noch lange beschäftigen. Der WESER-KURIER bietet einen Überblick über Anlaufstellen, an die sich Bremerinnen und Bremer wenden können, wenn sie sich psychisch angeschlagen fühlen.

Selbsthilfegruppen

Auf der Webseite des Selbsthilfe-Netzwerk Bremen-Nordniedersachsen gibt es einen Wegweiser für Selbsthilfegruppen in Bremen und umzu. Dort kann man online die verschiedenen Angebote durch schauen, zu jeder Selbsthilfegruppe gibt es eine kurze Erklärung. Auch telefonisch kann man das Netzwerk unter 0421 704581 erreichen und sich beraten lassen.

Sabine Bütow, Geschäftsführerin des Netzwerkes in Bremen, berichtet, dass die Zahl der Anfragen bei der Telefonberatung im Jahr 2020 deutlich angestiegen sei. "Es sind nicht nur mehr Anrufe bei uns eingegangen, sondern die einzelnen Gespräche sind auch deutlich länger als früher", so Bütow. Das geht auch aus dem Jahresbericht des Netzwerkes hervor: "Mittellange Gespräche ergaben sich schnell, weil neben einem Grundproblem häufig der Umgang mit der eigenen Isolation und der Einsamkeit mit angesprochen wurden."

Beratungsstellen

Das Gesundheitsamt hat auf seiner Website eine Auflistung der Hilfesangebote in Bremen und in Bremerhaven. Dort sind viele Anlaufstellen aufgeführt: von Selbsthilfegruppen über Hilfen für Angehörige, Wohnmöglichkeiten, verschiedene Psychiater, ambulante Angebote, Kontaktdaten verschiedener Notaufnahmen. Akute ambulante Hilfe wird in Bremen unter anderem über das Nachtcafé angeboten, stationäre Aufenthalte laufen über die Notaufnahme des Klinikums-Ost.

Helfen können neben den Einrichtungen vor Ort auch telefonische Angebote. In Bremen gibt es für jeden Bezirk eine Rufnummer, die wochentags von 8.30 Uhr bis 17 Uhr erreichbar ist: 

  • Mitte (Mitte, Häfen): 0421 80058210
  • Nord (Burglesum, Vegesack, Blumenthal): 0421 66061234
  • Ost: (Östliche Vorstadt, Schwachhausen, Vahr, Horn-Lehe, Borgfeld, Oberneuland, Osterholz, Hemelingen): 0412 4081850
  • Süd (Neustadt, Obervieland, Huchting, Woltmershausen, Seehausen, Strom): 0421 222130
  • West (Blockland, Findorff, Walle, Gröpelingen): 0421 2221410

Von 17 bis 21 Uhr und am Wochenende von 8.30 Uhr bis 17 Uhr erreichen alle Bremerinnen und Bremer die telefonische Krisenhilfe unter 0421 80058233. Nachts von 21 Uhr (am Wochenende ab 17 Uhr) bis 8.30 Uhr unter 0421 95700310. In Bremerhaven ist der Sozialpsychiatrischer Dienst des Gesundheitsamtes unter 0471 5902655 zu erreichen. Diese Nummern sind auch auf der Übersicht der Psychotherapeutenkammer Bremen zu finden. Die Kammer bietet auf ihren Internetseiten eine Liste der Beratungsstellen in Bremen und Bremerhaven an.

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Angebot für Personal aus dem Gesundheitsbereich

Besonders belastet durch die Corona-Pandemie wurden die Mitarbeitenden im Gesundheitsbereich. "Für diese Menschen aus aus helfenden medizinischen Berufen haben wir von der Psychotherapeutenkammer Bremen mit der Gesundheitsbehörde, der kassenärztlichen Vereinigung und der Berufsgenossenschaft Unfallambulanz ein Angebot geschaffen, um kurzfristig entlastende Hilfe zu bekommen", erzählt Psychotherapeut Christoph Sülz im Interview mit dem WESER-KURIER.

Das Projekt soll den betroffenen Menschen die Chance bieten, ohne lange Wartezeit einen Termin zu bekommen. "Angesprochen sind Beschäftigte, die in Krankenhäusern, Altenpflegeeinrichtungen, Wohnheimen, aber auch in der Drogennotfallhilfe, der ambulanten psychiatrischen Versorgung oder ähnlichen Bereichen arbeiten", erklärt Pressesprecher Lukas Fuhrmann des Gesundheitsressorts.

Online-Kurse

Wie viele Bereiche des Lebens hat die Pandemie auch Therapiesitzungen in den virtuellen Raum verlagert. An langen Wartezeiten für Therapiebedürftige hat diese Veränderung allerdings nichts geändert. Die Online-Plattform Selfapy will an diesem Punkt Abhilfe schaffen, indem sie leicht zugängliche Online-Kurse mit der Hilfe von Experten anbietet.

"Die Mission ist, psychologische Hilfe für alle flexibel und frei zugänglich möglich zu machen", sagt Nora Blum, eine der drei Gründerinnen von Selfapy. Die Kurse funktionieren über Videos, Texten, Podcasts und Übungen, die auf Methoden der Verhaltenstherapie basieren. Psychische Probleme sollen so schon in der Wartezeit auf einen Therapieplatz aktiv angegangen werden können.

Im Dezember 2020 wurde der Kurs, der Depressiven helfen soll, vorläufig durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zertifiziert. Ärzte können ein Rezept für den Kurs ausstellen, die Kosten werden von allen gesetzlichen Krankenkasse übernommen. Gleiches soll künftig auch für Kurse zu Angst und Panik möglich sein. Der Depressionskurs ist auf drei Monate ausgelegt, zwölf Module in zwölf Wochen. Feste Kurszeiten gibt es nicht: Man bekommt den Zugang zum Kurs und Module zeitlich flexibel durchlaufen.

Als Ersatz für eine klassische Therapie sollte man diese Kurse nicht wahrnehmen, sagt der Bremer Psychotherapeut Christoph Sülz im Gespräch mit dem WESER-KURIER. "Unterstützend" könnten Angebote wie Selfapy aber durchaus hilfreich sein.

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Psychotherapie

Bevor man das Anrecht auf einen Therapieplatz hat, muss eine Erstberatung wahrgenommen werden. Hier wird eingeschätzt, ob ein Therapieplatz überhaupt notwendig ist und wenn ja, welche Art der Behandlung die passende ist. Die Kassenärztliche Vereinigung Bremen koordiniert die Terminvergabe für so eine Erstberatung. "Sie arbeitet mit dem Ziel, innerhalb einer Woche einen Termin für eine psychotherapeutische Sprechstunde innerhalb der nächsten vier Wochen zu vermitteln", sagt, Lukas Fuhrmann, Sprecher des Gesundheitsressorts.

Eine erste Anlaufstelle kann auch die Hausärztin oder der Hausarzt sein, dort können Kontakte zu Psychotherapeuten in der Nähe vermittelt werden. Es gibt insgesamt 459 Psychotherapeuten für Erwachsene in der Stadt Bremen, 46  in Bremerhaven. Für Kinder gibt es in Bremen 134 Psychotherapeuten, weitere 17 sind in Bremerhaven ansässig. Eine genaue Suche nach Therapeuten bietet auch die Seite der Kassenärztliche Vereinigung Bremen, aufgeteilt nach Stadtteilen. Die Seite der Psychotherapeuten-Kammer Bremen bietet einen Überblick über die möglichen Wege in eine Psychotherapie.

Bundesweite Angebote

Die deutsche Depressionshilfe bietet auf ihrer Webseite Wissensangebote, einen Selbsttest und Adressen rund um das Thema Depression an. Außerdem ist sie deutschlandweit und kostenfrei über das Info-Telefon Depression erreichbar: 0800 3344533. Ebenso rund um die Uhr und bundesweit erreichbar ist die Nummer der Telefonseelsorge: 0800 1110111 oder 0800 1110222. Anrufer können sich hier auch anonym beraten lassen.

Eine Übersicht über Rufnummern im Bereich Hilfe für Kinder, Jugendliche und Frauen bietet die Seite der deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung.

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