Teilsperrung der Lesumbrücke

Achtung, Baustelle!

Seit Sonntag kommen sich Autos und Lastwagen auf der A 27 bei Bremen-Nord näher als bisher. Die Lesumbrücke ist nur noch auf einer Seite befahrbar. Was Behörden planen und Unternehmen befürchten.
17.12.2018, 17:46
Lesedauer: 6 Min
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Achtung, Baustelle!
Von Christian Weth
Achtung, Baustelle!

Erst wurde die Zahl der Fahrspuren reduziert, jetzt kommen sich Autos und Lastwagen auf der Lesumbrücke der A 27 näher als sonst: Seit Sonntag wird nur noch auf einer Seite der Brücke gefahren.

Wer in Richtung Hannover will, wechselt auf die Fahrbahnen, die vorher ausschließlich für den Verkehr nach Bremerhaven vorgesehen waren. Damit soll der ältere Teil der Brücke entlastet werden, an dem akute Schäden festgestellt wurden. Mehrere Monate soll die Baustelle bleiben. Jedenfalls zunächst. Was Behörden planen – und wie Unternehmen mit der Situation umgehen. Ein Überblick.

Das Verkehrsressort: Seit Wochen wird der Spurwechsel auf der Brücke vorbereitet. Arbeiter haben die mittlere Leitplanke entfernt. Dafür wurden die inneren Fahrbahnen in beiden Richtungen gesperrt – und aus sechs Spuren vier. Inzwischen stehen die Signalbaken an anderer Stelle. Die ältere Brückenseite ist allein für Baufahrzeuge vorgesehen. Sie werden in den nächsten Monaten Beton wegfahren und Geräte bringen. Die Stahlträger, sagt Jens Tittmann, werden freigelegt. Nach Angaben des Sprechers von Verkehrssenator Joachim Lohse (Grüne) sind Hunderte Meter Schweißnähte zu überprüfen.

Auch ein spezielles Institut ist eingeschaltet. Experten für Tragfähigkeit sollen letztlich sagen, ob die Stahlträger saniert werden können oder eben nicht. Laut Tittmann haben Ingenieure vorsorglich begonnen, einen Neubau zu planen. Und eine Behelfsbrücke, die genutzt werden soll, bis die neue fertig ist, gleich mit. Wie lange der Nordbremer Bereich der A 27 Baustelle bleibt, wenn ein Ersatz für die alte Lesumbrücke geschaffen werden muss, darüber kann der Senatorensprecher nur spekulieren. Auch deshalb, weil nicht die Bremer Verkehrsbehörde für die Brücke verantwortlich ist, sondern der Bund.

Das Busunternehmen: Jan Peer von Rahden rechnet anders als die Verkehrsbehörde. Nicht mit einer Brückenbaustelle, die monatelang bleibt, sondern jahrelang. Der Busunternehmer kann sich nicht vorstellen, dass selbst eine Reparatur der Stahlträger in kürzerer Zeit zu schaffen ist. Von einem Neubau ganz zu schweigen. Er geht davon aus, dass es vor den nächsten Sommerferien keine Entscheidung geben wird, wie es mit der Lesumbrücke weitergeht. Und es so lange immer wieder zu Staus auf der A 27 kommen wird. Von Rahden und seine Fahrer kennen es seit Wochen nicht anders.

68 Busse hat das Schwaneweder Unternehmen, 20 davon müssen zu Spitzenzeiten täglich über die Lesumbrücke. „Damit sie pünktlich sind“, sagt von Rahden, „starten die Fahrer jetzt eine halbe Stunde früher.“ Er glaubt, dass die Staus noch länger werden, als sie es ohnehin schon sind. Und dass die Fahrer irgendwann eine Stunde früher losfahren müssen. Mit der Folge, dass sich mit den Staus auch die Arbeitszeiten verlängern – und manche Mädchen und Jungen nicht immer dann beim Schulschwimmen sein werden, wie es geplant ist. Das Busunternehmen fährt unter anderem für die Bremer Bädergesellschaft.

Teil-Brückensperrung auf der A27 - Brückensperrung - Verkehr - Straßenverkehr

Frühmorgens auf der A 27: Am Montag war viel los vor der Lesumbrücke, die jetzt Baustelle ist – und noch Monate bleiben wird. Jedenfalls zunächst.

Foto: Frank Thomas Koch

Die Spedition: Für Karl Siedenburg ist die Brückenbaustelle nicht irgendeine Baustelle. Der Geschäftsführer der gleichnamigen Transportfirma spricht davon, dass sie sein Unternehmen in der Existenz bedroht. Nach seiner Rechnung gehen allein 280 Fuhren mit Sand pro Tag über die Lesumbrücke. Und über die Burger Brücke auszuweichen, bringt ihm zufolge nichts. Weil viele das versuchen werden, rechnet er auch dort mit Staus und Chaos. Siedenburg will auf andere Art ausweichen. Er sucht nach einem neuen Gelände, von dem aus zumindest ein Großteil seiner Fahrzeuge künftig starten kann. In Niedersachsen.

Sollte irgendwann feststehen, dass die Baustelle länger bleibt als ein halbes Jahr, plant der Nordbremer Unternehmer noch etwas anderes: eine Zweigstelle im Umland. Siedenburg sagt, dass er keine andere Wahl hat, weil er Lieferfristen einzuhalten hat. Und dass er sich die Kosten für ein neues Gelände und eine Filiale in Niedersachsen gerne ersparen würde, aber nicht kann, wenn er konkurrenzfähig bleiben will. Ihm zufolge hat die Firma momentan viele Fahrten zu mehreren Baustellen in der Überseestadt. Und demnächst könnten noch weitere in den Bremer Westen hinzukommen, wenn die Arbeiten am Wesertunnel starten.

Die Straßenbahn AG: Kommt es wegen der Baustelle auf der A 27 tatsächlich zu Staus auf der Burger Brücke, will der Verkehrsbetrieb in mehreren Stufen reagieren. Laut Unternehmenssprecher Jens-Christian Meyer sollen in diesem Fall zunächst die Buslinien in Richtung Innenstadt am Bahnhof Burg enden und von dort Extrabusse weiter in Richtung Oslebshausen fahren: „Damit können wir zumindest erreichen, dass der Takt im Norden weitestgehend gehalten wird.“ Reicht das nicht aus, soll der Linienplan überarbeitet werden. Momentan hat die Straßenbahn AG Beobachter vor Ort, die regelmäßig die Lage bewerten.

Die Nordwestbahn: Mehrere Verkehrsunternehmen und -verbände haben sich getroffen, um zu überlegen, wie sie auf die Brückenbaustelle reagieren können, damit es zu möglichst wenigen Staus kommt. Hilfe von der Nordwestbahn haben sie nicht zu erwarten. Weil sie in diesem Fall nicht helfen kann, sagt Firmensprecherin Karin Punghorst. Ihr zufolge hat das Unternehmen so viele Züge und Waggons im Einsatz, wie sie es laut Vertrag mit Bremen und Niedersachsen haben muss. Und mehr Züge, um den Takt zu erhöhen, und mehr Waggons, um weitere Pendler aufzunehmen, hat die Nordwestbahn nicht.

Die Fähren: Dass es auf der A 27 wegen der Baustelle nicht so vorangeht wie sonst, merken die Crews der Fährgesellschaft Bremen-Stedingen schon länger. Die Zahl der Pendler, die in Vegesack, Blumenthal und Farge über das Wasser setzen, steigt. Am vergangenen Donnerstag war das Verkehrsaufkommen allein an der Fährstelle Blumenthal-Motzen um 30 Prozent höher als üblich. Obwohl die Fähre vom regulären 15-Minuten-Takt in den Pendelbetrieb ging, kam es an den Anlegern zu Wartezeiten von einer halben Stunde. Statt 1400 Fahrzeugen wurden 1800 Autos und Lastwagen befördert.

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Von der Nachricht, dass die Lesumbrücke für längere Zeit zur Baustelle wird, ist Fährchef Andreas Bettray nach eigenem Bekunden überrascht worden. Gespräche mit der Gesellschaft hat es ihm zufolge im Vorfeld nicht gegeben. Darum hat er wie in jedem Jahr über die Weihnachtsfeiertage weniger Personal eingesetzt und eine Fähre zur Wartung auf der Werft eingeplant. Als Ausweichmöglichkeit für Berufspendler, die sonst auf der A 27 fahren, sieht er die Fährstellen trotzdem – wenn denn Auto- und Lastwagenfahrer einkalkulieren, dass es in den Hauptverkehrszeiten zu Wartezeiten kommen kann.

Das Unternehmerforum: Die Teilsperrung der Lesumbrücke hat nach Ansicht des Bündnisses der Nordbremer Firmen so große Folgen für die Region, dass es wie die Handelskammer eine zeitnahe Planungsrunde fordert: Verkehrsbetriebe sollen gemeinsam ausloten, was getan werden kann, um die Situation für Auto- und Lastwagenfahrer zu verbessern, wenn die Brücke längere Zeit Baustelle bleibt. Das Forum denkt dabei nicht bloß an Entwürfe für Umleitungsstrecken, sondern auch an veränderte Ampelschaltungen, damit auf ein erhöhtes Verkehrsaufkommen in den Stadtteilen reagiert werden kann.

Die Handelskammer hat mittlerweile mehrere Vorschläge gemacht, wie es möglich werden könnte, die Lage auf der A 27 und den angrenzenden Gebieten zu entschärfen. Unter anderem setzt sie sich dafür ein, dass geprüft wird, zumindest in den Stoßzeiten am frühen Morgen und späten Nachmittag mehr Fahrbahnen auf der Lesumbrücke freizugeben als bisher geplant. Momentan wird dort in beiden Richtungen auf jeweils zwei Spuren gefahren. Vor der Teilsperrung standen jeweils drei Fahrbahnen zur Verfügung. Nach Angaben der Verkehrsbehörde soll die Planungsrunde erstmals im Januar zusammenkommen.

Die Innenbehörde: Wie sich die Verkehrssituation auf der A 27 entwickelt, will das Ressort, das den Einsatz von Krankenwagen koordiniert, in den nächsten Wochen beobachten. Eventuell, sagt Rose Gerdts-Schiffler, Sprecherin von Innensenator Ulrich Mäurer (SPD), wird im Norden ein weiteres Rettungsfahrzeug eingesetzt, um bei einem Unfall schneller reagieren zu können. Bislang geht die Behörde davon aus, dass die Baustelle den Einsatz der Helfer nicht beeinträchtigen wird. Müssen Nordbremer Patienten in eine Klinik in der Innenstadt gebracht werden, rechnet Gerdts-Schiffler mit keinen Verzögerungen.

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