Nach Feuer in Lemwerder

Der Brand bei Lürssen und die Folgen

Die Auswirkungen des Brands einer Luxusjacht im Schwimmdock der Lürssen-Werft sind in der Region spürbar, zum Beispiel bei Zimmervermietungen. Auch die Gemeinde Lemwerder rechnet mit finanziellen Folgen.
26.10.2018, 16:51
Lesedauer: 4 Min
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Von Georg Jauken

Den Schaden hat nicht nur die Werft. Auch an anderer Stelle sind die Folgen des Brandes auf der Lürssen-Werft spürbar. Gut drei Tage brauchte es, bis das Feuer gelöscht war. Für die Bremer Feuerwehr war der Brand einer Luxusjacht im Schwimmdock der Lürssen-Werft einer der größten Einsätze seit Jahrzehnten. Selbst die Werksfeuerwehr der Papenburger Meyer-Werft sowie 20 Spezialisten zur Schiffsbrand-Bekämpfung aus Hamburg waren ausgerückt, dazu die Freiwilligen Feuerwehren aus dem Umland. Allein die Mitarbeiter der Feuerwehrtechnischen Zentrale (FTZ) in Brake hatten in den drei Tagen 500 leere Sauerstoffflaschen neu befüllt, damit den Löschtrupps im Inneren des Docks und des Schiffs nicht die Luft ausging.

Das Schwimmdock blieb nach dem Ende der Löscharbeiten für die Brandermittlung gesperrt. Auf dem übrigen Gelände der Werft in Vegesack konnte die Arbeit zwei Tage später wieder aufgenommen werden. Weil die Mitarbeiter einiger Fremdfirmen, die an der Jacht gearbeitet hatten, nicht mehr zu tun hatten, wirkten sich die Folgen des Brands auch auf der anderen Weserseite und bei den Fähren Bremen-Stedingen (FBS) aus.

Ein Fall von höherer Gewalt

„Wir merken sehr wohl, dass dieser Brand Auswirkungen auf unser Geschäft hat“, sagt FBS-Geschäftsführer Andreas Bettray. „Die Zulieferfirmen haben die erworbenen Zehner- und Jahreskarten zurückgegeben.“ Laut Bettray handelt es sich dabei um eine knapp zweistellige Zahl an Betrieben. Dass die FBS Fahrkarten zurücknimmt, ist eine Ausnahme. Eine Verpflichtung dazu besteht laut Bettray nicht. In dem Brand bei Lürssen sieht er jedoch einen Fall von höherer Gewalt. Die Rücknahme der Fahrkarten von Firmen, die deshalb plötzlich nichts mehr auf der Werft zu tun hatten, schien ihm daher geboten. „Für mich ist das eine Frage der Geschäftsmoral und der Kundenorientierung“, sagt der FBS-Geschäftsführer. Weitere Auswirkungen auf die Beförderungszahlen habe es nicht gegeben. Die Folgen des Brands für die FBS nennt Bettray daher überschaubar.

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Auch in Bardewisch waren die Folgen des Feuers zu spüren. „Zunächst haben wir das sehr gemerkt“, berichtet eine Vermieterin, die nicht namentlich genannt werden möchte. „Eine Gruppe ist sofort weggebrochen. Sie wollte am Tag des Brandes ankommen.“ Auch andere Firmen, deren Mitarbeiter in der Pension mit 60 Betten Quartier bezogen hatten, waren von dem Brand bei Lürssen betroffen. „Sie haben dort aufgehört, weil keine Arbeit mehr für sie da war.“ Die Zahl der Übernachtungsgäste, die gar nicht erst kamen oder vorzeitig wieder auszogen, beziffert sie mit 20 bis 25. „Wir versuchen, die Lücken zu schließen.“ Weil sie auch an Arbeiter vermietet, die auf den anderen Werften in Berne und Lemwerder oder bei Unternehmen in Delmenhorst im Einsatz sind, gelinge dies ganz gut. Inzwischen ist sie mit der Auslastung des Hauses wieder ganz zufrieden.

Betroffen sind aber längst nicht alle Vermieter von Monteurzimmern. So berichtet Daniel Schunk, der an der Industriestraße zehn Doppelzimmer bereit hält, von keinerlei Auswirkungen auf deren Belegung. Ähnlich lautet die Auskunft aus dem Gästehaus Ambiente. In dem 80-Betten-Haus an der Bertha-Benz-Straße logieren zwar auch regelmäßig Mitarbeiter auswärtiger Firmen. Sie seien jedoch anderswo beschäftigt, nicht bei Lürssen. In Motzen dagegen bekam Thammo Wenke die Folgen des Brands auf der Werft unmittelbar zu spüren.

Neun Leute haben keine Arbeit mehr

„Neun Leute sind weg“, berichtet Wenke. „Sie haben keine Arbeit mehr. Bei Lürssen haben sie ihre Maschinen abgeholt. Die Zimmer stehen leer.“ Die Räume anderweitig zu vermieten, kommt für ihn eher nicht in Betracht. „So viel Nachfrage ist im Moment nicht. Ich weiß nicht, wie das kommt.“ Vor allem aber lebt Wenke selbst in dem Haus und bevorzugt deshalb Wochenendfahrer als Mieter. So wie jene Monteure, die seit fünf Jahren regelmäßig bei ihm wohnen und laut Wenke nach dem Brand bei Lürssen nach Hamburg weitergezogen sind. „Im November kommen sie zurück. Dann sind sie bei Fassmer.“ In einem zweiten Gebäude, in dem er ebenfalls Zimmer vermietet, bleiben laut Wenke derzeit sechs von 23 Betten leer. „Damit sind gerade die Kosten gedeckt, mehr nicht.“ Wenke nimmt es gelassen. „Ich bin Rentner, ich muss nicht davon leben.“

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Weitaus größere finanzielle Auswirkungen hat das am 14. September gegen 2 Uhr ausgebrochene Feuer im Schwimmdock der Lürssen Werft auf die Gemeinde Lemwerder. Erst Ende August hatte die Verwaltung über die positive Entwicklung der Steuereinnahmen berichtet. Vor allem weil sich das Gewerbesteueraufkommen so gut entwickelte, lag die Gemeinde mit den Einnahmen 8,35 Millionen Euro über dem Plan. Nach dem Millionen-Schaden im Schwimmdock reagierte die Lürssen Werft prompt und korrigierte ihre Gewerbesteuervorauszahlungen nach unten. Aus den zusätzlichen Millionen wird nun nichts, wie Bürgermeisterin Regina Neuke im Finanz- und Planungsausschuss berichtete.

2018 werde der Haushalt noch ausgeglichen sein. Eine realistische Abschätzung, wie sich der Brand in den folgenden Jahren auf die Finanzen der Gemeinde auswirkt, sei noch nicht möglich. Ob dadurch später vielleicht sogar noch eine Steuerrückzahlung an die Werft fällig wird, vermag daher auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Meinrad-M. Rohde nicht zu sagen. Ausgeschlossen ist das seiner Einschätzung nach aber nicht. „Ich glaube, wir werden eine ganze Weile darunter leiden“, vermutet Rohde.

Dock muss neu gebaut werden

„Das Dock muss im Grunde neu gebaut werden“, erwartet Rohde. Weil sich jede Investition auf den Ertrag eines Unternehmens auswirkt, würden sich dadurch auch die Gewerbesteuerzahlungen reduzieren. „Bremen und wir sind gut dran, dass der Hauptstandort noch hier ist“, erklärt Rohde mit Blick auf die Lürssen-Standorte in Wilhelmshaven, Rendsburg, Wolgast und Hamburg. Da die Ingenieurleistungen und Ausstattung der Schiffe Rohde zufolge großteils in Lemwerder erfolgt, entfällt auch ein großer Teil der Wertschöpfung und damit der Gewerbesteuerzahlungen auf Lemwerder. Zahlt das Unternehmen weniger oder erhält eine Rückzahlung, wirkt sich das auf die Kassenlage Lemwerders ganz besonders stark aus.

Lob gebührt dem Unternehmen, der Gemeindeverwaltung und dem Finanzamt aus Sicht Rohdes für ihre schnelle Reaktion nach dem Brand. Denn aus den Mehreinnahmen, über die sich die Gemeinde noch Ende August freuen konnte, hätte sich eine unmittelbare Erhöhung der Gewerbesteuerumlage um 2,9 Millionen Euro ergeben, wie aus dem Sitzungsprotokoll des Finanzausschusses hervorgeht. Weil die Werft ihre Vorauszahlung jedoch kurzfristig nach unten korrigierte, konnte die Gemeinde rechtzeitig vor dem Stichtag (30. September) reagieren. „Die acht Millionen fallen nicht in die Kreisumlage hinein“, freut sich Rohde. Wäre die Korrektur nach dem Stichtag erfolgt, hätte die Gemeinde die höhere Umlage zahlen müssen und hätte das Geld Rohde zufolge auch nicht wieder zurückerhalten.

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