Nordbeauftragter im Interview „Kritik schadet einem Konzept nicht“

Seit dreieinhalb Jahren ist Martin Prange als Senatsbeauftragter für den Bremer Norden zuständig. Im Interview zieht er Bilanz – und reagiert auf Kritik, die es an seiner Arbeit gibt.
08.04.2019, 21:00
Lesedauer: 5 Min
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„Kritik schadet einem Konzept nicht“
Von Christian Weth

Herr Prange, seit dreieinhalb Jahren sind Sie Senatsbeauftragter. Was hat‘s dem Norden gebracht?

Martin Prange : Zunächst einmal hat es mir persönlich sehr viel gebracht. Ich habe bei meiner Arbeit eine Menge Menschen kennengelernt. Und das war und ist für mich ein großer Gewinn.

Und was hat‘s nun dem Norden gebracht und nicht Ihnen?

Es hat verschiedenen Projekten bestimmt nicht geschadet, dass jemand aus dem Rathaus dabei war, um dabei zu helfen, sie zu entwickeln und voranzubringen.

Welchen Projekten hat es denn nicht geschadet, dass Sie dabei waren?

Das waren mehrere. Ich fange mal mit einem der ersten Vorhaben an: der Bücherei in Blumenthal, die dringend einen neuen Standort brauchte. Auch beim Grambker Seebad ist es gelungen, eine dauerhafte Perspektive zu schaffen. Das sind zwar alles kleinere Projekte, aber wichtig für die einzelnen Stadtteile sind sie trotzdem.

Und was ist mit den großen Problemen, die viele betreffen – mit Kitaplätzen, Arbeitsplätzen und Wohnungen, die immer noch fehlen?

Wir haben es geschafft, dass der Norden sowohl Schwerpunkt beim Kitaausbau geworden ist als auch beim Wohnungsbau. Und was Arbeitsplätze angeht, so ist es gelungen, mittlerweile eine Trendwende herbeizuführen: Es gibt wieder mehr Jobs – und nicht, wie noch vor einigen Jahren, weniger.

Wie groß ist denn das Plus?

Nach den Zahlen der Arbeitnehmerkammer sind in den vergangenen Jahren mehrere Tausend Arbeitsplätze neu geschaffen worden.

Wie zufrieden beziehungsweise unzufrieden sind Sie mit dem Tempo, in dem Projekte umgesetzt werden und wurden?

Ich sage es mal so: Ich hätte gerne schneller mehr Arbeitsplätze, schneller mehr Kitaplätze und auch schneller mehr Wohnungen.

Und woran liegt‘s, dass es langsamer vorangeht als erhofft?

Nehmen wir mal die Kitaplätze: Dass so schnell so viele neue Plätze geschaffen werden müssen, hat alle Kommunen in der Republik überrascht.

Haben Sie sich manchmal mehr Macht gewünscht, um Projekte zu beschleunigen – so wie es die CDU nun fordert?

Ich weiß gar nicht, ob es eine Frage von Macht ist, damit Projekte schneller realisiert werden. Für mich spielt das Verständnis der Gesprächspartner eine wesentlich größere Rolle. Und ja, ich hätte mir manchmal mehr Kooperationsbereitschaft von einzelnen Ressorts gewünscht.

Und was ist mit einem eigenen Budget, das Ihnen fehlt, um Vorhaben voranzubringen?

Ich glaube, dass es tatsächlich sinnvoll wäre, einen Verfügungstopf im Rathaus zu haben. Wir haben die Stiftung Wohnliche Stadt nicht mehr, und auch das Impulsmittelprogramm ist ausgelaufen. Ein Budget, um kleinere Projekte anzuschieben, fehlt deshalb in manchen Situationen. Das betrifft nicht nur den Norden.

Für viele gehören der Nordbeauftragte und das Nordkonzept untrennbar zusammen. Wie viel Zeit nahm die Arbeit an dem Papier eigentlich ein?

Die Arbeit am Konzept hat weniger Zeit in Anspruch genommen als meine Funktion als Ansprechpartner für Nordbremer Einrichtungen und Bürger. Und die, das weiß ich jetzt, setzen sich für viele Dinge ein – und haben entsprechend viele Fragen und viel Gesprächsbedarf.

Und trotzdem bringen viele Sie ausschließlich mit dem Nordkonzept in Verbindung ...

Weil es momentan viel diskutiert wird. Für die meisten Menschen bin ich jedoch der Ansprechpartner, der versucht zu helfen, wenn etwas nicht so läuft, wie es laufen sollte.

Die CDU kritisiert das Papier und Sie persönlich. Wie reagieren Sie darauf?

Ich finde, dass Kritik einem Konzept nicht schadet. Das Papier ist zwar vom Senat beschlossen worden, das heißt aber nicht, dass es keine Veränderungen geben darf.

Und wie gehen Sie mit der Kritik an Ihrer Arbeit um?

Wenn die CDU meint, dass jemand, der für den Norden zuständig ist, mehr Macht bekommen soll, dann habe ich bestimmt nichts dagegen. Nur ist mir schleierhaft, wie das gehen soll. Eine Richtlinienkompetenz beispielsweise hat nicht mal der Bürgermeister.

Die CDU will den Norden in den Geschäftsbereich eines Senators verankern. Was halten Sie davon?

Der Norden braucht eine besondere Aufmerksamkeit. Und die, finde ich, bekommt er. Der Norden ist Chefsache im Rathaus. Man würde ihn also abwerten, wenn er in den Geschäftsbereich eines Senators verankert wird und ihn einem einzelnen Ressort überlässt und nicht allen Ressorts.

Und wie schwer oder leicht ist es, alle Behörden an einen Tisch zu bringen, damit der Norden die Aufmerksamkeit bekommt, die er braucht?

Das ist von Projekt zu Projekt unterschiedlich. Bei der Grohner Düne zum Beispiel gab es dieses Bewusstsein von Anfang an, etwas gemeinsam verändern zu wollen. Als es um die Probleme der George-Albrecht-Straße ging, war es dagegen schwieriger, alle zu einer Zusammenarbeit zu bewegen. Aber auch das ist am Ende gelungen.

Bürgermeister Carsten Sieling ist offensichtlich unzufriedener als Sie. Er will, dass die Behörden künftig mehr als Einheit auftreten ...

Und damit fordert er genau das Richtige. Die integrative Sichtweise muss bei jedem Vorhaben zu einem Automatismus der Ressorts werden.

Fast dreieinhalb Jahre hat es gedauert, bis das Konzept fertig und vom Senat beschlossen wurde. Warum?

Wir haben bei der Konzeptarbeit viele Einrichtungen und Akteure einbezogen. Ziel war es, mit dem Papier fertig zu sein, bevor der Haushalt 2020/2021 beraten wird. Und das haben wir geschafft.

Und was passiert mit dem Papier, wenn es bei der Bürgerschaftswahl im Mai zum Machtwechsel kommt?

Das Konzept ist von allen Nordbremer Beiräten beschlossen worden. Ihm haben nicht nur Sozialdemokraten und Grüne zugestimmt, sondern auch Vertreter der Oppositionsparteien. Meine Hoffnung ist deshalb, dass an dem Konzept festgehalten wird.

Was macht Sie so optimistisch? Schließlich erleben es Beiräte immer wieder, dass sie am Ende doch nicht bekommen, was sie gefordert haben.

Weil in diesem Fall alle Nordbremer Stadtteilparlamente beteiligt sind. Und die treten – zum Beispiel beim Projekt Berufsschulcampus in Blumenthal – geschlossen auf. Außerdem hat das, was in dem Konzept steht, bereits begonnen. Kleinere Vorhaben sind bereits umgesetzt, und größere sind dabei, umgesetzt zu werden.

Hat es eigentlich schon Gespräche mit Ihnen über eine weitere Amtszeit als Senatsbeauftragter gegeben?

Es hat ein Gespräch mit dem Bürgermeister gegeben, ja.

Und? Was hat er gesagt – und was haben Sie geantwortet?

Carsten Sieling hat gesagt, dass er die Arbeit mit mir fortsetzen möchte. Und ich habe ihm gesagt, dass mir die Aufgabe wichtig ist und dass sie mir Spaß macht.

Und was werden Sie machen, wenn es zum Machtwechsel kommt – und Sie nicht mehr Senatsbeauftragter sind?

Zum einen gehe ich nicht von einem Machtwechsel aus. Und zum anderen beschäftige ich mich erst dann mit Fragen, wenn es Zeit ist, sich mit ihnen zu beschäftigen.

Die Fragen stellte Christian Weth.

Info

Zur Person

Martin Prange (58)

wurde Ende 2015 zum Senatsbeauftragten für den Bremer Norden ernannt. Zugleich leitet er die Staatsabteilung in der Senatskanzlei. Prange wohnt in der Neustadt, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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