Taktik-Analyse Werders Sieg in Cottbus lässt wenig Rückschlüsse auf die Liga zu

Werder hat die erste Runde im DFB-Pokal ohne große Probleme - aber mit kleinen Schwächen überstanden. Als taktisches Muster für die neue Bundesligaspielzeit taugt die Partie indes kaum. Die Analyse.
02.08.2022, 12:04
Lesedauer: 3 Min
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Von Tobias Escher

Werder-Fans erlebten am Montagabend ein Déjà-vu. Das Pokalspiel gegen Energie Cottbus fühlte sich so an wie viele Zweitliga-Spiele aus der vergangenen Saison. Werder sammelte Ballbesitz gegen einen Außenseiter, der über Kampf und Konter ins Spiel finden wollte. Insgesamt meisterten die Bremer die gewohnte Aufgabe trotz kleinerer Schwächen. Als Muster für die neue Saison taugt die Partie indes kaum.

Bekannte Spielweise, bekannte Formation

Den Gegner dominieren, Torchancen erspielen, Konter verhindern: Diese Aufgabenstellung kennt Werder-Coach Ole Werner aus der vergangenen Zweitliga-Saison. Gegen Viertligist Energie Cottbus galt es, den Werder-Spirit aus der Aufstiegssaison aufrechtzuerhalten. Entsprechend verzichtete Werner auf taktische Experimente. Er schickte seine Elf im altbekannten 5-3-2-System auf das Feld. Neun der elf Startelf-Akteure gehörten bereits vergangene Saison zum Stammpersonal. Einzig Innenverteidiger Amos Pieper und Linksverteidiger Lee Buchanan rückten neu in die Formation.

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Werders Spielanlage unterschied sich entsprechend kaum von jener aus der vergangenen Saison. Über ein ruhiges Ballbesitzspiel versuchten die Bremer, ihren Doppelsturm einzusetzen. Niclas Füllkrug und Marvin Ducksch zeigten sich gewohnt umtriebig. Immer wieder ließen sie sich fallen, um Anbindung ans Spiel zu erhalten. Die Mittelfeldspieler Romano Schmid und Leonardo Bittencourt rückten in diesen Situationen auf die Flügel.

Die Bremer fokussierten vor allem Angriffe über die rechte Seite. Mitchell Weiser agierte hier gewohnt offensiv, während Debütant Buchanan sich auf links stärker zurückhielt. Immer wieder versuchten die Bremer, den nach vorne aufrückenden Weiser in ihre Angriffe einzubinden.

Cottbus kompakt, aber mit Lücken

Dass Werder sich auf Angriffe über rechts versteifte, lag auch am gegnerischen Spielsystem. Cottbus-Trainer Claus-Dieter Wollitz stellte seine Mannschaft in einer 4-3-3-Formation auf. Das kompakte Verteidigen stand bei ihnen im Vordergrund. Zwar rückten die Cottbusser im Pressing immer wieder vor. Zumeist versuchten sie jedoch, kompakt in der eigenen Hälfte zu verharren.

Cottbus‘ Formation hatte jedoch eine Schwachstelle. Linksaußen Ali Abu-Alfa rückte immer wieder heraus, um Werders Dreierkette zu attackieren. Nicht immer war klar, welcher Cottbusser den Raum hinter ihm absichern sollte. So musste manches Mal Linksverteidiger Axel Borgmann herausrücken. Das öffnete wiederum Räume hinter der Abwehrkette.
Werder kam immer dann gefährlich vor das Tor, wenn sie diese Räume attackierten. Weiser zeigte sich gewohnt umtriebig, rückte auch mal ins Zentrum oder an die letzte Linie. Füllkrug und Schmid unterstützten ihn und suchten das Zusammenspiel. Das 1:0 (43.) erzielte Werder über die halbrechte Seite. Weiser hatte die Verteidigung nach rechts gelockt und damit den Raum für Füllkrug geöffnet, der das Tor einleitete. Das 2:0 (73.) erzielte Weiser selbst nach einem Konterangriff. Auch Duckschs großer Chance in der 50. Minute ging ein Angriff über rechts voraus.

Nervöse Schlussphase

In der zweiten Halbzeit reagierte Wollitz auf die Schwächen seiner Mannschaft. Er brachte in Maximilian Oesterhelweg einen neuen Zehner und stellte damit das System um. Cottbus agierte nun in einem 4-3-1-2, die Spieler verdichteten darin vor allem das Zentrum. Cottbus stand defensiv etwas kompakter und konnte mit nunmehr zwei Stürmern etwas wuchtiger kontern.

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Dennoch hatten die Bremer das Geschehen lange Zeit im Griff – bis in die Schlussphase. Nach einem Fehler von Marco Friedl gelang Energie der Anschlusstreffer (79.). In den finalen zehn Minuten warf der Außenseiter alles nach vorne, langer Ball um langer Ball flog in den Bremer Strafraum. Werder hatte seine liebe Mühe, diese hohen Hereingaben zu verteidigen. Hier spürte man, dass die Abwehr im Verbund noch nicht hundertprozentig eingespielt ist.

Einen guten Eindruck hinterließ indes der eingewechselte Jens Stage. Die Neuverpflichtung vom FC Kopenhagen brachte ihr Tempo und mehr Zug zum Tor ins Spiel. Immer wieder stieß Stage nach vorne, schuf Tiefe und auch Breite. In der Bundesliga könnte dies Werder weiterhelfen. In einer wilden Schlussphase setzte seine offensive Spielweise indes vielleicht einen falschen Akzent.

Muster ohne Wert?

Am Ende entging Werder der Blamage. Auch wenn die Schlussviertelstunde unruhiger verlief als nötig: In den 75 Minuten zuvor überzeugte Werder mit einer guten Konterabsicherung und einer hohen Dominanz.
Im Hinblick auf die Bundesliga dürfte dieses Pokalspiel indes ein Muster ohne Wert sein. Die ersten Gegner heißen hier Wolfsburg, Stuttgart, Dortmund und Frankfurt. Es erscheint ausgeschlossen, dass die Bremer in solchen Spielen 61% Ballbesitz sammeln, wie dies gegen Cottbus der Fall war. Werner kündigte bereits an, die Spielweise seiner Mannschaft anpassen zu wollen. Man darf gespannt sein, wie Werder sich in den kommenden Wochen verändert.

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