Frust an der Weser Unruhe bei Werder: Anfang eckt offenbar nicht nur bei Füllkrug an

Werder Bremen hat sich mit Markus Anfang einen ganz anderen Trainertypen als Florian Kohfeldt für den Umbruch geholt. Doch der neue Coach eckt an - und das nicht nur bei Stürmer Niclas Füllkrug.
19.10.2021, 19:06
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Von kni

Freier Dienstag für die Profis des SV Werder Bremen, am Weserstadion ist es ziemlich ruhig. Doch der Schein trügt. Denn am Osterdeich ist Unruhe aufgekommen. Das liegt zum einen an einer weiteren desaströsen Niederlage, dieser 0:3-Pleite in Darmstadt, und dem für einen Absteiger wie Werder enttäuschenden zehnten Tabellenplatz nach zehn Spieltagen. Es liegt aber auch am Verhalten von Markus Anfang. Der neue Trainer ist nicht nur bei seinem Stürmer Niclas Füllkrug angeeckt, sondern hat nach Informationen unserer Deichstube auch bei anderen Spielern und im Betreuerteam für Frust gesorgt. Für die Niederlage in Darmstadt machte er allein die Mannschaft verantwortlich, rückte damit früh in der Saison ein Stück weit von seinem Team ab. Dazu kommt ein allgemeines Unverständnis, warum der neue Coach stur an seinem 4-3-3-System festhält und dabei diverse Profis positionsfremd oder gar nicht einsetzt.

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„Es gibt keine Spannungen zwischen dem Trainer und der Mannschaft“, reagiert Clemens Fritz als Leiter Profifußball auf eine entsprechende Nachfrage unserer Deichstube. Zum Fall Füllkrug will er sich nicht näher äußern und sagt nur: „Es geht nicht um einzelne Personen. Wenn du erfolgreich sein willst, dann brauchst du eine mannschaftliche Geschlossenheit. Wir müssen uns auch mehr wehren. Damit meine ich keine Fouls, sondern, dass man dagegenhalten muss.“ Fritz nimmt also das komplette Team in die Pflicht. So hatte es eigentlich auch der Coach in Darmstadt gemacht, dann aber Füllkrug als einzigen Profi deutlich kritisiert – und das nicht nur einmal.

Trainer Anfang eckt bei vielen Werder-Profis an

So etwas kommt nicht nur beim Spieler, sondern auch im Team selten gut an. Anfang hielt dem in der 64. Minute eingewechselten Stürmer vor, keine einzige Abschlussaktion erreicht zu haben: „Auch der, der reinkommt, kann mal einen Akzent setzen und eine Partie drehen.“ Das klang doch sehr nach einer Retourkutsche für Füllkrug, der sich kürzlich öffentlich beklagt hatte, zu wenig zum Einsatz gekommen und der Verlierer der bisherigen Saison zu sein.
Aber nicht nur Füllkrug ist unzufrieden. Jiri Pavlenka auch. Dem Keeper war eigentlich zugesichert worden, nach seiner Rückenverletzung wieder die Nummer eins zu sein, doch Michael Zetterer durfte nach seinen ordentlichen bis guten Leistungen im Tor bleiben. Anthony Jung ist ebenfalls angefressen. Der 29-Jährige kam als Kapitän des dänischen Meisters Bröndby Kopenhagen zum SV Werder, um dort eine tragende Rolle in der Innenverteidigung zu spielen. Erst durfte er nur auf der linken Seite verteidigen, jetzt gar nicht mehr. Stattdessen spielt der erst 21-jährige Lars Lukas Mai im Abwehrzentrum. Mit dem hat Anfang schon vergangene Saison in Darmstadt zusammengearbeitet. Mit Jung war sich Werder dagegen schon vor der Verpflichtung von Anfang weitgehend einig gewesen. Natürlich ist so etwas intern ein Thema.

Aber noch mehr wird über die Taktik diskutiert. Vom ersten Tag an bei Werder hat Anfang deutlich gemacht, dass er seinem 4-3-3-System vertrauen wird. Obwohl ihm keine echten Außenstürmer zur Verfügung standen, zog er seine Spielidee kompromisslos durch – in der Erwartung, dass der Club ihm entsprechende Spieler noch zur Verfügung stellen würde. Letztlich kam aber nur noch Roger Assalé für diese Position. Und das nicht nur sehr spät, der Ivorer hat vor seinem Wechsel zudem mehr im Zentrum als außen gespielt. Bei Werder spielt er nach einem völlig missglückten Einsatz bei der 0:3-Pleite in Dresden gar nicht mehr. Außen darf fast immer Eren Dinkci ran. Der 19-Jährige ist zwar der schnellste Spieler im Kader, aber von Haus aus auch kein Außen-, sondern ein Mittelstürmer. In Darmstadt durfte sich auf der anderen Seite Mitchell Weiser versuchen, der normalerweise etwas weiter hinten beheimatet ist – zum Beispiel auf der Position des rechten Verteidigers. Dort agierte aber Manuel Mbom, dessen Hauptposition sich eigentlich im defensiven Mittelfeld befindet. Auch Marco Friedl verteidigt lieber innen als außen, wie er es in Darmstadt machen musste.

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Wechselt Werder auf ein 3-5-2-System?

Die gegnerischen Trainer haben sich längst auf Anfangs Fußball eingestellt. So wird bei Werder hinter vorgehaltener Hand derzeit viel über eine Umstellung zu einem 3-5-2-System diskutiert, in dem auch das Problem mit Füllkrug gelöst werden könnte. Für ihn gebe es dadurch einen Platz neben dem gesetzten Mittelstürmer Marvin Ducksch. Doch es wird nicht damit gerechnet, dass Anfang seine Sichtweise ändert. Nicht nur in diesem Bereich wird ihm eine gewisse Sturheit nachgesagt. So kam es auch früh zu Differenzen mit großen Teilen des Betreuerstabs. „Natürlich muss es sich in allen Bereichen nach einem Trainerwechsel erst einspielen“, sagt Fritz, betont aber: „Da haben wir keine Probleme.“

Anfang ganz anderer Trainertyp als Kohfeldt

Das ist in der Tat Ansichtssache. Denn ganz ungewollt sind diese Reibungspunkte sicher nicht. Nach dem kommunikativen, empathischen und im Club sehr beliebten Florian Kohfeldt war ganz gezielt ein anderer Trainertyp gesucht worden, um den nötigen Umbruch voranzutreiben. Anfang hat keine so enge Bindung zum Verein und fasst die Spieler sowie auch Mitarbeiter offensichtlich etwas härter an. Das kann einerseits wachrütteln, klar, andererseits bewegt er sich damit bei einem familiären Verein wie Werder aber auf einem schmalen Grat.
Fritz ist dabei als Leiter Profi-Fußball darum bemüht, jegliche Wogen umgehend zu glätten. Wenngleich er die Lage auch nicht kleinreden will. „Natürlich können wir mit dem Saisonverlauf nicht zufrieden sein. Und es ist klar, dass von außen Unruhe aufkommt, wenn die Ergebnisse nicht stimmen“, sagt der Ex-Profi: „Aber wir bleiben bei uns und werden diesen nicht einfachen Weg gemeinsam gehen.“

Die nächste Station heißt dabei am Sonntag Sandhausen. Der Achterbahnfahrt in dieser Saison folgend müsste dort eigentlich ein Sieg gelingen. Wenn nicht, dann dürfte die Unruhe an der Weser allerdings noch größer werden.
 

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