Werder-Kolumne Warum die Suche nach einem Investor so schwierig ist

Der neue strategische Partner soll zwar nicht Investor heißen, aber trotzdem bei Werder einsteigen. Doch es gibt auf dem Weg dahin viele Probleme, meint Jean-Julien Beer. Und es gibt abschreckende Beispiele...
15.08.2022, 18:20
Lesedauer: 3 Min
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Warum die Suche nach einem Investor so schwierig ist
Von Jean-Julien Beer

Nicht nur für die Werder-Profis war das Trainingslager im Zillertal schweißtreibend. Auch für die Vereinsführung wurde es an einem Tag anstrengend. Die Geschäftsführer und die Mitglieder des Aufsichtsrates zog es in diesem Sommer hinauf in die Berge. Dort oben ging es ums große Ganze –  nämlich um die Zukunft von Werder Bremen.

Strategische Fragen standen auf der Tagesordnung des „Workshops“, wie Werder das Treffen intern nannte. Es wurde wirklich hart gearbeitet. Es seien sehr intensive Gespräche gewesen, so berichten es Beteiligte. Ein zentraler Punkt der Diskussionen war die Frage, wie man das Thema Investor aus der Theorie in die Praxis führen könnte. Oder besser: Die Suche nach einem „strategischen Partner“, denn auf diese Formulierung hat man sich bei Werder geeinigt, um den unbeliebten Begriff „Investor“ zu vermeiden.

Die Begrifflichkeit an sich gehört hier zwar zu den kleineren Problemen, doch in Bremen sind die Entscheider sensibilisiert: Obwohl die vertraglichen Verbindungen mit der Firma „Wohninvest“ für Werder in diesen Krisenzeiten ein finanzieller Segen sind, regen sich Teile der Fanszene weiter enorm über diese Beziehung auf. „Wohninvest“ klingt halt nicht wie „Schöner Wohnen“, sondern eher nach ausgebufften Kapitalanlegern.

Nach den ersten gemeinsamen Jahren muss man jedoch festhalten: Auch wenn „Wohninvest“ nie verdächtigt wurde, als Wohltäter durchs Land zu ziehen, stehen die immer wieder aufflammenden Protestaktionen in keinem Verhältnis zu der finanziellen Unterstützung, die bei Werder ankommt. Trotz Pandemie und Abstieg blieben diese Zahlungen konstant noch.

Im kommenden Jahr nun, so hieß es aus dem Aufsichtsrat, soll Werder bereit sein für den Einstieg eines Investors, der dann strategischer Partner heißen würde, um keine neuen Proteste zu provozieren. Ob das schon im Jahr 2023 passiert, ist aber unklar. Das Geld könnte Werder zwar dringend gebrauchen, nicht zuletzt durch zwei Bankkredite und die Mittelstandsanleihe sind Verbindlichkeiten von 40 Millionen Euro aufgelaufen, die zurückgezahlt werden müssen. Und selbst die jetzige, nur leicht verstärkte Mannschaft ist schon wieder etwas teurer, als es geplant war.

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Aber das Investor-Thema ist sehr schwierig, auch darüber wurde in den Zillertaler Bergen intensiv diskutiert. Eines der Probleme entsteht durch das Geschäftsmodell des SV Werder: professioneller Fußball. Hier lassen sich die unternehmerischen Erfolge nicht seriös vorausplanen. Ein einziger Schuss kann über einen Abstieg entscheiden und damit über die Finanzen und den Wert des Vereins. Auch ein Klub im Abstiegskampf wirkt nicht so faszinierend auf einen Geldgeber, es sei denn, man stößt auf einen Schnäppchenjäger – also auf einen Partner, der dann zuschlägt, wenn es dem Verein schlechter geht. Ein solcher Geldgeber würde quasi eine Wette auf Werder abschließen und darauf setzen, dass sich sein riskanter Einstieg in Zukunft bezahlt macht. Aber wer will schon eine Wette sein?

Immerhin: Als Erstligist ist die Suche nach einem strategischen Partner einfacher als in der Zweitklassigkeit. Doch wenn man Pech hat, ist das Zeitfenster für den Abschluss einer so großen Partnerschaft ziemlich klein, weil man schnell wieder zu den Abstiegskandidaten gehören kann. Es geht also auch ums Timing.

Das zweite und noch größere Problem ist das Finden eines Partners, der kulturell zum SV Werder passt und der nicht überall mitreden will. Abschreckende Beispiele gibt es viele. Schon seit Jahren macht Edel-Fan und Multi-Milliardär Klaus-Michael Kühne als Geldgeber mit dem Hamburger SV, was er gerade will.

Dass einen die 50+1-Regel im deutschen Fußball nicht vor Wahnsinn schützt, zeigt auch Hertha BSC: Der selbst ernannte „Big City Club“ ist zwar dank dieser Regel formal noch Herr im eigenen Haus. Aber nach den 375 Millionen Euro, die von Investor Windhorst in den Hauptstadtverein flossen, wirkt das manchmal wie ein Irrenhaus. Derlei würde Werder sich und den Fans gerne ersparen. Gesucht wird ein Partner, der nicht ständig mitreden will und der menschlich zur Vereinsführung passt. Auch das ist schwierig.

Und wenn ein solcher Partner mal gefunden ist, wartet noch die spannendste aller Herausforderungen: Was tun mit dem Geld, außer Schuldentilgung? Der HSV und Hertha, aber auch Schalke mit seinen Gazprom-Millionen – sie alle wurden mit ihrem vielen Geld immer schlechter.

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