Leiter Profi-Fußball Wie schlägt sich Fritz in seiner neuen Werder-Rolle?

Clemens Fritz ist durch seinen Rollenwechsel als Leiter Profi-Fußball näher an die Mannschaft des SV Werder Bremen herangerückt. Unsere Deichstube zieht Bilanz, wie sich Fritz in der neuen Funktion schlägt.
13.11.2021, 16:18
Lesedauer: 5 Min
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Von Björn Knips

Am liebsten würde Clemens Fritz einfach nur den Standort genießen, denn eine so gute Sicht auf die Mannschaft des SV Werder Bremen hat er eher selten. Durch seinen Rollenwechsel innerhalb des Clubs hat sich sein Blickwinkel verändert, der Ex-Profi steht beim Training am Spielfeldrand, sitzt bei den Partien auf der Bank – und nicht wie früher oben auf der Tribüne.

Weil sich Fritz in seiner Funktion als Leiter Profi-Fußball und Scouting aber auch mehr um die Öffentlichkeitsarbeit kümmern soll, beantwortet er auf der Aussichtsplattform der Medienvertreter geduldig Fragen, während fünf Meter unterhalb das Training läuft. Dass es im Gespräch diesmal vornehmlich um seine eigene Person geht, nimmt er professionell hin. Der 40-Jährige mag es wie sein Chef Frank Baumann eher etwas unaufgeregter, wenngleich er auch ganz anders kann. Eine Bestandsaufnahme der ersten Monate des Ehrenspielführers Clemens Fritz in neuer Funktion.

„Ich kenne das Business, es kann schnell vorbei sein“, sagt Fritz. Der Satz gehört zu der Antwort auf die Frage, ob er sich schon mal mit dem Gedanken beschäftigt habe, Nachfolger des in die Kritik geratenen Frank Baumann zu werden. Das Thema könnte schließlich im Winter aktuell werden, wenn der Sportchef mit dem neuen Aufsichtsrat über seinen im Sommer auslaufenden Vertrag sprechen wird – so ist es vereinbart worden. „Damit beschäftige ich mich wirklich nicht. Wir haben so viele andere Themen. Auch wenn es blöd klingt: Wir sollten von Spiel zu Spiel denken“, betont Fritz.

Ich weiß, wie Frank arbeitet und wie gut er das macht.
Clemens Fritz über die Arbeit des Werder-Chefs Frank Baumann.

Mit dieser Antwort scheint er zu versuchen, Zeit zu gewinnen oder sich gerade bei heiklen Themen so unverbindlich wie möglich zu äußern. So hat er das schon als Profi gemacht, was nach 90 Minuten Vollgas im durchgeschwitzten Trikot vor den Notizblöcken der wartenden Journalisten manchmal gewiss keine ganz schlechte Taktik war. Von einem Leiter Profi-Fußball und Scouting wird allerdings schon mehr Klarheit und Inhalt erwartet. Im Fall Baumann legt Fritz nach dem durchaus interessanten Hinweis auf die Schnelllebigkeit des Geschäfts immerhin noch nach – und positioniert sich damit durchaus deutlich: „Ich werde ja auch kritisiert. Ich weiß, wie Frank arbeitet und wie gut er das macht. Davon habe ich profitiert und profitiere ich noch immer.“ Klingt schon danach, dass da einer sein Schicksal an das Schicksal des anderen knüpft.

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Fritz und Baumann sind eben sehr eng miteinander verbunden. Sie haben gemeinsam für Werder auf dem Platz gekämpft und dabei 2009 den DFB-Pokal geholt. Ohne Fußballschuhe waren sie für die Grün-Weißen weniger erfolgreich, sind mit Werder im vergangenen Sommer abgestiegen. Während Trainer Florian Kohfeldt einen Spieltag vor Saisonende gehen musste, durften Baumann und Fritz bleiben. Sie veränderten allerdings ihre Rollen. Fritz, der bislang vornehmlich für das Scouting zuständig gewesen war, übernahm zusätzlich Baumanns Job ganz nah am Trainerteam und an der Mannschaft. Baumann selbst will sich als Geschäftsführer Sport mehr um strategische Aufgaben kümmern und hat sich auf die Tribüne zurückgezogen.

„Es ist anders – vor allem von der Perspektive her. Auf der Tribüne hatte ich einen viel besseren Blick. Aber daran habe ich mich gewöhnt“, erzählt Fritz und gesteht: „Auf der Bank kann es schon mal emotionaler werden.“ Er versuche, sich zurückzuhalten. Gelegentlich hat man ihn aber schon mal aufspringen sehen – jubelnd oder auch wütend. Richtung Schiedsrichter gab es bereits ein paar deutliche Worte, genauso wie das eine oder andere Gespräch mit dem vierten Offiziellen. „Ich bin aber nie jemanden angegangen“, betont Fritz ausdrücklich. Ihm gehe es in erster Linie um einen Austausch. „Dadurch kann man die Emotionen rausnehmen.“

Fritz hat Auseinandersetzung mit Füllkurg abgehakt

Bei den eigenen Spielern ist ihm das nicht immer gelungen. Nach der 0:3-Klatsche in Darmstadt gab es nach dem Abpfiff erst auf dem Platz, dann auf dem Weg in die Kabine und schließlich noch in der Umkleide mächtig Ärger mit Niclas Füllkrug. Der Stürmer vergriff sich dabei deutlich im Ton, wurde vom Club für drei Trainingstage suspendiert. Eine unangenehme Geschichte für alle Beteiligten. Auch für Fritz, denn es ist unklar, wie sehr möglicherweise seine Autorität unter diesem Vorfall gelitten hat. „Für mich ist das total abgehakt, ich bin da nullkommanull nachtragend“, behauptet Fritz: „Ich freue mich, dass Niclas die richtige Reaktion zeigt – nicht nur auf dem Platz, sondern auch wie er sich in der Mannschaft gibt.“

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Ein typischer Fritz. Der 40-Jährige ist stets bemüht, das Glas halb voll und nicht halb leer darzustellen. Im Fall Füllkrug ist das auch ziemlich einfach, weil der Stürmer seitdem zwei Tore erzielt und zwei weitere vorbereitet hat. „Es kann immer Reibereien geben. Ich bin der letzte, mit dem man sich nicht reiben kann. Ich finde es sogar gut, wenn es auch mal Reibereien gibt. Das gehört dazu und das ist auch wichtig für das Innenleben einer Mannschaft“, erklärt Fritz, stellt aber auch klar: „Zu mir muss niemand kommen und mich fragen, warum er nicht spielt. Das muss er mit dem Trainer besprechen, da haben wir eine ganz klare Verabredung.“

So steht es um das Verhältnis Fritz-Anfang

Gemeint ist Chefcoach Markus Anfang. Mit ihm arbeitet Fritz wegen seiner neuen Rolle intensiver zusammen als mit Vorgänger Kohfeldt. In dieser Saison ist der Ex-Profi bei fast jedem Training dabei, reist einen Tag vor dem Anpfiff mit der Mannschaft zu den Auswärtsspielen und sitzt dort auch auf der Bank. Trotzdem ist es ein anderes Verhältnis als zu Kohfeldt. „Eine Freundschaft entwickelt sich, ich kenne Florian über Jahre, er war auf meiner Hochzeit“, erklärt Fritz, hebt aber sogleich hervor: „Es macht für die Arbeit keinen Unterschied, ob ich einen Florian schon zehn Jahre kenne und einen Markus erst seit einem. Wichtig war, dass wir uns schnell kennenlernen. Und jetzt weiß jeder, wie der andere tickt.“

Fritz und Anfang wirken nach außen nicht besonders innig, aber auch alles andere als distanziert. Professionell trifft es wohl am besten. Als Anfang vor einigen Wochen medial in die Kritik geriet und unsere Deichstube von einer „Unruhe an der Weser“ berichtete, da stellte sich Fritz schützend vor den Trainer – nicht gleich öffentlich, sondern er griff erst mal zum Hörer und beschwerte sich. „Wenn mir etwas missfällt, spreche ich das an. Es gibt Punkte, in die etwas hineininterpretiert wird. So war das in dem Fall auch. Dagegen gehe ich an. Das werde ich beibehalten.“

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In dieser Deutlichkeit gibt es das eher selten von Fritz, der bei öffentlichen Aussagen immer noch etwas vorsichtig bleibt. Er wägt zum Beispiel immer noch ganz genau ab, wie sehr er Mannschaft und Spieler via Medien kritisieren darf. Lieber redet er die Profis stark oder beteuert, dass ein Roger Assalé bald doch noch ganz wichtig für Werder sein wird, obwohl der 28-Jährige seit fünf Pflichtspielen keine einzige Minute gespielt hat. Manchmal hat man das Gefühl, dass in der Welt des Clemens Fritz einfach keine Probleme existieren.

Kritik an Fritz wegen Bremer Neuzugänge

Er ist und bleibt ein positiver Mensch, der sich beruflich nicht schont. Nach dem Spiel in Nürnberg flog er für ein paar Tage nach Kroatien, um sich in zwei Partien potenzielle Neuzugänge anzuschauen. Selbst dafür wird er gerne im Internet kritisiert, weil nicht wenige mit den Bremer Transfers der vergangenen Jahre unzufrieden sind. „Das bekomme ich gar nicht mit, weil ich nicht in den sozialen Medien unterwegs bin.“

Fritz weicht eben gerne aus oder spielt Sachen herunter: „Es ist nichts Neues für mich, kritisiert zu werden. Das kenne ich aus meiner Zeit als Spieler.“ Wahrscheinlich will er damit auch nur möglichst viel Gelassenheit demonstrieren, was in diesem aufgeregten Geschäft gewiss nicht falsch ist. Er garniert solche Momente dann gerne noch mit einem freundlichen Lächeln. So auch auf der Aussichtsplattform auf dem Trainingsgelände, als der 40-Jährige irgendwann den Blick aufs Wesentliche einfordert: „Jetzt möchte ich aber gerne noch ein bisschen Training schauen.“

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